ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2008Praxisführung: Jenseits der Bilanz

WIRTSCHAFT

Praxisführung: Jenseits der Bilanz

Dtsch Arztebl 2008; 105(28-29): A-1568 / B-1352 / C-1320

Vetter, Michael

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LNSLNS „Qualitativen Faktoren“ kommen bei der Kreditvergabe an Ärzte eine immer größere Bedeutung zu.

Betriebswirtschaftliche Auswertungen, Einnahme-Überschuss-Rechnungen sowie Rentabilitäts- und Liquiditätsbetrachtungen – dies waren bisher im Wesentlichen die für Dr. med. Berthold A. wichtigen Stichworte, wenn es um die Beurteilung der Kreditwürdigkeit seiner Praxis ging. Als sein Vater die Praxis an ihn vor neun Jahren übergab, tat er dies mit dem Selbstverständnis des Unternehmers, dass die „Zahlen eben immer stimmen müssen“. Dr. A. übernahm diesen Ansatz fast schon wie selbstverständlich und lebt auch heute noch danach. Weitergehende Gesichtspunkte, die wesentliche Eigenschaften des Arztes als Unternehmer beziehungsweise der Praxis selbst abbilden und die mit der Bilanz und dem damit verbundenen Zahlenwerk zunächst nichts oder relativ wenig zu tun haben, sind nach wie vor nicht seine Stärke.

Miese Kreditkonditionen
Dies wurde während des letzten Bilanzgesprächs deutlich, das Dr. A. gemeinsam mit seinem Steuerberater zweimal jährlich mit dem Kreditsachbearbeiter seiner Hausbank führt. Zu seiner Überraschung erhielt er dort die Information, dass sein Praxisrating wie bereits im vergangenen Jahr ein „eher Ausreichend“ sei. Diese Note drückt sich naturgemäß auch in seinen Kreditkonditionen aus. So zahlt er für den für ihn wichtigen Barkredit auf dem Praxiskonto derzeit einen Zinssatz von zwölf Prozent im Jahr, während erstklassige Sätze bei etwa acht Prozent liegen. Im Verlauf des Gesprächs wurde deutlich, dass die Bank eben nicht mehr nur großen Wert auf stabile wirtschaftliche Zahlen legt, sondern auch auf jene Faktoren, mit denen sich Dr. A. bisher noch nicht richtig anfreunden kann oder will.

Immerhin scheint bei dem Arzt nun aber die Einsicht zu wachsen, diesen Bereich nicht länger zu vernachlässigen und sich endlich detailliert mit Inhalten seiner Unternehmensführung auseinanderzusetzen. Selbstverständlich ist Dr. A. dieses Thema nicht unbekannt. Dazu ist er alles in allem auch viel zu erfolgreich. Allerdings gibt es bisher keine erkennbare Ordnung beispielsweise in den für die strategische Ausrichtung der Praxis wichtigen Bereichen der Planung und Steuerung. So fehlt ein funktionierendes Controllingsystem ebenso wie Risikofrüherkennungssysteme. Auch das Informationsverhalten und die damit verbundene Transparenz von Dr. A. ist verbesserungsfähig. Details über Umsätze, Erträge und über geplante Investitionen teilt er bisher lediglich seiner langjährigen Mitarbeiterin mit, die ihrerseits angehalten ist, damit sehr zurückhaltend umzugehen und, vorsichtig formuliert, eher defensiv mit ihren Kolleginnen zu kommunizieren.

Regelmäßige Mitarbeitergespräche, dies erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr verwunderlich, gibt es in der Praxis des Dr. A. ebenso wenig wie konkrete Fortbildungspläne oder Mitarbeiterbeurteilungen, die bei einer Praxis mit neun Fachkräften eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Während des Bankgesprächs wurde dem Arzt ebenfalls mitgeteilt, dass künftige Kreditvergaben sowie die jeweiligen Kreditkonditionen auch vom kurzfristigen Aufbau vor allem eines Controlling- beziehungsweise Steuerungssystems abhängig sein werden. An der Höhe des Kreditzinssatzes des Barkredits „wird sich aufgrund der aktuellen Situation nichts ändern“, wurde Dr. A. wie selbstverständlich auch noch mitgeteilt.

Der Druck der Hausbank sollte Wirkung zeigen
Die deutlichen Worte und die angedeuteten Konsequenzen haben bei Dr. A. Eindruck hinterlassen. Nach einer internen Abstimmung mit seinem Steuerberater wird er sich kurzfristig um einen Unternehmensberater bemühen, dessen betriebswirtschaftliche Beratungsschwerpunkte in der Medizinbranche liegen. Gemeinsam mit der Hausbank und dem Steuerberater soll dann ein Unternehmenskonzept erarbeitet werden, in dem sich die Anforderungen seines Kreditgebers weitgehend wiederfinden werden. Ob sich bei Dr. A. damit allerdings die tatsächliche Einsicht verbindet, sein unternehmerisches Handeln zu verändern, oder ob die Veränderungen nur auf den Druck seiner Hausbank zurückzuführen sind, muss sich erst noch zeigen. Der Arzt wäre jedenfalls gut beraten, vor allem sein bisheriges Kommunikationsverhalten einer kritischen Selbstprüfung zu unterziehen.
Michael Vetter
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