ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2008Börsebius: Goldene Zeiten für Zinsjäger

GELDANLAGE

Börsebius: Goldene Zeiten für Zinsjäger

Dtsch Arztebl 2008; 105(27): A-1515 / B-1307 / C-1275

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Seit gut zwei Jahren wollen die Notenbanken der Welt eigentlich nur eines: hoch mit den Zinsen. Doch sie durften es nicht, so schwer es ihnen auch fiel. Die globale Finanzkrise, ausgehend von dem US-Suprime-Debakel und verstärkt durch hierzulande unglaublich wilde Darlehens-Verbriefungskonstruktionen (IKB, UBS, Société Générale), setzte vor allem die Finanzdienstleistungsindustrie existenzbedrohlich unter Druck.

Gehen Banken oder auch Rückversicherer pleite, folgt die Realwirtschaft auf dem Fuße. Diese Zwangsläufigkeit mussten die Stabilitätshüter mit aller Macht verhindern, und so öffneten sie allerorts die Geldschleusen. Andererseits trieben aber dramatisch steigende Ölpreise und ebenso exorbitant anspringende Rohstoffkosten die Inflationsraten drastisch nach oben.

Welch ein Irrwitz. Mit Geld, das eigentlich in der Menge hätte gar nicht zur Verfügung stehen dürfen, wurde die Inflation erst recht angeheizt. Anders gesagt: Die Volkswirtschaften finanzierten ihre eigene Inflation selbst, wenigstens zu einem gehörigen Anteil. Aber Energie und Treibstoff etwa spart nur der, der wirklich sparen muss, indem er das knappe Gut Kapital gezielt einsetzt. Fachleute sagen hierzu Faktorallokation. Ist Kapital aber nicht wirklich knapp, wird die Inflation mehr angeheizt, als es die volkswirtschaftlichen Rahmendaten vorgeben. Am Ende sind wir die eigenen Preistreiber durch ungezügelte Nachfrage.

Damit soll jetzt endlich Schluss sein, signalisieren die Notenbanken. Um das immer bedrohlichere Inflationsgespenst zu verjagen, manche reden sogar schon von „Stagflation“ (Preisanstieg bei anhaltender Konjunkturschwäche), wird nun auf die Bremse getreten. Im Ergebnis heißt das, die Zinsen werden steigen, und zwar nicht zu knapp.

Die Kehrtwende der Notenbanken ist freilich auch ein Ritt auf der Rasierklinge. Wird zu sehr auf die Bremse getreten, kann die Konjunktur sehr leicht empfindlichen Schaden nehmen. Dann aber stünden auch die Aktienmärkte vor Einbußen. Persönlich glaube ich aber, dass die meisten Volkswirtschaften robust genug sind, zumal viele Unternehmen in den letzten Jahren ihre bilanziellen Hausaufgaben gemacht haben und auch rauere Phasen verkraften können. Die Globalisierung kann hier eine segensreiche Wirkung entfalten.

Gleichwohl bleiben Zinsjäger bis auf Weiteres die Gewinner dieser Entwicklung. Für renditeorientierte Anleger beginnt jetzt eine fruchtbare Erntezeit, allerdings nur dann, wenn sie sich auf Tagesgeld und kurze Laufzeiten konzentrieren. Bei länger laufenden Anleihen drohen sogar Kursverluste. Das gilt auch für Rentenfonds mit mittlerem und langfristigem Anlagehorizont. Ganz klar, kurzes Geld hat den meisten Charme. Ob die Börsianer mit ihren Aktien allerdings zweiter Sieger bleiben oder sich doch noch ganz oben auf dem Treppchen wiederfinden: Dieses Rennen ist noch offen.
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