ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Medizinischer Rettungsdienst: 24-Stunden-Rennen: Im Notfall durch die „Grüne Hölle“

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Medizinischer Rettungsdienst: 24-Stunden-Rennen: Im Notfall durch die „Grüne Hölle“

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): A-1500 / B-1294 / C-1262

Nolte-Schuster, Birgit

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Genau geregelt ist der Einsatz von Ärzten bei der Notfallversorgung von Unfallopfern während der Rennsportveranstaltung auf dem Nürburgring.

Die Tachonadel des Audi RS 4 zeigt 230 Stundenkilometer, und die Konturen der Landschaft an diesem abschüssigen Streckenteil des Nürburgrings bei Breitscheid verschwinden. Doch deutlich sichtbar ist die hellblaue Flagge, die ein Streckenposten schwenkt und damit signalisiert, dass ein Fahrzeug überholen will. Hermann Molitor reagiert sofort und lenkt das Streckensicherungsfahrzeug, das „intervention-car“, ein wenig nach rechts, damit der rote Dodge Viper vom Team Zakspeed noch vor der Kurve vorbeiziehen kann. „Die schnellsten der über 220 Fahrzeuge des 24-Stunden-Rennens brauchen für die rund 25 Kilometer des Rundkurses kaum mehr als acht Minuten“, sagt Molitor, der früher selbst Rennen gefahren ist. Sechs dieser Streckensicherungsfahrzeuge sind im Einsatz. Denn auch der Transfer der Rettungskräfte zu den Stützpunkten an der Nordschleife, der „Grünen Hölle“, wie der Streckenteil in Rennfahrerkreisen heißt, wird bei laufendem Rennbetrieb vollzogen. In der Regel im 12-Stunden-Wechsel, „doch manche Notärzte machen auch länger“, berichtet Joachim Caspers, der die Einsatzbereiche und -zeiten der medizinischen Helfer koordiniert. Seit fast 20 Jahren ist der Leiter der Projektgruppe „Nürburgring“ des Malteser Hilfsdienstes mit Motorsportveranstaltungen wie dem „ADAC Zurich-24-Stunden-Rennen“ auf dem Nürburgring betraut. Caspers Arbeitsplatz ist die Einsatzleitstelle an der Tribüne 13. Fünf Meter entfernt brausen die Rennautos an diesem höchsten Punkt der Strecke vorbei; bis nach Breitscheid überwinden sie fast 290 Höhenmeter. In dieser exponierten Lage werden die oftmals wechselnden Einsatzpläne erstellt, die während der dreitägigen Veranstaltung die medizinische Notfallversorgung gewährleisten. Unterstützung erhält Caspers durch Hajo Neumes aus Hasborn. Der Kreisbeauftragte der Malteser Wittlich kümmert sich vor allem um die Belange der vielen Ehrenamtlichen, die unter den mehr als 160 Helfern im Sanitätswesen sind. „Deren Motivation ist sehr gut, auch wenn viele der Helfer durch das Ehrenamt stark belastet sind.“

153 Mal um den Nürburgring
Die Standards für das 24-Stunden-Rennen sind durch das Rettungsdienstgesetz des Landes Rheinland-Pfalz und das Landesbrand- und Landeskatastrophenschutzgesetz vorgegeben. Sie werden im Weiteren von den Sportkommissaren der FIA (Fédération Internationale de l´ Automobile) und des DMSB (Deutscher Motor-Sport-Bund) übernommen und im „Rennstrecken-Abnahme-Protokoll“ festgehalten. Die entsprechenden Regeln für das Rennen, von der Anzahl der Notärzte bis zum Zustand der Streckensicherung, sind in einem Handbuch präzisiert. Für den medizinischen Notfallbereich bedeutet das konkret, dass neun Rettungswagen mit Notarzt und Rettungsassistenten (NAW) an der Strecke aufgestellt sind.

In einem dieser Rettungswagen versieht Dr. med. Thomas Bons seinen Dienst. Der Facharzt für Chirurgie am Bitburger Krankenhaus hat sich neben seiner Notarztausbildung in speziellen Kursen auf die Rennen auf dem Nürburgring vorbereitet. Dazu gehört zum Beispiel Streckenkunde, aber auch die Aktualisierung und Abstimmung der Rettungssysteme. So ist in diesem Jahr Heinz-Harald Frentzen mit einem Hybridauto am Start. Das 630 PS starke Gefährt könnte mit seiner Benzin-Elektro-Technologie im Notfall ein Risiko, vergleichbar einem Stromunfall, darstellen. Doch die professionellen Fahrer absolvieren die 153 Runden auf der längsten Rennstrecke der Welt in der Regel ohne große Zwischenfälle.

„Das größere Problem bei diesem Rennen auf dem Nürburgring stellen die Privatfahrer dar, die zwar über eine entsprechende Fahrerlizenz verfügen, die sich und ihr Fahrzeug oftmals jedoch überschätzen“, weiß Karin Schröpl, Fachärztin für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin aus Wiesbaden. Die Notärztin begleitet seit 1991 Rennen auf dem Nürburgring und hat auch die schrittweisen Verbesserungen der Sicherheitsstandards miterlebt. Dazu zählt beispielsweise „hans“, das „hand-and-neck-support“-System, das seit 2007 beim 24-Stunden-Rennen vorgeschrieben ist. Durch einen besseren Schutz der Nacken- und Kopfpartie des Rennfahrers sollen speziell die Nackenverletzungen nach Unfällen bei hohen Geschwindigkeiten reduziert werden.

Eine weitere Vorgabe im Reglement legt fest, dass drei R(escue)- Fahrzeuge, jeweils mit einem Rennfahrer und einem Notarzt der DMSB-Staffel besetzt, einsatzbereit sein müssen. Nach dem FIA-Reglement ist für das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring auch ein Arzt im „medical center“ auf dem Gelände vorgeschrieben. Hier stehen zwei Schockräume mit der standardmäßigen Ausrüstung zur Reanimation mit Beatmungsgerät und einem EKG zur Verfügung. Für notwendige Operationen ist ein Eingriffsraum eingerichtet. In einem speziellen Verbrennungs- und Kontaminationsbereich können Notfallpatienten für den Weitertransport stabilisiert werden. „Gerade Verbrennungen stellen bei den Mitarbeitern im Fahrerlager ein großes Risiko dar“, erläutert die Notärztin Schröpl. „Die Temperatur der bis zu 600° Celsius heißen Bremsscheiben der Fahrzeuge wird in der Hektik der abendlichen Checks vielfach unterschätzt.“

Startklar zum Wechsel: Notarzt Dr. Defoffe aus Bonn, Rettungsassistent Peter Brabant aus Wittlich, „intervention- car“-Fahrer Hermann Molitor (von links) Fotos: Birgit Nolte-Schuster
Startklar zum Wechsel: Notarzt Dr. Defoffe aus Bonn, Rettungsassistent Peter Brabant aus Wittlich, „intervention- car“-Fahrer Hermann Molitor (von links) Fotos: Birgit Nolte-Schuster
Festgelegter Rettungsplan

Einsatzort „race-control“: Hier in der zentralen Rennleitung verfolgt Dr. med. Helmut Hermann als leitender Rennarzt den Rennverlauf an den verschiedenen Monitoren. Der Allgemein- und Sportmediziner aus Boppard ist auch einer der leitenden Notärzte des Rhein-Hunsrück-Kreises. Seit mehr als 20 Jahren ist er bei Rennen auf dem Nürburgring im Dienst. „Mit Beginn der Dunkelheit und im Morgengrauen, wenn die Ermüdung kommt, wächst das Unfallrisiko“, weiß er aus Erfahrung und ergänzt: „Doch natürlich hofft man, dass insbesondere die Überschläge der Fahrzeuge glimpflich abgehen.“

Bei diesem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gibt es bis zum Schluss der Veranstaltung 22 Transporteinsätze, vor allem nach Überschlägen, die eine medizinische Maßnahme erfordern. Es handelt sich überwiegend um Knochenbrüche und Prellungen, doch es gibt auch Verletzungen im Kopfbereich. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma trägt ein Rennfahrer nach einem Auffahrunfall davon. Zwei Schlaganfälle bei Zuschauern müssen zudem notärztlich behandelt werden. Und dann noch ein Notfall, der den Rettungshubschrauber erfordert: Bei einem der ersten Boxenstopps am frühen Abend gerät ein Mechaniker mit der Hand in den Motorblock. Zwei Finger werden ihm abgerissen. Da das Unglück in der Boxengasse passiert, ist der Notarzt sofort zur Stelle und veranlasst nach der Erstversorgung die weiteren Maßnahmen.

Für den Bereich der Strecke gibt es im Fall eines „Einschlags“, eines Unfalls, einen genau festgelegten Rettungsplan: Der Unfall wird von einem der 34 Abschnittsleiter an der Strecke per Funk an die „race-control“ gemeldet. Von hier aus erfolgt ein Signal an die insgesamt 60 Personen umfassende DSMB-Sicherungsstaffel. Soweit es der Eigenschutz ermöglicht, erstellt diese eine Beurteilung der Lage, die an „race-control“ weitergegeben wird. Unter Einbeziehung anderer Einschätzungen von Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk erteilt das Kontrollcenter dann die Anweisungen zum weiteren Vorgehen.

Auch wenn dieses Mal die Zahl der Notfälle infolge der hohen Sicherheitsstandards relativ niedrig ausfällt, ist der Einsatz der Rettungskräfte bei diesem Rennen immer mit zusätzlichem Stress verbunden. Dieser resultiert vor allem aus der starken Medienpräsenz, die den Blick sofort auf die Ereignisse lenken kann. „Als Arzt ist man es eben nicht so sehr gewöhnt, ständig unter laufender Kamera zu arbeiten“, lautet der Kommentar eines Rennarztes.
Dr. rer. pol. Birgit Nolte-Schuster
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