THEMEN DER ZEIT: Porträt

Streben nach Genauigkeit

Dtsch Arztebl 2008; 105(28-29): A-1547 / B-1333 / C-1301

Merten, Martina

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
Eigentlich ist Eberhard Thoma Chirurg. Doch von Zeit zu Zeit schlüpft er in eine andere Rolle – in die des Visitors.

Es gibt Momente, in denen sich Eberhard Thoma unter keinen Umständen ablenken lässt. Selbst wenn die Mitarbeiter einer Praxis, in der eine Visitation stattfindet, hin und wieder eine lustige Anekdote zum Besten geben – der Facharzt für Chirurgie bleibt ernst. Dabei mangelt es Eberhard Thoma keinesfalls an Humor. Doch wenn der 49-Jährige als Visitor an einer Praxisbegehung teilnimmt, sind all seine Sinne hoch konzentriert. Denn Thoma verfolgt in seiner Funktion als Visitor ein Ziel: diejenigen Schwachstellen einer Praxis aufzuspüren, die hervorragende Qualität behindern.

Wenn ein Zertifizierungsunternehmen Thoma als Visitor anfordert, bedeutet dies in erster Linie Arbeit für den in einer Bremer Gemeinschaftspraxis niedergelassenen Chirurgen. Er muss sich mit dem Handbuch auseinandersetzen, das die jeweilige Praxis als Teil ihres Qualitätsmanagements (QM) vorbereitet hat, die Begehung kostet ihn Zeit, auch die Nachbereitung nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Finanziell lohnt es sich kaum. Aber die Überzeugung, dass „Qualitätsmanagement in den Händen von Ärzten und Psychotherapeuten bleiben soll“, treibt Thoma an. Außerdem, glaubt der gebürtige Darmstädter, entspreche QM dem, was Krankenkassen, Patienten und die Regierung heutzutage von Arztpraxen erwarten: ergebnisorientiert zu arbeiten.

Perfektionismus muss nichts Negatives sein
Was Thoma mit ergebnisorientiert meint, kristallisiert sich im Laufe einer Begehung einer Berliner HNO-Praxis schnell heraus. „Wie gewährleisten Sie den Datenschutz bei der Anmeldung?“ „Sind die Spritzen in dem Fach dort drüben noch haltbar?“ „Ist Ihr Notfallkoffer vollständig?“ „Wo lagern Sie Ihre Medikamente?“ So lauten einige seiner zahlreichen Fragen. Dabei zieht der Chirurg verschiedene Praxisschubladen heraus, nimmt Petrischalen in die Hand und überprüft Medikamente auf ihre Haltbarkeit. Zwischendurch fordert Thoma den HNO-Arzt und seine medizinisch-technischen Angestellten immer wieder auf, bestimmte Tätigkeiten zu demonstrieren. So überprüft Thoma, ob die Praxismitarbeiterinnen die hygienische Händedesinfektion korrekt ausführen, er will wissen, ob die Notfalllinstrumente richtig gehandhabt werden oder Infusionen korrekt vorbereitet werden.

Während der Visitor Fragen stellt, schaut er sich gleichzeitig mit bestimmtem Blick um, zwischendurch macht Thoma sich immer wieder Notizen. „Man muss genau vorgehen können“, sagt er mit einem Schmunzeln, und erstmals lassen die Lachfalten um seine Augen auf sein wahres Alter schließen. Aber glücklicherweise seien Genauigkeit und Perfektionismus Wesenszüge vieler Ärzte. Thoma hat kein Problem damit, zu fragen und sich einzumischen. Schließlich, fügt er erklärend hinzu, sei dies eine Form der Wertschätzung der Praxen: „Ich sage dem Praxisteam auch geradeheraus, wenn es an der ein oder anderen Stelle noch hapert.“

Thoma ist ein offener Mensch, Verschlossenheit ist nicht sein Fall. Wenn er von etwas überzeugt ist, lebt er es. Dabei ist er ebenso bereit, neue Wege einzuschlagen. „Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch“, sagt er über sich selbst. Medizin als Studienfach zu wählen, sei rückblickend eine Option von vielen gewesen. Seinem Interesse an Neuem ist es auch geschuldet, dass Thoma heute nebenbei als Visitor arbeitet. Zwei Jahre nach seiner Facharztanerkennung als Chirurg entschloss er sich, noch einen Master of Public Health draufzusetzen. Zwei Jahre pendelte er neben seiner Tätigkeit als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie des Zentralkrankenhauses Bremen-Nord nach Hannover und entdeckte während dieser Zeit seine Vorliebe für QM. Dem Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) schloss sich eine Phase an, die Thoma rückblickend wie eine Art „Erziehungsurlaub“ empfindet: Er wechselte von der Versorgung in die QM-Beratung. „Ich wusste aber immer, dass ich in die Versorgung zurückkehren würde“, sagt Thoma heute.

Ein interessantes Angebot der KBV
Hätte er diesen Weg nicht eingeschlagen, wäre er womöglich Dr. med. Franziska Diel nie begegnet. Auch Diel hatte an der MHH ihren Master of Public Health abgelegt, auf einem Ehemaligentreffen der Universität lernten beide sich kennen. Die heutige Leiterin der Abteilung Qualitätsmanagement bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fragte Thoma, ob er Lust habe, an der Entwicklung eines QM für niedergelassene Praxen mitzuarbeiten. Thoma hatte Lust. Als Mitglied einer KBV-Arbeitsgruppe verglich er deutsche und internationale QM-Systeme und half mit, ein eigenes QM-System zu entwerfen. Qualität und Entwicklung in Praxen, so die Bezeichnung, fand 2005 in Thomas eigener Praxis Anwendung. Denn sie gehörte zu den bundesweit 60 Pilotpraxen, die das neue QM testeten.

So sehr der Arbeitsalltag von Thoma vom Thema Qualitätsmanagement geprägt zu sein scheint – dies ist nur eine Facette. „Ich bin und bleibe mit Leib und Seele Chirurg“, betont er. Als müsse er sich erklären, schiebt Thoma noch einmal nach: „Qualitätsmanagement und Chirurgie sind sich ähnlich. In beiden Disziplinen wird nach klaren Strukturen vorgegangen.“
Martina Merten
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