ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Arztgeschichte: Ein unnötiger Hausbesuch?

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Ein unnötiger Hausbesuch?

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): [112]

Klußmann, Petra

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„Während ich besorgt mein Stethoskop holte, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte, denn der zahnlose Mund lachte mich fröhlich aus rosigen Lippen an.“

Es war ein sommerlicher lauer Freitagnachmittag, alle Hausbesuche nach der Sprechstunde erledigt, das Wochenende nahte, als ein besorgter Nachbar eines älteren Patienten bei der Arzthelferin einen Hausbesuch für diesen bestellte und von dessen Atemnot berichtete sowie von plötzlicher Zyanose, es ginge ihm gar nicht gut, schon seit einigen Tagen habe er so eine Schwäche.

Nun lebte der Patient allein, seine Schwester war verstorben, mit der Essensversorgung war es auch nicht optimal. Wenn da nicht die hilfsbereiten Nachbarn wären, die immer nach ihm schauten, mal die Heizung anmachten, etwas Warmes für ihn kochten oder für ordentliche Kleidung sorgten, würde er wohl nicht mehr leben. Er hatte einen chronischen Raucherhusten (die Nachbarn sorgten natürlich auch für den Nachschub an Zigaretten) und brauchte sonst selten einen Arzt, meist nur anlässlich kleinerer Verletzungen, zuletzt zum Beispiel beim Holzhacken geschehen.

Musste ich nun wirklich dringend diesen Hausbesuch machen, kurvenreich durch Feld und Wald? Nach telefonischer Rücksprache mit dem Nachbarn und der Beschreibung des Patienten, der wirklich ganz blau im Gesicht und an den Händen aussähe, mit Husten und Schwäche, fuhr ich dann doch schleunigst los. Während der Fahrt überlegte ich schuldbewusst, ob ich ihn nicht schon früher kardiologisch hätte untersuchen lassen sollen, das letzte EKG war schon lange her, und die Herztöne und die Lunge hatte ich auch schon länger nicht auskultiert, im Geiste ging ich alle Differenzialdiagnosen und eventuelle sofortige Therapiemöglichkeiten bei Zyanose durch und kam schließlich mit quietschenden Bremsen vor dem kleinen verwahrlosten Häuschen an.

Erst nach mehrfachem Klopfen und Rütteln an der Türe – ich machte mir jetzt schon ernsthafte Sorgen – schlurfte er langsam herbei und öffnete mir. In dem dämmerigen Licht der 20-Watt-Glühbirne im Flur konnte ich nur wenig sehen, aber er hatte immerhin keine größere Atemnot. Also leuchtete ich ihm dann im einzigen Zimmer mit meiner Lampe ins Gesicht. Tatsächlich, vor allem an den Wangen und am Hals Zyanose, die Hände waren dunkelblau. Während ich besorgt mein Stethoskop holte, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte, denn der zahnlose Mund lachte mich fröhlich aus rosigen Lippen an!

Nanu, nanu, was war denn das ? Nach Absetzen meiner Brille (ich bin kurzsichtig ) und noch näherem Hinsehen war die Zyanose etwas streifig!? Ein rascher Griff zum Alkoholtupfer, kräftiges Rubbeln, und hervor kam eine helle Haut! Was war los? Nach vorsichtigem Nachfragen kam heraus: Die lieben fürsorglichen Nachbarn hatten ihm vor sieben Tagen ein nagelneues blaukariertes Flanellhemd geschenkt, und das hatte er seitdem Tag und Nacht getragen! Und das satte Indigo hatte dann wohl etwas abgefärbt! Da waren wir zwei aber glücklich und atmeten tief auf! Er versprach mir, sich jetzt mal ordentlich zu waschen und das Hemd zu wechseln, und ich brauchte keine Notfallbehandlung einzuleiten.
War das wieder mal ein unnötiger Hausbesuch? Oder?
Dr. med. Petra Klußmann
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