ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2008Von schräg unten: Selektives Sehen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Selektives Sehen

Dtsch Arztebl 2008; 105(28-29): [116]

Böhmeke, Thomas

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Lange Zeit ging ich davon aus, dass mein eingetrübter Blick auf die Dinge dieser Welt Ausdruck gravierender berufsbedingter Zerfallsprozesse sei. Ich vermute, Sie kennen dieses Gefühl, wenn man sich am Ende eines langen Arbeitstages fühlt wie ein altes abgeriebenes Stück Parmesan. Nur noch unscharf nahm ich in diesen Momenten wahr, was sich vor meinen geistigen als auch tatsächlichen Augen abspielte. Nun, erleichtert war ich schon, als es sich als simple Degeneration meiner Linse herausstellte, korrigierbar durch fein säuberlich abgestimmte Dioptrien. Der daraufhin konsultierte, ebenso freundliche wie fachkundige Optiker erklärt mir nun, dass es opportun sei, für die unterschiedlichen Situationen im Leben auch verschiedene Brillen zu tragen, um sich auf diese Augenblicke optimal visuell einstellen zu können. Das verstehe ich nicht so ganz. Heißt das, dass mir während des Arbeitens andere Dioptrien auf die Sprünge helfen sollen als beispielsweise während des Autofahrens? „Genau, wir können das optimal auf Ihre Bedürfnisse einstellen, sodass Sie die für Sie wichtigen Dinge gestochen scharf erkennen können.“ Das ist ja fantastisch! Das ist ja unglaublich! Da eröffnen sich neue Dimensionen selektiven Sehens! Das heißt also, er könnte mir die Brille so aufsetzen, dass ich unter den vielen Kilometern eng beschriebenen Papiers, die mir wöchentlich ins Haus flattern, die einzig relevanten Informationen auf einen Blick erkennen kann?! Gestochen scharf zwischen dem ganzen anderen Wortmüll? Der freundliche Optiker guckt mich reichlich befremdlich an, sagt aber nichts, also fahre ich fort. Dass mir endlich mal die schlimmen Passagen im Kleingedruckten von Verträgen sofort ins Auge springen? Dass ich in den medizinischen Fachartikeln sofort die Statistiken und Behauptungen herauslesen kann, die hinten und vorne nicht stimmen? Dass ich bei neuen Medikamenten zweifelsfrei die Nebenwirkung erkennen kann, die bei meinen Patienten zu schweren Schäden führt, obwohl die Pharmafirma davor die Augen verschließt? Mein Gegenüber fasst mich kritisch ins Auge, ich bin aber in meiner Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Er kann mir also eine Brille konstruieren, die das Durchlesen von sechsseitigen Krankenhausentlassungsberichten derart optimiert, dass ich die wesentlichen beiden Halbsätze beim ersten Hingucken erkenne? Oder das Studium von 25-seitigen Berichten aus der Rehaklinik auf weniger als zehn Sekunden verkürzt? Der Optiker wendet im Grausen seinen Blick ab, sagt aber immer noch nichts. Er könnte mir, so schlage ich ihm vor, eine Brille anpassen, die mir Arztbriefe, welche aufgrund völlig überflüssiger Berichtspflicht erstellt werden, als solche sofort sichtbar machen. Damit ich sie genauso umgehend wie ungelesen abheften kann. Der Optiker schaut mich von schräg unten an. In mir keimt der Verdacht, dass er mich für allzu workaholisiert hält. Also wechsele ich die Problemzone und frage ihn, ob er mir das Sehgerät so anfertigen kann, dass ich auf Autobahnen und Landstraßen meine Umgebung bei mehr als 200 Stundenkilometern Geschwindigkeit endlich wieder scharf auf meiner Retina abgebildet kriege. Eine solche Hast sei schon mal erforderlich, wenn man dringend zu einem Notfall eilen muss. Der Optiker schaut mich entsetzt an: „Herr Dr. Böhmeke, das ist jetzt nicht Ihr Ernst!“ Nein, nein, versuche ich ihn zu beruhigen, da kann nichts passieren. Erstens bin ich Arzt, zweitens verfüge ich über eine belastbare Lebensversicherung und drittens einen Organspendeausweis. Insofern keinerlei Anlass zu Bedenken, für jede Eventualität sei gesorgt. Er blickt mich lange und bedächtig an und meint schließlich: „Herr Dr. Böhmeke, ich fürchte, Sie haben da etwas falsch verstanden. Wir sind für Probleme zuständig, die sich vor der Netzhaut abspielen und nicht dahinter.“
Ist ja gut. Ich weiß, ich hab’s wieder ein bisschen übertrieben. Aber wäre es nicht schön, wenn es so ein Gerät geben würde?
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