ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2008Psychosoziale Betreuung Opiatabhängiger: Der Arzt kennt nur die Spitze des Eisbergs

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Psychosoziale Betreuung Opiatabhängiger: Der Arzt kennt nur die Spitze des Eisbergs

PP 7, Ausgabe Juli 2008, Seite 302

Bühring, Petra

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Foto: dpa
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Psychosoziale Betreuung in der Substitutionsbehandlung kann den Gesundheitszustand verbessern und die Haltequote erhöhen. Die Qualität ist jedoch bundesweit uneinheitlich, und nicht überall funktioniert die Kooperation gut.

Psychosoziale Betreuung (PSB) ist das Fundament für die suchtmedizinische Behandlung Drogenabhängiger“, sagt Dr. med. Jörg Gölz, der seit zwanzig Jahren in der Substitution Opiatabhängiger tätig ist. Nur durch eine enge Kooperation mit dem Drogenberater könne der Suchtkranke langfristig stabilisiert werden. Gölz, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, sprach bei der Fachtagung „Psychosoziale Betreuung der Substitution“ Ende Mai in Berlin vom „Eisberg-Syndrom“: Der Arzt kenne und behandle nur die somatischen und psychischen Syndrome der Sucht – die Spitze des Eisbergs. Der Drogenberater „kennt den ganzen großen Rest“: Seine Arbeit garantiere dem Arzt die Umsetzung von Therapieplänen in die Wirklichkeit.

In Berlin sei die Kooperation mit den Suchtmedizinern sehr gut, bestätigte Rolf Bergmann von der Vista gGmbH, einem Berliner Träger von Drogenberatungsstellen, PSB-Angeboten und betreutem Wohnen, der zusammen mit dem Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige e.V. die Fachtagung veranstaltete. Die Qualität der PSB sei in der Hauptstadt, in der immerhin rund 4 000 Heroinabhängige substituiert werden, sehr gut. Das bestätigten alle Referenten. Vera Kalinna stellte eine anonyme Zufriedenheitsbefragung der Klienten von Vista und Notdienst vor, die dort PSB in Anspruch nahmen. Die Rücklaufquote der 1 100 ausgegebenen Fragebögen betrug 64 Prozent. Die Beurteilung der Angebote war durchweg gut bis sehr gut. Die Gründe hierfür: vertrauensvolle Arbeitsbündnisse, Transparenz, gemeinsame Ziel- und Hilfeplanungen, hohe fachliche Kompetenz der Mitarbeiter sowie die einzelfallbezogene Finanzierung im Rahmen der Eingliederungshilfe (§§ 53, 54 SGB XII und § 4 SGB IX).

Bundesweit dagegen gelte die Kooperation zwischen Suchtmedizinern und Drogenberatern sowie die sektionsübergreifende Versorgung in dem Fachbereich als „schwierig“, sagte Dr. Ingo Michels, der als Stellvertreter der Bundesdrogenbeauftragten an der Fachtagung teilnahm. Es fehlten einheitliche Standards der psychosozialen Betreuung, die Qualität sei von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich und variere auch je nach Kommune und Drogenhilfeeinrichtung. Michels wies auf ein weiteres Defizit über die PSB hinaus hin: „Begleitende Hilfen von Psychiatern und Psychotherapeuten werden nicht ausreichend angeboten.“ Dass Opiatabhängige als „nicht wartezimmerfähig“ gelten, mag ein Grund für diesen Missstand sein.

Die Wirksamkeit von PSB ist inzwischen auch nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin belegt. Darauf wies Dr. Peter Degkwitz vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg hin. Er stellte die Ergebnisse zu PSB aus dem Bundesmodellprojekt zur heroingestützten Behandlung (Heroinstudie) vor, in der die Kontrollgruppe mit Methadon substituiert wurde. Danach verbessern diejenigen, die PSB in Anspruch nehmen, ihren Gesundheitszustand stärker, als diejenigen, die nicht teilnehmen. Die Haltequote, das heißt der Verbleib in der Substitution, ist mit PSB leicht erhöht. Je länger und je häufiger PSB in Anspruch genommen wird, desto eher verbessern sich Lebenssituation, rechtliche Situation und die psychische Verfassung der Substituierten.
Petra Bühring

Zahlen zur Substitution
Bundesweit gelten nach Schätzungen der Bundesregierung zwischen 76 000 und 161 000 Menschen als problematische Konsumenten von Heroin. In Substitutionsbehandlung befinden sich davon 69 100 (Stand 1. Juli 2007). Hinzu kommen privat versicherte Substituierte, die nicht bei den Substitutionsregistern meldepflichtig sind.

Mit Methadon und anderen Ersatzstoffen versorgt werden die Betroffenen von 6 449 Ärzten mit suchttherapeutischer Qualifikation nach § 5 Abs. 2 BtMVV.
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