ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Arztzahlen: Falsches Signal

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Arztzahlen: Falsches Signal

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): A-1471 / B-1271 / C-1239

Flintrop, Jens

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Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Ende Juni hat Ulla Schmidt den Abgeordneten der Großen Koalition einen Brief geschrieben, um „einige in der letzten Zeit vorgetragene Krisenszenarien zur Arztzahlentwicklung zu widerlegen“. Noch nie sei Deutschland so gut mit Ärztinnen und Ärzten versorgt gewesen wie heute, betont die Ministerin unter Hinweis auf die Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer. Von einem „Braindrain“ der Ärzte ins Ausland könne keine Rede sein. Die „Flut“ von auswandernden Ärzten nach Großbritannien sei in Wahrheit ein „Rinnsal“. Die Zahl der außerhalb der kurativen Versorgung berufstätigen Ärzte habe zuletzt sogar abgenommen.

Also alles bestens? Gibt es den viel zitierten Ärztemangel in Deutschland etwa gar nicht? So einfach ist die Sache nicht. Trotz steigender Arztzahlen können in den deutschen Krankenhäusern aktuell einige Tausend ärztliche Stellen nicht besetzt werden; der Stellenmarkt im Deutschen Ärzteblatt ist umfangreicher als je zuvor. Zudem gibt es (nicht nur) in den neuen Bundesländern zahlreiche Hausärzte, die eigentlich schon längst im Ruhestand wären, wenn es denn einen Praxisnachfolger gäbe. Die Thematik ist also vielschichtiger, als es Ministerin Schmidt die Abgeordneten glauben machen will.

Ein wichtiger Aspekt in der Diskussion ist, dass die Arbeit der Ärzte in den Krankenhäusern heutzutage auf mehr Schultern verteilt werden muss als früher, weil die Arbeitszeit des einzelnen Arztes sinkt. Dies hängt unter anderem zusammen mit der Novellierung des Arbeitszeitgesetzes. Zur Erinnerung: Seit dem 1. Januar 2007 gelten die ärztlichen Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit und müssen zu 100 Prozent bei der Berechnung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass die nachrückende Ärztegeneration nicht mehr bereit ist, widerspruchslos mehr Zeit in der Klinik zu verbringen, als es das Gesetz erlaubt. Dies ergibt sich daraus, dass das Krankenhaus für immer mehr Ärzte heute keine Durchlaufstation mehr ist, sondern ein Dauerarbeitsplatz. Es ist ein großer Unterschied, ob man „nur“ während der Weiterbildung zum Facharzt 80-Stunden-Wochen ableistet oder eben ein Leben lang. Und schließlich gewinnt der Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf an Bedeutung – nicht nur, aber auch weil der Anteil der Ärztinnen zunimmt. Im Ergebnis ist das Arbeitsangebot der einzelnen Ärztin, des einzelnen Arztes im stationären Bereich rückläufig. Als logische Folge daraus steigt der Stellenbedarf der Krankenhäuser.

Auch die Zahl der ambulant tätigen Ärzte ist im Jahr 2007 weiter gestiegen. Dennoch gibt es auch hier Engpässe; vor allem bei den Hausärzten und hier besonders in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer. In attraktiven Ballungsräumen in den alten Bundesländern ist die Nachfrage nach Kassenarztzulassungen hingegen in nahezu allen Fachgebieten größer als das Angebot. Insofern liegt durchaus ein Verteilungsproblem vor, an dem die Politik allerdings nicht ganz unschuldig ist. Schließlich hat sie es zu verantworten, dass die Kassenärzte im Osten über Jahre weniger Honorar erhielten als ihre Kollegen im Westen. Dies machte eine Niederlassung in den neuen Bundesländern weniger attraktiv.

Wenn es in Deutschland mehr Ärzte gibt als je zuvor, dann können die Rahmenbedingungen für die ärztliche Tätigkeit in Klinik und Praxis doch gar nicht so schlecht sein, lautet Ulla Schmidts Botschaft. Viele Ärzte sehen dies freilich anders und stimmen mit den Füßen ab: 2 439 Ärzte haben im Jahr 2007 das Land verlassen. Im Jahr 2001 waren es noch 1 437. Dazu muss man auch wissen, dass für ein Medizinstudium rund 250 000 Euro an Steuergeldern aufgewendet werden.

Um die sehr gut aus- und weitergebildeten Ärzte in Deutschland zu halten, sollte die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin ihre Zeit darauf verwenden, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und der Honorare auf den Weg zu bringen, anstatt irreführende Briefe zu verfassen. Für jene Ärzte, die bereits auf gepackten Koffern sitzen, ist das Schreiben jedenfalls ein falsches Signal.
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