ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Hautkrebsprävention: Deutschland weltweit als Vorreiter

MEDIZINREPORT

Hautkrebsprävention: Deutschland weltweit als Vorreiter

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1436 / B-1241 / C-1209

Blaeser-Kiel, Gabriele

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Malignes Melanom: 50 Prozent entwickeln sich aus pigmentierten Muttermalen,ein Teilaber auch „spontan“auf völlig unveränderter Haut. Grafik:Solvay-Arzneimittel
Malignes Melanom: 50 Prozent entwickeln sich aus pigmentierten Muttermalen,ein Teilaber auch „spontan“auf völlig unveränderter Haut. Grafik:Solvay-Arzneimittel
Am 1. Juli 2008 fällt der Startschuss zum bundesweiten qualitätsgesicherten
Hautkrebs-Screening für gesetzlich Versicherte ab dem 35. Lebensjahr.

Es ist uns gelungen, den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen davon zu überzeugen, ein bundesweites Screening auf Hautkrebs im Zwei-Jahres-Rhythmus einzuführen“, berichtete Prof. Dr. med. Eckhard Breitbart (Buxtehude) in Hamburg mit sichtlicher Zufriedenheit vom Erfolg einer nahezu zwanzigjährigen Vorarbeit. Der zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention sieht darin eine neue Chance zur Senkung der Inzidenz und Letalität dieser Krankheit.

Foto:Universitäts-Hautklinik Kiel
Foto:Universitäts-Hautklinik Kiel
Anspruchsberechtigt sind alle gesetzlich versicherten Männer und Frauen ab dem 35. Lebensjahr – das sind rund 45 Millionen Menschen in Deutschland. Zielläsionen sind – anders als bei der bisher im Rahmen von Krebsfrüherkennungsprogrammen angebotenen Inspektion der Haut – nicht nur maligne Melanome, sondern auch Basaliome und Spinaliome. Die Altersgrenze von 35 Jahren hält Breitbart für gut gewählt. Damit könne man 99 Prozent aller „weißen“ und 86 Prozent aller „schwarzen“ Hautkrebse erfassen. Auch ein Abstand von zwei Jahren zwischen den Vorsorgeuntersuchungen ist für ihn vertretbar. Ob es richtig sei, werde sich frühestens 2013 am Ende der Pilotphase herausstellen. Bisher gebe es keine aussagefähigen Daten dazu.

Das Screening umfasst die gezielte Anamnese und die standardisierte visuelle (ohne Auflicht- oder Videomikroskopie) Inspektion der gesamten Haut inklusive des behaarten Kopfs, der Geschlechtsorgane und aller Intertrigines. Diese Untersuchung kann der Hausarzt – eventuell im Rahmen des ebenfalls im Zweijahresrhythmus fälligen Check-ups – durchführen. Bei Verdacht erfolgt dann die Überweisung des Patienten an einen Dermatologen zur weiterführenden Diagnostik beziehungsweise Therapie und Nachsorge bei histopathologischer Hautkrebsdiagnose. Der Berechtigte kann aber auch direkt zum Hautarzt gehen.

Für das Hautkrebs-Screening wird keine Praxisgebühr von zehn Euro erhoben, und die ärzliche Leistung unterliegt nicht dem Budget. Voraussetzung für die Abrechnung ist eine achtstündige Schulung, die von Dermatologen, hausärztlich tätigen Fachärzten für Allgemeinmedizin, Internisten und Praktischen Ärzten wahrgenommen werden kann. „Bisher haben sich rund 10 000 der 45 000 Hausärzte für das Hautkrebs-Screening qualifiziert“, so Dr. Dietmar Sturm, Vorsitzender des Instituts für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband e.V., bei einer Pressekonferenz in Berlin.

Den Dermatologen kommt die wichtige Aufgabe zu, jeden histopathologisch gesicherten Hautkrebsfall an das regional zuständige Krebsregister zu melden. Davon erhofft sich Breitbart endlich die schon lange geforderten gesicherten Zahlen zur Inzidenz in Deutschland. Noch dringender benötige man die möglichst lückenlose Dokumentation, um den Effizienznachweis zu führen. Denn die Vorsorgemaßnahme sei vorerst auf fünf Jahre befristet und stehe dann erneut auf dem Prüfstand. „Bisher hat kein Land dieser Welt den Mut gehabt, solch ein Massenscreening einzuführen und zu evaluieren – wir haben also eine Vorreiterrolle übernommen“, so Breitbart. „Alles schaut auf uns. Wenn wir es nicht schaffen, wird das Hautkrebs-Screening nirgendwo auf der Welt eingeführt.“

Millionen Menschen besuchen regelmäßig Sonnenstudios
Besser noch als Früherkennung ist jedoch die Prävention. Über den ursächlichen Zusammenhang zwischen unverhältnismäßiger bis exzessiver Sonnenexposition und dem Anstieg der Hautkrebsinzidenz ist in zahlreichen Kampagnen breit aufgeklärt worden. Seit einiger Zeit verstärkt ins Visier geraten sind die Solarien. „Nach vorsichtigen Schätzungen müssen wir in Deutschland von rund vier Millionen regelmäßigen sowie von weiteren zwölf Millionen gelegentlichen Sonnenstudio-nutzern ausgehen“, sagte Breitbart. Diese Menschen hätten ein deutlich erhöhtes Risiko, im späteren Leben an Hautkrebs zu erkranken. Das gelte besonders dann, wenn die Sonnenbanknutzung vor dem 30. Lebensjahr begonnen werde.

Daher warnen nationale und internationale Institutionen – wie zum Beispiel die Deutsche Krebshilfe, die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention und die Strahlenschutzkommission sowie die WHO und die Euroskin – nachdrücklich davor, künstliche UV-Strahlung für kosmetische Zwecke oder zur Deckung des Vitamin-D-Bedarfs zu nutzen. Der therapeutische Einsatz von UV-Strahlung sollte nur nach strenger und sorgfältiger Indikationsstellung und nur in klinischen Einrichtungen oder ärztlichen Praxen erfolgen.

Zum Schutz von Jugendlichen ist eine Gesetzesinitiative des Bundesumweltministeriums angelaufen, die den unter 18-Jährigen den Besuch von Solarien ganz verbieten soll – wie es beispielsweise bereits in Frankreich und Spanien gilt. Seit August 2007 müssen die Sonnenstudiobetreiber ein Mandat der EU umsetzen, wonach neue Geräte eine maximale Bestrahlungsstärke von 0,3 W/m2 nicht überschreiten dürfen. Für Altgeräte gilt eine Karenzzeit bis 2010.

„0,3 W/m2 entspricht der Strahlungsstärke der Äquatorsonne am wolkenlosen Himmel um die Mittagszeit. Warum soll man also den Menschen künstlich etwas zumuten, was sie auf natürliche Weise gar nicht bekommen könnten?“, erläuterte Euroskin-Generalsekretär Dr. Rüdiger Greinert (Buxtehude) die dahinterstehende Philosophie.

Die Beschränkung der Strahlungsstärke ist eine der Voraussetzungen, um vom Bundesamt für Strahlenschutz das Gütesiegel „Zertifiziertes Sonnenstudio“ zu erhalten. Zusätzlich müssen noch weitere technische, hygienische und personelle Bedingungen erfüllt sein. Der wahrscheinlich wichtigste Faktor ist kompetentes Personal. Eine entsprechende Schulung soll dazu befähigen, den Hauttyp des Kunden zu bestimmen und einen individuellen Bestrahlungsplan (pro Bestrahlung nicht mehr als eine minimale Erythemdosis) zu erstellen. Ferner muss dafür Sorge getragen werden, dass Personen unter 18 Jahren oder mit Hauttyp 1 nicht „besonnt“ werden.

„Wir haben für diese freiwillige Zertifizierung große Anstrengungen unternommen, aber die Response ist noch immer sehr gering“, nannte Greinert den Status quo. Von den geschätzten 6 500 Sonnenstudios in Deutschland hatten bis Mitte Juni gerade einmal 347 das Zertifikat erhalten (www.bfs.de/de/uv/solarien/Solarienbetriebe.pdf). Bei ersten stichprobenartigen Kontrollen hat man in jedem zehnten Fall das Zertifikat wieder entziehen müssen.
Gabriele Blaeser-Kiel

Hautkrebs in Stichworten
Hautkrebs ist der weltweit am häufigsten auftretende Krebstyp. Jedes Jahr erkranken in Deutschland – sehr konservativ geschätzt – rund 135 000 Menschen erstmalig an Hautkrebs. Davon entfallen laut der Dokumentation des Krebsregisters Schleswig-Holstein etwa
- 63 Prozent auf Basaliome (Basalzellkarzinome),
- 21 Prozent auf Spinaliome (Stachelzellkarzinome/
Plattenepithelkarzinome) und
- 16 Prozent auf maligne Melanome.
Mit etwa 875 000 Behandlungsfällen jährlich (Primärerkrankungen, Rezidive, Mehrfachtumoren) stellt der Hautkrebs eine erhebliche ökonomische Belastung für das Gesundheitssystem dar.

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