ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2008Zukunft der VertragsPsychotherapie: Votum für den Erhalt von Kollektivverträgen

POLITIK

Zukunft der VertragsPsychotherapie: Votum für den Erhalt von Kollektivverträgen

PP 7, Ausgabe Juli 2008, Seite 295

Gerst, Thomas

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LNSLNS Noch ist unsicher, wie sich die psychotherapeutische Versorgung innerhalb der neu entstehenden wettbewerblichen Strukturen entwickeln wird.

Eintrittskarten zum KV-System sind nicht der Schlüssel zum Paradies.“ Diese Feststellung des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, Dr. med. Leonard Hansen, wird wohl keine neue Erkenntnis gewesen sein für die Teilnehmer einer Informationsveranstaltung der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) zum Thema „Kollektiv- oder Einzelvertrag – KV oder Krankenkassen? Wo bleibt die Psychotherapie?“. Der Veranstaltungsraum war voll besetzt; offenbar waren viele Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit hohen Erwartungen ins Kölner Kolpinghaus gekommen. Diejenigen, die konkrete Handlungsanweisungen, etwa in Bezug auf einen Ausstieg aus dem KV-System, erwartet hatten, mussten sich allerdings enttäuscht sehen.

Das Zauberwort für die Zukunft heißt Kooperation
Anscheinend stehe, sagte Hansen, derzeit der Abriss des kollektivvertraglichen Systems auf der Tagesordnung; vieles von dem, was als Blaupausen in den Schubladen schlummere, sei noch gar nicht bekannt. Seine KV wolle dabei nicht einfach zusehen, sondern aktiv auf den Veränderungsprozess einwirken. Von den Krankenkassen dürften die Psychotherapeuten nicht viel erwarten; sie würden dort als eher nebensächlich angesehen. „In den neuen Selektivverträgen kommen Sie gar nicht vor.“ Gleichwohl würden alle Praxen schon bald auf Zusatzeinnahmen aus selektiven Verträgen angewiesen sein.

In Zukunft erfolgversprechend und erforderlich seien deshalb kooperative Formen der Berufsausübung. Hierin sieht Hansen auch Chancen für die Psychotherapeuten, sich in Zukunft behaupten zu können. „Erarbeiten Sie in Kooperation mit den Ärzten vor Ort und den nicht ärztlichen Gesundheitsberufen eigene Angebotsstrukturen.“ Wichtig seien neue Formen der Therapievernetzung. Die Psychotherapeuten müssten aber dabei mitwirken, aus ihrem therapeutischen Sonderstatus herauszukommen und eine bessere Vernetzung und Verankerung in der medical community herbeizuführen. Abschließend umwarb der KV-Vorsitzende seine Zuhörer: „Sie sind uns als Mitglieder lieb und teuer. Ich bitte Sie um Ihr Mandat, um Ihre Interessen wahrnehmen zu können.“

Vorerst muss sich Leonard Hansen offenbar auch keine Sorgen machen, dass ihm die Psychotherapeuten davonlaufen und eigene Vertragsbeziehungen mit den Krankenkassen anstreben. „Wir stehen zum Kollektivvertrag“, erklärte der DPtV-Bundesvorsitzende Dieter Best auf der Kölner Veranstaltung Anfang Juni. Denn der Kollektivvertrag sichere trotz seiner Mängel einen hohen und einheitlichen Standard der psychotherapeutischen Versorgung.

Allerdings müsse für die weitere Entwicklung berücksichtigt werden, dass psychische Krankheiten immer häufiger auftreten würden. Das System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung biete derzeit aber nicht die adäquaten Lösungen bei der Therapie vieler psychischer Erkrankungen an. Zu registrieren sei weiterhin eine starke Dominanz der somatischen Medizin, was nicht zuletzt bei der Vergütung der ärztlichen und psychotherapeutischen Leistungen seinen Ausdruck finde.

„Wir sind die Kellerkinder des Vergütungssystems“, betonte Best mit Blick auf die Einkommensentwicklung verschiedener Arztgruppen und der Psychotherapeuten in den Jahren 2000 bis 2006. Die Vergütungshöhe für Psychotherapeuten könne maximal die unteren Durchschnittswerte vergleichbarer Arztgruppen erreichen.

Gleiches Honorar bei gleicher Leistung
Wie Hansen sieht auch Best in den vom Gesetzgeber geschaffenen neuen Vertragsformen Chancen, die Versorgung psychisch kranker Patienten zu verbessern. Allerdings stehe zu befürchten, dass mit der Einführung des Gesundheitsfonds 2009 die Kostengesichtspunkte immer stärker von den Krankenkassen in den Vordergrund gerückt würden. Hier sei es auch eine Aufgabe der Versorgungsforschung, die Bedeutung der Psychotherapie bei der Behandlung chronischer und komplexer Krankheiten aufzuzeigen. Zu einer erfolgreichen koordinierten Zusammenarbeit zwischen Arztgruppen und Psychotherapeuten könne es aber nur dann kommen, wenn alle gleichrangig an der Entwicklung und Durchführung neuer Versorgungsformen beteiligt würden. Bests Appell an Hansen: „Setzen Sie sich für die Verbesserung der psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung im bestehenden kollektivvertraglichen System ein.“ Und die Krankenkassen forderte er auf, sich dort, wo es nötig und sinnvoll sei, an der gemeinsamen Entwicklung neuer Versorgungsformen zu beteiligen.
Thomas Gerst
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