ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Arzt-Patienten-Kommunikation: Den Perspektivenwechsel trainieren

STATUS

Arzt-Patienten-Kommunikation: Den Perspektivenwechsel trainieren

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1469 / B-1269 / C-1237

Kutscher, Patric P.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto:Caro
Foto:Caro
Dass sich Ärztinnen und Ärzte zu wenig Zeit für ein Patientengespräch auf Augenhöhe nehmen, wird in Patientenbefragungen regelmäßig beklagt. Der Patient fühlt sich mitunter „von oben herab“ behandelt, als Laie vom Fachmann belehrt und missverstanden. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, zweifellos im Gesundheitssystem begründet und der hohen Belastung der Ärzte geschuldet. Zuweilen jedoch liegt es auch daran, dass es einem Arzt schwerfällt, sich in die Welt des Patienten zu begeben (auch sprachlich), seine Sichtweise zu wechseln, die Perspektive des Patienten einzunehmen und genau zuzuhören. Arzt und Patient reden dann aneinander vorbei.

„Es ist wichtig, dass wir Ärzte erkennen, wie wichtig die Kommunikation von Mensch zu Mensch ist – für beide Beteiligten“, meint der Kinderarzt Dr. med. Martin Herkenhoff mit Praxis im bayerischen Germering. Dies ist seine Erkenntnis aus vielen Gesprächen mit kleinen Patienten und besorgten Eltern, bei denen Fingerspitzengefühl und Sensibilität besonders gefragt sind.

Die Sensibilität im Umgang mit dem Patienten und die Fähigkeit, sich in seine Situation zu versetzen, kann trainiert werden. „Künftige Ärzte proben an Schauspielern“ – diese Meldung ging Anfang 2008 durch die Zeitungen. Damit Ärzte lernen, wie sie ein gutes Gespräch mit dem Patienten führen, proben sie dies am Studienhospital in Münster mit „wirklichen“ Menschen, aber eben Schauspielern. Der gestellte Klinikalltag hilft den angehenden Ärzten, sich praxisnah auf die Situation des Patienten einzulassen und das Patientengespräch zu trainieren.

Der Perspektivenwechsel wird auch geübt, wenn sich – etwa in einem Seminar – die Ärzte selbst ins Bett legen müssen und in eine Visitensituation versetzt werden. In dieser Übung spüren sie, wie verletzlich und ausgeliefert sich Patienten vorkommen, wenn ein Ärztetross im medizinischen Jargon über den „Blinddarm in Bett 122“ fachsimpelt. Der Idealfall sieht anders aus: Der Arzt setzt sich bei der Visite auf einen Stuhl und signalisiert so augenfällig, dass er sich mit dem Patienten auf Augenhöhe begibt. Der Patient fühlt sich als Individuum wahr- und ernst genommen und spürt, dass man mit ihm spricht – und nicht über ihn.

Am wichtigsten sei, dass der Arzt „sich bewusst wird, in welcher Welt der Patient lebt, wie er seine Umgebung, den Arzt und vor allem seine Krankheit wahrnimmt“, sagt Herkenhoff. Darum sollte der Arzt in seiner täglichen Arbeit nach Möglichkeiten suchen, die typische Arzt-Patient-Beziehung aufzubrechen – etwa indem er sich immer wieder im übertragenen Sinn auf „den Stuhl des Patienten setzt“ und dessen Perspektive einnimmt.

Dieses Training ist im hektischen Praxisalltag nicht immer möglich. Neben dem Seminarbesuch gibt es weitere, recht unorthodoxe Möglichkeiten, die Patientenkommunikation zu verbessern. Dazu gehört die Beschäftigung mit der Philosophie, mit einem Buch oder auch der Theaterbesuch. Diese Aktivitäten schulen Ärzte darin, zuzuhören, den anderen reden zu lassen und sich in ihn hineinzuversetzen. Wer etwa ein philosophisches Buch liest, lernt andere Gedankenwelten kennen, wer einen Roman liest, blickt über den Tellerrand der eigenen fachspezifischen Kompetenz hinaus, wer das Theater besucht, setzt sich mit fremden Empfindungswelten auseinander. Es muss selbstverständlich nicht immer so sein, aber: Wer viel liest, das philosophische Gespräch sucht und im Theater erfährt, dass ein Problem so gut wie immer aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden kann und es zumeist die allein selig machende Lösung nicht gibt, schult sein Wahrnehmungsvermögen, seine sozialen und emotionalen Fertigkeiten und baut die Fähigkeit zur Empathie auf. Er entwickelt die Kompetenz, Menschen als Menschen und nicht als „kranke Fälle“ wahrzunehmen.

Wenn in der freien Wirtschaft heutzutage vermehrt Geisteswissenschaftler in Führungspositionen gelangen (und weniger Juristen und Betriebswirte), so hat das damit zu tun, dass man ihnen eher zutraut, komplexe Strukturen und Prozesse ganzheitlich und differenziert zu betrachten.

Heißt das: Heute Goethes und Kants Gesamtwerk lesen, abends das Theater besuchen – und morgen zum Perspektivenwechsel fähig sein? Etwas komplizierter ist es schon: In der Auseinandersetzung mit Literatur, Kunst und Philosophie wird der Arzt mit Bedeutungsvielfalt konfrontiert und sensibilisiert sich dafür, dass prinzipiell „alles“ zwei oder mehrere Seiten hat. Ein Kunstwerk ist mehrdimensional aufgebaut und umfasst zahlreiche Sinnhorizonte – der Arzt macht sich so vertraut mit der Möglichkeit, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten als aus der standpunktverhafteten subjektiven Sichtweise. Er lernt, auch einmal vom eigenen Ich abzusehen. Schließlich kann er eine Metaperspektive einnehmen, und bestenfalls entführt ihn das Kunstwerk in eine fremde und fiktive Welt, die seinen Bewusstseinshorizont weitet und zu mehr Assoziations- und Verknüpfungsmöglichkeiten führt: Der Arzt ist eher in der Lage, die Wahrnehmungsbrille zu wechseln.

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ist nicht von heute auf morgen zu erlangen, vielmehr bedarf es der ständigen Übung. Aber es lohnt sich, die dargestellten Möglichkeiten auszuprobieren. Denn wer jene Fähigkeit erwirbt, öffnet das Tor zur Welt des Patienten. Patric P. Kutscher
E-Mail: kontakt@rhetorikundstimme.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.