ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2008Walter Jens: Die Grenze überschritten
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Der Fall von Walter Jens – in der doppelten Bedeutung des Worts – erregt und erschüttert die Gemüter. Es macht Angst, und nur so lässt sich der Kommentar von N. Jachertz verstehen, dass die Demenz auch im geistigen Olymp ihre Opfer sucht und dies nicht geheim zu halten ist: Sie rückt uns nahe. Ziel des Angriffs wird nun Inge Jens, die die öffentliche Person Walter Jens lebendig sein lässt, nicht – wie gefordert – „still“-hält, sondern in aller Öffentlichkeit ihre inneren Konflikte bewegend und nicht beschönigend darstellt. Ihr Mann wird dabei präsent, nicht „präsentiert“. Überhaupt macht sie die inneren Nöte von Angehörigen demenzkranker Patienten „gesellschaftsfähig“. Inge Jens, und das ist ein Aspekt des vermeintlichen Skandals, tritt als eigenständige, selbstbewusste Frau aus der langjährigen Ehegemeinschaft heraus, ohne diese gleichzeitig zu verlassen. Sie fühlt sich dem Motto „bis dass der Tod euch scheidet“ verbunden. Der „kaum verhüllte Euthanasie“-Vorwurf des Autors an Inge Jens sowie die Unterstellung, mit ihrem Interview die Diskussion um Sterbehilfe befördern zu wollen, verfemen von vorneherein alle eingestandenen und nicht eingestandenen Todesfantasien, die im Umgang mit Schwerkranken aufkommen . . . Zudem wird unterschlagen, dass das Ehepaar Jens in einem jahrelangen Dialog um das „gute Sterben“ und den Kairos des Todes gerungen hat, insofern sind ihre Todeswünsche „ gehalten“ von einer gemeinsamen Rede . . . Man muss sich fragen, ob der Autor zu Beginn seines Kommentars von sich spricht, dass er also Walter Jens nicht mag, dabei übersehend, dass seine ethischen Maßstäbe nur für ihn gelten, nicht geteilt werden müssen und zuallerletzt dazu taugen, den Stab über die Familie Jens zu brechen.
Dr. Detlev Stummeyer, Erlenweg 13,
68535 Neckarhausen

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