ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Hilfsmittel: Qualität wird ignoriert

POLITIK

Hilfsmittel: Qualität wird ignoriert

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): A-1491 / B-1287 / C-1255

Merten, Martina

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LNSLNS Von 2009 an steht es Versicherten nicht mehr frei, Hilfsmittel am Ort ihrer Wahl zu beziehen. Das Aktionsbündnis „meine Wahl“ will das nicht hinnehmen.

Der Grund für die Aufregung mehrerer Hilfsmittelhersteller, Vertreter von Sanitätshäusern und Homecare-Unternehmen sowie Selbsthilfevereinigungen ist nicht neu: Vom 1. Januar 2009 an, so steht es im GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG), soll die Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln wie Bandagen, Rollstühlen, Prothesen oder Produkten zur Inkontinenz ausschließlich durch Vereinbarungen zwischen Krankenkassen und festen Vertragspartnern organisiert werden. Diese Regelung, findet Klaus Grunau vom Vorstand des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVmed), sei schlichtweg „Murks“. Und da das Bewusstsein der Bevölkerung für diesen „Murks“ mehr als ein Jahr nach Inkrafttreten der letzten Gesundheitsreform kaum noch vorhanden sei, habe man nun das Aktionsbündnis „meine Wahl“ gegründet, erklärte Grunau Mitte Juni in Berlin.

Neue Ansprechpartner, neue Fehlerquellen
In Deutschland sind nach Angaben des Bündnisses rund sechs Millionen Menschen auf Hilfsmittel angewiesen. Bei welchem Sanitätshaus oder Homecare-Unternehmen diese Patienten ihre Hilfsmittel beziehen, stand ihnen bislang frei. So entstanden gewachsene Kundenbindungen zum Anbieter um die Ecke. Bei den im GKV-WSG geregelten Ausschreibungen nach § 127, Absatz 1 SGB V können Krankenkassen sich für den Anbieter von Hilfsmitteln entscheiden, der das Ausschreibungsverfahren gewonnen hat. Hat ein Sanitätshaus eines Stomapatienten keinen Vertrag mit der Krankenkasse des Betroffenen, kann es den Patienten nicht mehr versorgen. Oder der Patient wechselt seine Krankenkasse beziehungsweise zahlt hinzu. „Damit werden gewachsene Versorgungsstrukturen zerstört“, ärgert sich Grunau.

Nicht nur das. Dr. Martin Danner beobachtet zudem eine verstärkte Orientierung der Krankenkassen am Preis – nicht an der Qualität der Hilfsmittel. „Viele der bereits durchgeführten Ausschreibungen weisen eklatante Mängel bei der qualitativen Leistungsbeschreibung auf“, so der Leiter des Referats Gesundheitspolitik und Selbsthilfeförderung der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAGS). Dies habe sich beispielsweise bei einer Ausschreibung der AOK Hessen zur Versorgung mit Antidekubitus-Systemen gezeigt. „Qualitätskriterien, die zuvor mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen vereinbart und als Standards in das Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen wurden, wurden ignoriert“, sagt Danner. Bislang haben nach Angaben des Bündnisses mehr als 20 gesetzliche Krankenkassen Ausschreibungen initiiert. Bis Ende 2009 gilt eine Übergangsfrist, in der die Hilfsmittelversorgung wie bisher erfolgen darf.
Auch aus Anbietersicht birgt die neue Rechtslage Probleme. Michael Heil leitet seit 15 Jahren einen Rehafachhandel, er hat mit vielen Patienten täglich Kontakt. „Wenn der Kontrahierungszwang fällt, werden langjährige Beziehungen zwischen Arzt, Therapeut, Techniker und Versorger aufgegeben und für jedes Hilfsmittel ein anderer Lieferant, ein anderer Ansprechpartner, eine immer wieder neue Fehlerquelle initiiert“, so Heil. Das führe zu unnötigen Kosten und Neuanamnesen.
Martina Merten

Infos: www.buendnis-meine-wahl.de
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