ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Reform der ärztlichen Ausbildung: Der Blick über den eigenen Tellerrand schadet nicht

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Reform der ärztlichen Ausbildung: Der Blick über den eigenen Tellerrand schadet nicht

Heidelberger, Ulrich

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LNSLNS Das Bundesministerium für Gesundheit hat Anfang 1996 ein Reformkonzept für die ärztliche Ausbildung vorgelegt (DÄ, Heft 6/1996). Die Inhalte und Ziele der geplanten Reform erinnern an Studiengänge, die im Ausland seit Jahrzehnten verwirklicht sind. Im folgenden schildert Dr. med. Ulrich Heidelberger seine Erfahrungen während eines Studienaufenthalts an der King´s College Hospital Medical School in London. Bereits Anfang der siebziger Jahre wurde dort praktiziert, was in Deutschland seit Jahren diskutiert wird und oft an den verkrusteten Strukturen der Universitätskliniken scheitert.


Wesentliche Ziele des deutschen Reformkonzepts von 1996 waren im klinischen Studium der King’s College Medical School verwirklicht, wie die Ausbildung in Kleingruppen, die Verbesserung der praktischen Fähigkeiten oder der fächerübergreifende Unterricht. Voraussetzung für dieses Ausbildungssystem ist jedoch, daß Krankenhaus und Patienten den Studenten als Mitarbeiter akzeptieren. Außerdem müssen die Studenten bereit und finanziell dazu in der Lage sein, während des Studiums auf Semesterferien zu verzichten. Sie haben ein Anrecht auf 25 Urlaubstage im Jahr und müssen ansonsten der Klinik zur Verfügung stehen.


Unterricht am Krankenbett
Nach Abschluß des etwa zweijährigen vorklinischen Studiums beginnen die Studenten eine Art permanente "Famulatur", die weitere drei Jahre dauert. Während der "Famulatur" werden für jedes Fach kleine Gruppen von sieben bis zehn Studenten gebildet, sogenannte "firms". Sie sind jeweils einer oder zwei Abteilungen zugeordnet. Die Chef- oder Oberärzte der Abteilung unterrichten die Studenten am Krankenbett. Dabei sind sie gezwungen, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Bei den Lehrvisiten müssen sie nicht nur ihr Spezialgebiet unterrichten, sondern auch das allgemeine klinische Wissen des jeweiligen Faches vermitteln. Den Studenten werden "eigene" Patienten zugeteilt, die sie aufnehmen und betreuen. Sie unterbreiten Diagnose und Therapievorschläge, die mit den Stationsärzten besprochen werden. Ihre "students’ notes" sind wichtiger Bestandteil des Krankenblatts.
Zu den Aufgaben der Medizinstudenten gehören unter anderem die Blutabnahme und Punktion sowie Injektionen und das Anlegen von Infusionen. Jede Gruppe erarbeitet einen eigenen Dienstplan für die verschiedenen Aufgaben. In der Chirurgie werden die Studenten zur selbständigen Wundversorgung, aber natürlich auch zum "Hakenhalten" herangezogen. In der Geburtshilfe nehmen sie sowohl Episiotomie als auch die Naht vor. Diese Aufgaben fallen vor allem auf die Vormittage und den Nachtdienst. Die Studenten nehmen selbstverständlich teil an der täglichen Dienstbesprechung der Ärzte, der Röntgenbesprechung, den pathologischen "Postmortem"-Demonstrationen, den Treffen mit Sozialarbeitern und Psychologen und vielem mehr.
Nachmittags finden die Hauptvorlesungen ("topic teaching") sowie weitere theoretische Veranstaltungen statt. Bereits in den siebziger Jahren wurde weitgehend fächerübergreifend unterrichtet, jeweils aus der Sicht der einzelnen Fachärzte wie Internisten, Chirurgen, Pädiater, Pathologen, Mikrobiologen, Psychosomatiker usw. Pro Tertial wurde ein Thema behandelt, beispielsweise das kardiovaskuläre System, das respiratorische System oder das Uro-Genital-System. So konnten innerhalb von drei Jahren alle wichtigen Themen berührt werden. Jeweils alle Studenten der Medical School nahmen daran teil, so daß sich die Themen nur alle drei Jahre wiederholten. Zusätzlich zu diesen Veranstaltungen gab es Fachvorlesungen oder Gastvorträge von Lehrern anderer Medical Schools.


Studenten müssen Verantwortung tragen
Ein solches Ausbildungssystem ist allerdings nur sinnvoll, wenn die Studenten ein gewisses Maß an Verantwortung übernehmen dürfen. In Londoner Lehrkrankenhäusern ist dies zur Tradition geworden. Der Student gilt dort nicht als lästig – er wird gebraucht. Die Qualität der klinisch praktischen Ausbildung war damals am King’s College Hospital deutlich besser als beispielsweise an der "Reformuniversität" Ulm, wo man den Patienten oft nur von weitem zu Gesicht bekam. Das mag sich inzwischen gebessert haben. An der grundsätzlichen Situation scheint sich jedoch nichts geändert zu haben, sonst wäre nicht eine weitere Reform des Medizinstudiums geplant.
Es kann durchaus fruchtbar sein, über unseren deutschen Tellerrand zu blicken und bewährte Strukturen aus dem Ausland in unsere Studienordnung zu integrieren. Ähnliche Beispiele wie das der King’s College Hospital Medical School gibt es in den USA und anderen Ländern. Es wäre durchaus denkbar, in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München ein ähnliches System aus dezentralisierten Medical Schools aufzubauen.
Eine wichtige Voraussetzung für eine Studienreform in Deutschland muß jedoch noch geschaffen werden: Der deutsche Medizinordinarius muß von seinem hohen Roß heruntersteigen und sich in die Niederungen des Studentenunterrichts am Krankenbett und im Seminar begeben. Es muß ihm persönlich am Herzen liegen, junge und motivierte Ärzte heranzuziehen. Ulrich Heidelberger

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