ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Multinationale Nicht kommerzielle Studien: Kritik an uneinheitlichen Anforderungen

THEMEN DER ZEIT

Multinationale Nicht kommerzielle Studien: Kritik an uneinheitlichen Anforderungen

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1442 / B-1246 / C-1214

Imhoff-Hasse, Susanne

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Handnaht oder Klammernahtgerät: Operateure aus 20 europäischen Zentren einigten sich auf einheitliche Operationstechniken bei Pankreasoperationen. Foto:ddp
Handnaht oder Klammernahtgerät: Operateure aus 20 europäischen Zentren einigten sich auf einheitliche Operationstechniken bei Pankreasoperationen. Foto:ddp
Es ist nicht einfach, die Hürden bei der Organisation nicht kommerzieller Studien zu nehmen. Leistungen von Ärzten in solchen Therapiestudien werden zu wenig anerkannt.

Bei der patientenorientierten Forschung werden multinationale klinische Studien von Universitätskliniken oder anderen Forschungseinrichtungen dringend benötigt und daher weiter zunehmen. Beispiele, wie die Hürden bei der Organisation nicht kommerzieller Studien genommen werden können, gab es auf einem Symposium des bundesweiten Netzwerks der Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKSN) in Köln.

Als zentrale Dienstleistungseinrichtungen der Hochschulen gehören heute 13 Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS) mit mehr als 400 Mitarbeitern bundesweit zum KKS-Netzwerk. Sie unterstützen Ärzte und Wissenschaftler in Universitätskliniken, Krankenhäusern oder Praxen bei der Organisation von klinischen Prüfungen. 2007 wurden rund 1 000 Studien im Netzwerk durchgeführt, davon 73 Prozent Arzneimittelstudien. Anlässlich des Kölner Symposiums warb Prof. Dr. med. Herbert Maier-Lenz vom Vorstand des KKSN dafür, solche Studien auch als Möglichkeit zu einer wissenschaftlichen Karriere zu sehen.

Klinische Studien, die nicht von pharmazeutischen oder medizintechnischen Unternehmen gesponsert würden, seien zunehmend multinational angelegt, etwa wegen zu geringer Patientenzahlen bei seltenen Erkrankungen in Deutschland oder für pädiatrische Indikationen, sagte Prof. Dr. med. Markus Löffler vom KKS Leipzig. Er verwies auf nach wie vor bestehende Probleme bei der Finanzierung.

Nationale Förderer wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) oder die Deutsche Krebshilfe (DKH) stellten keine Mittel für ausländische Prüfzentren bereit. Löffler schlug die Ausweitung der Förderprogramme von BMBF sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) um ein Modul für multinationale Studien vor. Die mangelnde Kenntnis der Ansprechpartner in den Ländern sowie die kaum harmonisierten Anforderungen an die Genehmigung erschwerten solche Studien.

Vergleich von Operationsmethoden
Den erfolgreichen Start einer europaweiten klinischen Studie zu zwei unterschiedlichen Operationsmethoden bei der Entfernung des Schwanzes der Bauchspeicheldrüse erläuterte Priv.-Doz. Dr. med. Christoph M. Seiler vom Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie an der Universitätsklinik Heidelberg. Bei der Linksresektion des Pankreas variieren die Angaben zur Morbidität in der Literatur sehr stark (zwischen zehn und 40 Prozent), die zu postoperativen Fisteln als gefürchteter Komplikation liegen zwischen drei und 40 Prozent.

Um die Sicherheit und Effektivität der medizinischen Eingriffe quantitativ zu erfassen, startete das Studienzentrum im Dezember 2006 die randomisierte kontrollierte Studie DISPACT (distal pancreatectomy), die das BMBF mit 1,5 Millionen Euro fördert. Dabei wird das Gewebe nach Entfernung des Pankreasschwanzes entweder mit Handnähten oder einem Klammernahtgerät verschlossen. In jahrelangen Vorarbeiten konnten laut Seiler viele Probleme gelöst werden. So einigten sich beispielsweise die Chirurgen aus 20 europäischen Zentren, darunter einige osteuropäische, nach gemeinsamen Eingriffen an Tieren auf einheitliche Operationstechniken, die Einbeziehung von Patienten mit Pankreastumoren oder chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung sowie Pseudozysten und akzeptierten die Definition einer Konsensusgruppe zur postoperativen Fistel. Zur Qualitätssicherung werden standardisiert Fotos während der Eingriffe aufgenommen.

Bei dieser Studie mit 336 geplanten Kranken sei der Zulauf von Patienten größer als erwartet, nannte Seiler als einen Vorteil des multinationalen Vorhabens. Im November 2008 soll eine Zwischenanalyse zeigen, ob sich eines der Verfahren bereits zu diesem Zeitpunkt als überlegen erwiesen haben wird oder ob die Rekrutierung bis 2010 fortgeführt wird.

Erhebliche Verzögerungen hätten sich durch die völlig unterschiedlichen Anforderungen an das Studienmanagement in den Ländern ergeben. Darüber hinaus bemängelte Seiler die zu große Bürokratie bei den Ethikkommissionen, deren Beratung jede Klinik benötigt, um an der Studie teilzunehmen. Die Ethikkommissionen sollten die Verfahren standardisieren und sich mehr auf die ethische Beratung der Wissenschaftler konzentrieren, anstatt den zehnfachen Ausdruck des Studienantrags oder geringfügige Änderungen am Datenformat der Patienteninformation zu verlangen. Zudem stellten die wissenschaftlichen Kooperationsverträge mit den Verwaltungen eine Herausforderung dar, weil die Juristen zum Teil ganz andere Rechtsauffassungen verträten.

Über Ländergrenzen hinweg kooperieren
Wissenschaftler müssen bei multinationalen, nicht kommerziellen Studien das Problem lösen, dass es zumeist keinen Sponsor mit Niederlassungen in den verschiedenen Ländern gibt. Bei der europäisch-US-amerikanischen Studie zu Knochenkrebs bei Kindern und Jugendlichen, EURAMOS, übernahm die britische öffentlich geförderte Organisation zur Forschungsförderung Medical Research Council (MRC) die Rolle eines europäischen Sponsors, berichtete Prof. Dr. med. Stefan Bielack von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Stuttgart. MRC wiederum delegierte die Sponsorpflichten für Deutschland an die Universitätsklinik Münster, die Bielack als Leiter der Cooperativen Osteosarkomstudiengruppe COSS mit der Koordination beauftragte. Mit der deutsch-österreichisch-schweizerischen Gruppe kooperieren seit 2001 drei weitere etablierte Studiengruppen im Projekt, an dem zwölf europäische Länder, die USA und Kanada beteiligt sind. Patienten wurden ab 2005 aufgenommen, 713 Tumorkranke wurden bis Ende September 2007 in 233 Einrichtungen betreut. Die vier internationalen Studiengruppen erheben eigenständig ihre Daten, die sie an das MRC nach London in eine gemeinsame Datenbank senden. Die Arzneiüberwachung übernahm das KKS Münster. Das Projekt wird außer von der DKH auch von der DFG gefördert, es ist Teil eines Forschungsvorhabens der europäischen Wissenschaftsorganisation European Science Foundation (ESF).

Bei dem Symposium wurden die hohen administrativen Anforderungen an die Ärzte deutlich. Mit der 12. Novelle des Arzneimittelgesetzes hat seit 2004 der Studienleiter die Verantwortung für die Anträge zur Genehmigung einer klinischen Studie bei den Ethikkommissionen und Bundesoberbehörden. Grundsätzlich wertete Prof. Dr. med. Herbert Maier-Lenz (KKS-Netzwerk) die Änderungen als positiv, sie hätten das Niveau auf einen international vergleichbaren Standard angehoben. Allerdings müsse die Harmonisierung der Pflichten national und international vorangetrieben werden. Besonders die uneinheitlichen Melde- und Anzeigepflichten der vielen Ethikkommissionen und der Behörden in den einzelnen Mitgliedsstaaten bedeuteten bei multinationalen Studien hohe Hürden für die Wissenschaftler. Zudem müssten unnötige Anforderungen des Arzneimittelgesetzes beseitigt werden, die beispielsweise von Krankenhausapotheken bereits bei Umkartonierungen von Medikamenten für andere Prüfzentren außerhalb der Einrichtung eine Herstellungserlaubnis verlangten.

Nach Meinung von Maier-Lenz zeigen die DISPACT- und EURAMOS-Studien, dass ein Engagement in aufwendigen multinationalen klinischen Studien gelingen kann. Allerdings müsse sich die Beteiligung der Wissenschaftler daran auch lohnen. Noch erkennen zu wenige Kliniken die Leistung von Ärzten in Therapiestudien an, sagte Maier-Lenz, der für eine bessere Würdigung der diesbezüglichen Veröffentlichungen und Verbesserungen bei wissenschaftlichen Karrieren in diesem Bereich plädierte. Gegen die bestehende Unterfinanzierung der Projekte müssten mehr Drittmittel, zum Beispiel von Stiftungen oder der Industrie, eingeworben werden und die vom BMBF geförderten Vorhaben gezielt ausgesucht und bei ausreichend langer Laufzeit kostendeckend unterstützt werden.
Susanne Imhoff-Hasse

Klinische Forschung
ECRIN – europäische Infrastruktur
Nur über Ländergrenzen hinweg lassen sich häufig ausreichend Patienten, die an seltenen Erkrankungen leiden, für nicht kommerzielle klinische Studien rekrutieren. Diese Barrieren sollen durch den Aufbau einer paneuropäischen Infrastruktur für klinische Forschung mit dem Akronym ECRIN beseitigt werden. Das „European Clinical Research Infrastructures Network“ wurde 2004 ins Leben gerufen, um die Fragmentierung der klinischen Forschung in Europa zu überwinden. In Deutschland ist das Netzwerk der Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS-Netzwerk) nationaler Partner von ECRIN.

Klinische Studien auf multinationalem Niveau kranken meist an länderspezifisch unterschiedlichen Anforderungen. Die Kenntnisse über diese unterschiedlichen Anforderungen werden in ECRIN zusammengebracht und – wo immer möglich – harmonisiert. „Die Harmonisierung betrifft Bereiche wie Datenmanagement, Monitoring und den Transfer von biologischen Proben", erläuterte Prof. Christian Ohmann, nationaler Koordinator des KKS-Netzwerks für das ECRIN-Projekt und Leiter des Koordinierungszentrums für Klinische Studien an der Universität Düsseldorf.

„Darüber hinaus“, so Ohmann, „ist aber eine weitere Harmonisierung der europäischen Gesetzgebung im Bereich des Reporting von unerwarteten schwerwiegenden Arzneimittelnebenwirkungen, der Herstellung von Arzneimitteln und der Genehmigung von Forschungsprojekten erforderlich.“ Diesen Fragen widmet sich derzeit die Europäische Kommission in Zusammenarbeit mit der Europäischen Zulassungsbehörde.
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