MEDIZIN: Diskussion

Angeborene und erworbene Polyzythämien: Schlusswort

Congenital and Acquired Polycythemias: In Reply

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): 480; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0481

Petrides, Petro E.

Die von PD Dr. Schmidt diskutierte Verwendung radioaktiver Isotope zur Behandlung der Polycythaemia vera wurde erstmalig im Jahre 1940 beschrieben. Obwohl ihre einfache Handhabung und Wirksamkeit unbestritten waren, gibt es seitdem eine Diskussion über die Leukämie-erzeugende Wirkung von Phosphor-32 (1). In den ersten zwei Jahrzehnten nach Einführung von Phosphor-32 war man in Ermangelung wirksamer anderer Therapieformen bereit, für den damit erzielten akuten Schutz vor potenziell letalen thromboembolischen Komplikationen ein erhöhtes Leukämierisiko zu einem späteren Zeitpunkt in Kauf zu nehmen. Diese Auffassung hat sich aber geändert, seit wirksame Substanzen wie Hydroxyharnstoff, Interferon-alpha oder Anagrelid zur Zytoreduktion und damit Prävention thromboembolischer Komplikationen zur Verfügung stehen. Da für die Therapie von Patienten mit Polycythaemia vera das Prinzip „primum nil nocere“ gilt, empfehlen wir Phosphor-32 aufgrund des erhöhten Leukämierisikos nur in Ausnahmefällen, dass heißt bei einem Lebensalter von über 70 Jahren beziehungsweise bei Fehlen einer langfristig gut kontrollierbaren Medikamenteneinnahme (2).

Die von Dr. Tsamaloukas angesprochenen neuen Entwicklungen zur Anämiebehandlung, die auf der molekularen Analyse der Regulation der renalen Erythropoietinbildung beruhen, sind in der Tat faszinierend. Eine Erörterung hätte aber den Rahmen unserer Übersicht gesprengt. Seinem Wunsche nach einer deutschsprachigen aktuellen Übersichtsarbeit über die primäre Myelofibrose kann aber entsprochen werden (3).

Prof. Dr. Nieschlag danken wir für den speziellen Hinweis auf die Polyzythämie, die unter Testosteronsubstitution bei älteren Männern beobachtet wird. Auch hier ist schon lange bekannt, dass Androgene die Erythropoietinbildung steigern können (4). Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die Schlussfolgerung, unter Testosteronsubstitution das Blutbild regelmäßig zu kontrollieren. Allerdings ist noch ungeklärt, ob die androgeninduzierte Erythrozytose auch mit einem erhöhten Risiko thromboembolischer Komplikationen assoziiert ist. DOI: 10.3238/arztebl.2008.0481

Prof. Dr. med. Petro E. Petrides
Hämatologisch-Onkologische Schwerpunktpraxis am Isartor
Zweibrückenstraße 2
80331 München
E-Mail: petrides@onkologiemuenchen.de

Interessenkonflikt
Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Modan B: Radiophosphorus therapy in polycythemia. Blood 1965; 26: 383–6. MEDLINE
2.
Petrides PE, Gisslinger H: CMPE 2004. Aktuelle Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie chronisch myeloproliferativer Erkrankungen. München: Gesellschaft zur Erforschung chronisch myeloproliferativer Erkrankungen 2004; 1–33.
3.
Petrides PE: Primäre Myelofibrose: Diagnostik, Pathobiochemie und therapeutische Entwicklungen. Krebsmedizin 2007; 16: 191–7.
4.
Alexanian R: Erythropoietin excretion in man following androgens. Blood 1966; 28: 1007–9
1. Modan B: Radiophosphorus therapy in polycythemia. Blood 1965; 26: 383–6. MEDLINE
2. Petrides PE, Gisslinger H: CMPE 2004. Aktuelle Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie chronisch myeloproliferativer Erkrankungen. München: Gesellschaft zur Erforschung chronisch myeloproliferativer Erkrankungen 2004; 1–33.
3. Petrides PE: Primäre Myelofibrose: Diagnostik, Pathobiochemie und therapeutische Entwicklungen. Krebsmedizin 2007; 16: 191–7.
4. Alexanian R: Erythropoietin excretion in man following androgens. Blood 1966; 28: 1007–9

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