ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2008Walter Jens: Noch viele Fragen
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1. Walter Jens war/ist insbesondere in dem Zusammengehen mit Hans Küng eine öffentliche Person in unserer BRD. Manche von uns Deutschen wollen sich zustimmend oder sich abgrenzend an ihm orientieren. Frau Jens hat sich in dem „Stern“-Interview sehr differenziert geäußert. Die Problematik dieser Krankheit (die Wesensänderung, die Peinlichkeit des Verfalls, aber auch die menschliche Haltung; das Zusammenhalten der Ehepartner) werden in dem Interview in einer berührenden Weise deutlich. Muss uns das peinlich („geschmacklos“) sein? Müssen wir nicht uns selbst nach dem Ausmaß psychodynamisch begründeter und von vermeintlicher politischer Correctness motivierter Abwehr fragen?

2. Manche von uns denken, dass sie nicht in eine Alzheimer-Demenz gehen, sondern vorher den möglichen Ausweg wahrnehmen wollen. Man kann sich mit Ernsthaftigkeit und Beklommenheit fragen, ob man eine Chance hat, das vielleicht schmale Zeitfenster der hinreichenden Kompetenz und Initiative wahrnehmen zu können, ehe uns diese Möglichkeit durch die Inkompetenz in der Demenz genommen wird und nur noch eine Euthanasie nach niederländischem Muster möglich wäre. Eine nicht unvernünftige Überlegung wäre doch, bei noch friedfertigem und gut leitbarem Zustand noch einige Monate bis Jahre bleiben zu können, aber vor der schwerwiegenden Wesensänderung mit Aggressivität gegenüber den nächsten Angehörigen und der Phase der Inkontinenz und Bettlägerigkeit mit Fremdhilfe sterben zu können. Müssen wir einen solchen Gedanken, auch wenn er eine Missbrauchsgefahr enthält, als entwürdigend bezeichnen?
3. Wenn Walter Jens, der nach seinem Buch mit Hans Küng dazu berufen ist, uns ein Beispiel zu geben, dem wir zustimmen oder nicht zustimmen können: Warum ist er den Weg in den Suizid nicht gegangen? Wenn wir ihn als eine öffentliche Person wahrnehmen, an der wir uns orientieren können oder wollen: Welche Gedanken können wir davon ableiten? Reden wir zu unseren gesunden Zeiten manches, was wir zu der Zeit der Krankheit in unserer allzumenschlichen Ängstlichkeit vor dem Sterben dann doch nicht am eigenen Leibe exerzieren werden?

4. Haben wir in unserer so brillanten analytischen und humanistischen Intellektualität schon richtig begriffen, was eine menschliche Beziehung bedeuten kann? Erst in dem begleiteten Weg in eine Alzheimer-Demenz, aber auch in der Suizidbegleitung und in der Suizidassistenz werden die Verschiedenheit und die Komplexität menschlicher Beziehungen sowohl in der Fürsorge als auch in der ängstlichen Distanzierung deutlich. Die bisherige deutsche Diskussion zur ärztlichen Suizidassistenz und zur Euthanasie niederländischen Musters geht völlig an diesen Aspekten vorbei. Die rigide Tabuisierung und Abwehr der Diskussion durch die offizielle verfasste Ärzteschaft trägt gravierend zu der Ignoranz und Abwehr der realen Problematik bei.
Ich kann eine kritische Haltung zur ärztlichen Suizidassistenz sehr unmittelbar nachvollziehen. Auch ich selbst befürworte zwar eine Begleitung, sehe aber auch erhebliche Probleme. Ich meine, dass wir als Ärzte und insbesondere auch als Psychiater dieses Feld nicht nur den Menschenrechtsaktivisten überlassen, sondern unseren Fachverstand einbringen müssen. Sonst wird uns die Entwicklung abseits stellen, und es wird einen mühsamen Weg brauchen, ehe notwendige kritische Gesichtspunkte anerkannt werden!
Priv.-Doz. Dr. Johann F. Spittler, Alsenstraße 14,
45711 Datteln
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