ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Medizinische Assistenzberufe: Arzthelferinnen fühlen sich „ausgebrannt“

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Medizinische Assistenzberufe: Arzthelferinnen fühlen sich „ausgebrannt“

Glöser, Sabine

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LNSLNSLNSLNS Der Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen machte kürzlich auf eine Studie über das "Burnout"-Syndrom bei Arzthelferinnen aufmerksam. Während die Ärztekammer Hessen gemeinsam mit dem Landesarbeitsamt für das Jahr 1995 eine positive Ausbildungsbilanz zog, "birgt auch dieser Beruf das Risiko, mit der Zeit auszubrennen und ernsthafte gesundheitliche Folgen davonzutragen", zieht die Psychologin Birgit Reime das Fazit aus ihrer Untersuchung.


Der Beruf Arzthelferin ist einer der Wunschberufe junger Mädchen und Frauen. Im Jahr 1995 suchten insgesamt 2 150 Bewerberinnen einen Ausbildungsplatz über die Berufsberatung der hessischen Arbeitsämter. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge lag Ende September vergangenen Jahres mit 1 342 um 11,5 Prozent höher als im Vorjahr. Bernd Wildgrube vom Landesarbeitsamt Hessen und der Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Hessen, Dr. Michael Popovi´c, nahmen diese positive Ausbildungsbilanz in Hessen zum Anlaß, an Ärzte zu appellieren, verstärkt auszubilden. Nur ein ausreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen für die motivierten Bewerberinnen könne den Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs sichern. Wildgrube und Popovi´c sind sich einig, daß sowohl neue Ausbildungsstellen geschaffen als auch die Begleitung der Ausbildung verbessert werden müßten. Demgegenüber macht eine psychosoziale Berufskrankheit, die als Burnout-Phänomen Bekanntheitsgrad erlangt hat, Arzthelferinnen zu schaffen, die schon länger im Berufsleben stehen. Burnout "umschreibt die Erfahrung, nach anfänglicher Begeisterung für den Beruf schleichend desinteressiert und gleichgültig zu werden. Dies passiert aufgrund vieler frustrierender und belastender Erfahrungen und äußert sich schließlich durch Rückzug aus dem Kollegen- und Freundeskreis", schildert die Diplompsychologin Birgit Reime von der Universität Marburg. Sie initiierte die erste wissenschaftlich fundierte psychologische Studie, bei der Arzthelferinnen zu diesem Themenkomplex befragt wurden. Insgesamt konnten die Daten von 229 Teilnehmerinnen in die Auswertung einbezogen werden.
Im Vergleich mit anderen medizinischen Berufsgruppen liegt die Ausprägung des "Ausbrennens" bei den Arzthelferinnen am höchsten; sie wurde anhand des subjektiven Gefühls der emotionalen Erschöpfung, der Entfremdung und der subjektiven Leistungseinschätzung gemessen. Arzthelferinnen fühlen sich demzufolge in hohem Maße niedergeschlagen und hoffnungslos, sind negativ eingestellt, und ihr Vertrauen in eigene Fähigkeiten schwindet. Gesundheitsschädliches Verhalten ist nach ersten Ergebnissen die Folge dieses Ausbrennens: um die negativen Symptome zu kompensieren, steigt der Konsum an Alkohol, Zigaretten, Beruhigungsmitteln und Analgetika.
Auf der Suche nach den Ursachen des Ausbrennens stellte sich heraus, daß enttäuschte Erwartungen eine wesentliche Rolle spielen. Der Motivation, diesen Beruf zu ergreifen, wurde die Einschätzung der Berufsrealität gegenübergestellt. Reime spricht von einem "eher weiblichen Motivationsprofil", das Erwartungen wie "Kontakt zu Menschen", "interessante Tätigkeit" und "helfen können" aufwies; ein "hohes Einkommen" oder "Aufstiegschancen" waren hingegen für die Berufswahl nicht entscheidend. Obwohl sich die meisten dieser Vorstellungen im Berufsalltag erfüllten, gaben fast zwei Drittel der Arzthelferinnen an, keine Anerkennung zu finden. Etwa die Hälfte fühlte sich als Frau in ihrem Beruf nicht geschätzt. "Daß es sich hierbei um überzogene Erwartungen handelt, ist energisch zu bestreiten. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein menschliches Grundmotiv und muß gerade im Arbeitsvollzug berücksichtigt werden", bewertete Reime das Ergebnis. Emotionale Erschöpfung stellte sich auch bei denjenigen Arzt-helferinnen ein, die ihre Tätigkeit als nicht sinnvoll erlebten, wenig soziale Unterstützung bekamen oder viele Überstunden absolvierten.


Soziale Aspekte am Arbeitsplatz
Einen wesentlichen Einfluß auf die Ausprägung des Ausbrennens hatte zudem das Betriebsklima. Entgegen allen Erwartungen zeige sich eindeutig, daß die sozialen Aspekte am Arbeitsplatz eine weitaus größere Wirkung haben als die fachlichen, gab Reime zu verstehen. Die Psychologin mißt diesem "extrem brisanten" Ergebnis eine große Bedeutung zu: "Die Auswertungen haben offengelegt, daß die beruflichen Belastungen nicht nur von außen kommen, denn im kollegialen Bereich liegt sehr viel Sprengstoff verborgen. Der geringe Einfluß auf die Zusammensetzung des Teams und die Arbeitsverteilung untereinander sind eng mit dem Auftreten von Burnout verknüpft." Um diese Problematik anzugehen, schlägt die Wissenschaftlerin den Betroffenen vor, nach Streßbewältigungsmöglichkeiten zu suchen. In Workshops und Seminaren beispielsweise ließen sich Kommunikationsstrategien zur besseren Bewältigung von beruflichen Belastungen erlernen. Dr. Sabine Glöser

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