ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Widrigkeiten des Alltags - Ärger: Freund oder Feind?

BERUF

Widrigkeiten des Alltags - Ärger: Freund oder Feind?

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): [111]

Jürgens, Ute

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LNSLNS Ärger ist definiert als eine spontane, innere, emotionale Reaktion hochgradiger Unzufriedenheit mit einer Situation, einer Person oder einer Erinnerung, die der Verärgerte verändern möchte. Ein solcher Verdruss kann durchaus sinnvoll sein.

Oft genug ärgert man sich über Patienten, Kollegen und sich selbst. Gerade im Berufsalltag ergeben sich dabei für Ärztinnen und Ärzte aber auch viele „Chancen“, eine andere (positivere) Sichtweise der Ereignisse zu trainieren. Jedoch bleiben viele Menschen häufig in ihrem Groll hängen, anstatt zu einem fairen Umgang mit dem Gegenüber und sich selbst zu finden.

Zunächst gilt es, typische Situationen für einige Zeit gut wahrzunehmen. Das Gemeinsame an allen Situationen könnte zum Beispiel sein, dass man sich nicht respektiert oder gekränkt fühlt. Oder man wird zu häufig bei der Arbeit gestört. Vielleicht wird das unerwünschte Gefühl nur durch immer dieselbe Person ausgelöst. Denkbar ist auch, dass sich der Arzt ausgenutzt fühlt, nicht ausreichend Anerkennung bekommt oder das Gefühl hat, dass er immer alles selbst machen muss. Je nachdem, was man beobachtet, gilt es, unterschiedlich zu reagieren.

Grundsätzlich sind zwei mögliche Situationen, die regelmäßig Ärger auslösen, zu unterscheiden: die, an denen man selbst etwas ändern kann und andere, denen man machtlos gegenübersteht. Bei letzteren, wie beispielsweise dem Wetter oder den (Weiter-)entwicklungen in der Gesundheitspolitik, hilft es nur noch, die Dinge möglichst gelassen hinzunehmen.

In seinem Buch „Was Deine Wut Dir sagen will: Überraschende Einsichten – Das verborgene Geschenk unseres Ärgers entdecken“ (Junfermann Verlag) konzentriert Marshall Rosenberg alles auf die Frage der zugrunde liegenden Bedürfnisse: Wenn ich meine und die meines Gegenübers verstehe, führt das nicht nur zu weitgehender Entspannung, sondern gibt gleichzeitig sehr gute Hinweise, wo es anzusetzen gilt. Wut und Ärger entstehen durch Bewertungen. Die Handlung des anderen Menschen ist also nur der Auslöser des Grolls, nicht seine Ursache. Zuerst gilt es, die eigenen Vorstellungen und Urteile als Ursache wahrzunehmen, danach die dahinterstehenden Bedürfnisse.

Ein weiterer Aspekt in der Betrachtung des Alltagsgefühls Ärger: Kann ich durch meinen Ärger etwas vermeiden? Manche Menschen können sich dermaßen effektiv ärgern, dass sie vollkommen vergessen, zu handeln. So vermeiden sie Arbeit, der Nachteil dabei ist, dass sie die Ursache nie beseitigen.

Der Autor des Buchs „Ärger, Angst und andere Turbulenzen – Wie Sie sich von den Grausamkeiten des Alltags nicht unterkriegen lassen“ (Gabal Verlag), Wolfgang Junge, gibt Tipps, wie sich Ärgern vermeiden lässt:
- Erst das Bewusstmachen und Verändern von inneren Grundwerten erlaubt auch eine Veränderung der Verhaltensgewohnheiten. Deshalb lohnt es sich, einige Grundüberzeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls durch vernünftigere zu ersetzen. Eine Grundüberzeugung könnte sein: „Patienten widerspricht man nicht“, eine andere: „Ein guter Arzt handelt immer selbst- und kostenlos“. Beides zwingt zu einer erstarrten Haltung, man ist der Situation ausgeliefert.
- Ärger entsteht auch, wenn das Wort „muss“ zu häufig beim inneren Denken auftaucht. Ersetzt man es durch „möchte“, verändert sich eine druckauslösende Forderung zu einer freien Entscheidung.
- Die Katastrophenskala von eins bis 100: Das Schlimmstdenkbare ist etwa der Tod eines geliebten Menschen. Ordnet man die geschehenen Dinge ein, ist man fähig, das Geschehen zu relativieren.
- Schuldgefühle verhindern weder, dass der auslösende Fehler nicht wieder passiert, noch wird er dadurch ungeschehen.
„Wenn uns jemand ärgert, sollten wir zwischen dem Menschen an sich und seiner aktuellen Haltung unterscheiden“ – der Dalai Lama kennt zwar die persönlichen Herausforderer nicht, meint aber sicher auch diese. Manche Kollegen haben irgendeine Angewohnheit, die einen regelmäßig aufregt. Variiert man sein eigenes Verhalten lange genug, ist schließlich auch der Verursacher in der Lage, anders zu agieren, aus seiner Sicht: zu reagieren. Schließlich lehnt man sein Team oder die Patienten nicht grundsätzlich ab, sondern nur ein bestimmtes Verhalten. Wenn beide Partner wieder in ausgeglichener Stimmung sind, hilft oft ein Gespräch – gerade, wenn es immer wieder um dieselben Auslöser geht.

Wir haben die Wahl: Entweder ärgert man sich weiter und lässt das Gefühl an Anderen aus (die dafür so gar nicht dankbar sind), oder man macht sich die eine oder andere genannte Idee zunutze und fängt geduldig und beharrlich mit der Umsetzung an. Herausforderungen wird es immer genug geben.
Ute Jürgens
E-Mail: KomMed@freenet.de
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