ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Risikomanagement: „Sicherheitscheck kann zur Farce werden“

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Risikomanagement: „Sicherheitscheck kann zur Farce werden“

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1432 / B-1238 / C-1206

Merten, Martina

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2007 hatte das Aktionsbündnis Patientensicherheit Empfehlungen zur Prävention von Eingriffsverwechslungen an mehr als 2 000 Krankenhäuser gegeben. Erste Berichte aus der Praxis zeigen: Ganz so leicht fällt die Umsetzung nicht.

Vorhaben klingen in der Theorie häufig vielversprechend und sinnvoll. Die Umsetzung stellt sich in der Praxis jedoch bisweilen als problematisch heraus. So war es auch mit den „Empfehlungen zur Prävention von Eingriffsverwechslungen“. „Bis zum heutigen Tag weiß bei uns niemand, was ein ,Team-Time-Out’ eigentlich ist“, bemängelt Dr. med. Emilio Dominguez, Oberarzt der Klinik für Viszeral,- Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Gießen und Marburg.

Dominguez’ Chef, Prof. Dr. med. Matthias Rothmund, leitet die Arbeitsgruppe Eingriffsverwechslung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS)*. Das Bündnis geht von 100 bis 240 Eingriffsverwechslungen jährlich mit juristisch bestätigter Schadensfolge aus. Als ,Team-Time-Out’ hat der Zusammenschluss die letzte von vier Sicherheitsstufen bezeichnet, die ein Operationsteam vor einem Eingriff beachten sollte. Der Begriff steht für ein letztes Innehalten des Teams, um vor der Operation alles auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen. An erster Stelle, so legte es die Arbeitsgruppe bereits 2006 fest, solle das OP-Team zur Vermeidung von Eingriffsverwechslungen vor oder nach der Aufnahme einen Identifikationstest mit dem Patienten durchführen. Anschließend solle der Ort des Eingriffs – beispielsweise das linke Bein oder der rechte Arm – noch außerhalb des Operationssaals mit einem nicht abwischbaren Stift markiert werden. An der Schwelle zum Operationssaal, so empfiehlt die Arbeitsgruppe, solle das Team den Patienten erneut identifizieren. Soviel zur Theorie.

Die Gruppe unter Rothmunds Leitung fasste die Empfehlungen schriftlich zusammen und entwarf zusätzlich ein Plakat, auf dem die vier Sicherheitsstufen abgebildet sind (siehe Abbildung). Im Rahmen einer groß angelegten Kampagne gegen Eingriffsverwechslungen, an der neben dem APS die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der AOK-Bundesverband teilnahmen, schickte das Bündnis die Empfehlungen an mehr als 2 000 Krankenhäuser (siehe DÄ, Heft 39/2007). Den Krankenhäusern steht es frei, die Präventionsmaßnahmen umzusetzen.

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Poster mit Anweisungen im Alltag schnell übersehen

Am Universitätsklinikum Gießen-Marburg war man von den Empfehlungen überzeugt. Schließlich hatte das dort verwendete Fehlermeldesystem gezeigt, dass es bei vielen Operationen beinahe zu Eingriffsverwechslungen gekommen war, berichtete Dominguez am Rande eines APS-Workshops Mitte Juni in Berlin. So war der Entschluss, die Poster mit den Empfehlungen im Operationssaal aufzuhängen und sich an den Sicherheitsstufen zu orientieren, schnell getroffen. Allerdings: Es sorgten bislang nicht nur Begriffe wie ,Team-Time-Out’ für Verwirrung, räumt Dominguez ein. Auch habe keiner die Poster so recht wahrgenommen, erzählte der Chirurg. „Dabei ist der gesamte OP-Saal voll davon.“

An den Asklepios-Kliniken Hamburg nahm sich die Risikomanagement-Abteilung des Themas an. Der Beschluss, die Handlungsempfehlungen umzusetzen und an die hausinternen Strukturen anzupassen, fiel Ende letzten Jahres. Zunächst, sagt Reiner Heuzeroth, bei den acht Asklepios-Kliniken für das Qualitätsmanagement zuständig, verlief alles reibungslos: Erst händigte die Risikomanagement-Abteilung den Operationsteams die Handlungsanweisungen des APS aus, anschließend informierte sie die Patienten über die neuen Sicherheitsvorgaben. „Schließlich wollten wir die Patienten mit dem neuen Vorgehen nicht verunsichern“, erklärte Heuzeroth. Vier Monate später erfolgte eine erste Abfrage zum bisherigen Verlauf. Das Ergebnis: „Es ist ein großer Veränderungsprozess im Gange.“ Denn auch den Ärzten an den Asklepios-Kliniken bereitete das ,Team-Time-Out’ Probleme. So wusste keiner so recht, wer das letzte Innehalten anordnen soll, es kam zu Hierarchieproblemen. Zudem verunsicherte wie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg viele Ärzte der Begriff an sich. „Der Check kann auf diese Weise schnell zur Farce werden“, sagt Heuzeroth.

In vier Schritten zur mehr Sicherheit:Erst den Patienten identifi-zieren,dann den Eingriffsort markieren,ihn anschließend dem richtigenOP-Saal zuweisen und kurz vor OP-Beginn noch einmal innehalten.
In vier Schritten zur mehr Sicherheit:Erst den Patienten identifi-zieren,dann den Eingriffsort markieren,ihn anschließend dem richtigenOP-Saal zuweisen und kurz vor OP-Beginn noch einmal innehalten.
Ein überwiegend positives Feedback kam bislang vom Frankfurter Universitätsklinikum. Auch hier waren mehrere Beinahe-Verwechslungen der Grund, sich mit dem Thema näher zu beschäftigen. Das Klinikum gründete ein interdisziplinäres Projektteam, das neben Ärzten auch aus dem Qualitätsbeauftragten des Hauses und dem Operations-Management besteht. „Seitdem“, berichtet Thomas Wietryckus, Pflegewirt und Mitglied der Gruppe, „gab es keine Beinahe-Verwechslungen mehr.“ Zur Akzeptanz des APS-Sicherheitskonzepts habe beigetragen, dass die für die Operation verantwortlichen Chirurgen das ,Team-Time-Out’ vorlebten und einforderten, sagt der Pflegewirt. So war dem Operationsteam klar, wer für was zuständig ist. „Eine Chef-Mentalität führt zu nichts“, ist Dominguez Erfahrung. Allerdings, so ging aus den Rückmeldungen der Frankfurter hervor, müssen die einzelnen Schritte des letzten Sicherheitschecks noch genauer beschrieben sein.
Martina Merten

* Das Aktionsbündnis Patientensicherheit ist im April 2005 gegründet worden. Es hat inzwischen rund 200 Mitglieder, darunter Vertreter aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens – Ärzte, Pfleger, Patienten, Wissenschaftler und Versicherungswirtschaftler. Einmal jährlich gibt das Bündnis einen Bericht heraus, die „Agenda Patientensicherheit“.

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