ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2008Interview mit Götz Mundle, ärztlicher Direktor der Oberbergkliniken*: „Sie glauben, allein mit ihren Problemen klarzukommen“

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Interview mit Götz Mundle, ärztlicher Direktor der Oberbergkliniken*: „Sie glauben, allein mit ihren Problemen klarzukommen“

PP 7, Ausgabe Juli 2008, Seite 303

Sonnenmoser, Marion

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Foto: Oberbergkliniken
Foto: Oberbergkliniken
Ein Gespräch über die Ursachen des Burn-out-Syndroms speziell bei Psychologen und Psychotherapeuten und wie ihnen geholfen werden kann

Wie kommt es zum Burn-out-Syndrom?
Prof. Dr. med. Götz Mundle: Ein Burn-out-Syndrom entsteht, wenn Menschen ständig versuchen, überhöhten äußeren und inneren Erwartungen und Ansprüchen gerecht zu werden und dabei versäumen, Grenzen zu setzen oder sich Erholungsphasen zu gönnen. Dann kommt es zu einer chronischen Überforderung, die sich in emotionaler Erschöpfung und meist unspezifischen körperlichen Symptomen wie Schlaf- oder Appetitstörungen, Magen-, Darm- oder Kreislaufbeschwerden sowie Kopfschmerzen äußern kann. Unbehandelt können sich spezifische Erkrankungen wie Tinnitus, Hypertonie, Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen entwickeln.

Wie entwickelt sich ein Burn-out-Syndrom bei helfenden Berufen wie bei Psychologen und Psychotherapeuten?
Mundle: Meistens gibt es mehrere Ursachen. Zum einen spielen personenbedingte Faktoren eine wichtige Rolle. Psychologen und Psychotherapeuten haben häufig hohe Ansprüche an sich selbst. Sie sind davon überzeugt, mit schwierigen, emotionalen Situationen oder Krisen immer fertig zu werden. Außerdem glauben sie, anderen stets helfen und für sie da sein zu müssen. Damit überfordern und überschätzen sie sich jedoch. Zum anderen gibt es natürlich auch berufsbedingte Ursachen. Psychologen und Psychotherapeuten haben es den ganzen Tag und über Jahre hinweg mit Menschen zu tun, die Probleme haben. Diese Arbeit ist mit einer hohen Verantwortung und intensiven Emotionen und Konflikten, zum Beispiel durch Gegenübertragungen, verbunden. Einerseits ist das eine besondere Herausforderung, die den Reiz dieser Tätigkeit ausmacht und viele Chancen birgt, andererseits ergibt sich daraus eine hohe emotionale Beanspruchung, die auch zur Überforderung werden kann. Weitere wichtige Faktoren für die Entwicklung eines Burn-out-Syndroms sind die Umstände im sozialen oder familiären Umfeld. Wenn Psychologen oder Psychotherapeuten abends nach Hause kommen, wollen sie emotional abschalten und sich zurückziehen. Sie sind erschöpft von einem langen Tag mit Gesprächen über Konflikte und Beziehungen, ihr Bedarf daran ist gedeckt. Wenn sie aber einen Partner oder eine Familie haben, die nun ebenfalls ihre – durchaus berechtigten – Wünsche nach Gespräch und Beziehung einfordern, kann auch dies zur Überforderung führen.

Gibt es Psychologen und Psychotherapeuten, die besonders gefährdet sind?
Mundle: Besonders gefährdet sind Personen, die allein arbeiten und keine Unterstützung durch ein Team oder eine Supervision haben. Dies gilt nicht nur für die Arbeit in der Einzelpraxis, sondern auch in Kliniken. Auch dort kommt es vor, dass Psychologen oder Psychotherapeuten relativ isoliert arbeiten, nicht vernetzt sind und obendrein als „Mädchen für alles“ herhalten müssen, indem ihnen stets die besonders schwierigen Fälle zugeschoben werden. Gefährdet sind aber auch Personen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften, beispielsweise mit einer besonderen Aufopferungsbereitschaft. Sie kann dazu führen, dass die eigenen Grenzen nicht wahrgenommen werden.

Erstaunlich ist, dass Psychologen und Psychotherapeuten, die ja meistens über das Burn-out-Syndrom gut informiert sind, es bei sich selbst offenbar nicht verhindern können. Wie kommt das?
Mundle: Diese Aussage gilt natürlich nicht für den überwiegenden Teil der Therapeuten. Aber wenn die Aussage zutrifft, so liegt dies hauptsächlich am Selbstbild. Sie glauben, dass sie keine Hilfe benötigen, alleine mit ihren Problemen klarkommen und sich selbst therapieren können, gerade weil sie „Spezialisten“ sind. Aus diesem Grund halten sie sich auch für unverwundbar. Das Eingeständnis, nicht (mehr) zu können und Hilfe zu brauchen, käme einem Versagen gleich und gefährdet das Selbstbild. Hier zeigen sich Selbstüberschätzung und ein Hang zum Narzissmus, verbunden mit Mechanismen der Verleugnung und Verdrängung. Die berufliche Kompetenz, mit emotionalen Konflikten anderer Personen umzugehen, geht nicht automatisch mit der persönlichen Kompetenz einher, eigene Probleme lösen zu können.

Was bringt Psychotherapeuten mit einem Burn-out-Syndrom trotzdem letztlich dazu, professionelle Hilfe anzunehmen?
Mundle: Zu uns in die Kliniken kommen hauptsächlich die „harten Fälle“, also solche Personen, die sehr lange ihre Probleme ignoriert haben und daher stark betroffen sind. Sie kommen meistens nicht aus eigenem Antrieb, sondern durch Vermittlung von anderen, denn diese bemerken ein Burn-out-Syndrom zuerst, der Betroffene selbst zuletzt. Oft sind es Partner und Familienangehörige, die den Betroffenen darauf hinweisen, dass er beispielsweise kaum noch ansprechbar ist und mal eine Pause braucht. Oder es ist der Körper, der „stopp“ sagt, indem er die Betroffenen durch starke Beschwerden und Zusammenbrüche regelrecht in die Knie zwingt.

Unterscheiden sich Psychotherapeuten als Patienten von anderen Patientengruppen?
Mundle: Nicht im Hinblick auf die Mechanismen des Krankheitsbilds. Aber sie tun sich manchmal schwerer, die Patientenrolle anzunehmen, und ihre Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren, vor allem zu Beginn der Behandlung. Das hängt damit zusammen, dass die Patientenrolle indirekt ihr Selbstbild infrage stellt – zumindest empfinden sie es so. Und das ruft wiederum Selbstzweifel, Scham und Selbstvorwürfe hervor, mit denen sie erst einmal umgehen müssen. Ein typischer Konflikt am Anfang der Therapie besteht im Hinterfragen der Kompetenz und Erfahrung des behandelnden Therapeuten. Dieses Infragestellen des Therapeuten spiegelt die Selbstzweifel gegenüber der eigenen beruflichen Kompetenz und den Fähigkeiten im Umgang mit persönlichen Schwierigkeiten wider. Der erste wichtige Schritt zu Beginn der Behandlung ist daher die Akzeptanz der Patientenrolle. Gelingt es betroffenen Therapeuten, die Rolle des Hilfesuchenden anzunehmen und den Therapeuten als Experten anzuerkennen, dann kann man sehr gut mit ihnen arbeiten und schnelle Erfolge erzielen, da ein Grundverständnis von Psychotherapie und eine hohe Introspektionsfähigkeit vorliegen.

Wie verläuft eine Burn-out-Behandlung?
Mundle: Die Behandlung gliedert sich in mehrere Phasen. Zuerst geht es darum, die körperliche Erschöpfung durch ganz einfache Dinge wie regelmäßiges Essen, Schlafen und eine Auszeit von der Arbeit und beruflichen Verpflichtungen zu behandeln. Anschließend geht es darum, dass die inneren, teils sehr quälenden Gedankenkreisläufe zur Ruhe kommen und die Patienten langsam abschalten – dies ist meist der schwierigste Teil der Therapie. Psychotherapeuten denken ja oft Tag und Nacht an die Praxis oder Klinik. Manche glauben, dass die Patienten ohne sie nicht leben könnten und dass sie unersetzbar seien. Deshalb ist es wichtig, dass die Betroffenen erkennen, dass es mal nicht um andere Menschen, sondern um sie selbst geht. Diese Themen werden in täglichen Einzel- und Gruppengesprächen ausführlich anhand der individuellen Entwicklung jedes Einzelnen und seiner aktuellen Situation aufgearbeitet. Es werden vor allem die Persönlichkeitsstruktur und die emotionalen Muster der Patienten intensiv betrachtet. Welche inneren Bilder sind da? Welche Konflikte und seelischen Verwundungen gibt es? Welche Rolle haben die Patienten im Elternhaus eingenommen? Welche Stärken und Schwächen sind vorhanden? Wichtige Themen sind außerdem Aufopferung, Anerkennung und Grenzen setzen. Im Hinblick auf die aktuelle Situation werden beispielsweise die Praxisorganisation oder die Einteilung von Beruf und Privatleben der Patienten betrachtet. Schließlich geht es um die Zukunft der Patienten. Es wird überlegt, welche Schwerpunkte sie setzen sollten, wann sie gefährdet sind, sich zu überfordern oder zu verausgaben und welche Maßnahmen sie ergreifen können, um ihr bisheriges Leben zu ändern.

Was sind das für Maßnahmen?
Mundle: Erstens organisatorische Maßnahmen, die Praxisabläufe, Zeitmanagement, Patientenkontingent oder Erreichbarkeit betreffen. Diese Punkte sind bei Psychotherapeuten mit Burn-out-Syndrom oft schlecht gelöst, denn sie vermischen Berufs- und Privatleben oder glauben, dauernd für ihre Patienten erreichbar sein zu müssen. Daher sollten sie künftig darauf achten, Tages- und Praxisabläufe besser zu strukturieren und regelmäßige Pausen einzulegen. Zweitens benötigen die Patienten Unterstützung, etwa durch Supervision oder kollegialen Austausch. Drittens sind Maßnahmen für den Ausgleich zum Beruf von großer Bedeutung. Darunter ist alles zu verstehen, was den Patienten hilft, körperlich, emotional und geistig abzuschalten und sich zu regenerieren, beispielsweise Sport, Musik, Malerei, Yoga, Meditation oder sonstige Entspannungstechniken.

Gibt es auch Rückfälle?
Mundle: In den ersten zwölf Monaten nach der Behandlung besteht die höchste Gefährdung für Rückfälle. Während dieser Zeit sind ambulante Therapiegespräche dringend erforderlich, in denen erörtert wird, welche Maßnahmen sich umsetzen ließen und welche (noch) nicht. Darüber hinaus können Selbsthilfegruppen, Supervision und kollegialer Austausch helfen, Rückfälle zu verhindern.

Was können Psychotherapeuten selbst tun, um ein Burn-out-Syndrom zu verhindern?
Mundle: Ganz wichtig ist es, dass sie die Wahrnehmung für sich selbst stärken und weiterentwickeln. Sie müssen lernen, zu spüren, wie es ihnen emotional geht, welche Wünsche und Bedürfnisse sie haben, wo ihre Grenzen liegen und wann ihre Grenzen erreicht sind. Es ist ja häufig so, dass ausgerechnet bei „Psycho“-Berufen die Wahrnehmung für eigene Bedürfnisse und Grenzen verloren gegangen ist. Wichtig ist außerdem ein bewusster Umgang mit der Gestaltung von Berufsalltag und Privatleben, sei es allein oder mit der Familie. Die Patienten sollen ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen und sich weniger von Beruf, Gesundheitssystem oder Praxis fremdbestimmen lassen. Die aktive Gestaltung des inneren Gleichgewichts müssen die Patienten neu lernen oder wiederentdecken, denn die meisten haben dieses Gleichgewicht verloren. Die allermeisten haben in der jüngsten Vergangenheit auch (fast) alle Ausgleichsaktivitäten aufgegeben.

Hat Burn-out bei Psychotherapeuten auch etwas mit dem Bild zu tun, das das soziale Umfeld und die Gesellschaft von ihnen haben?
Mundle: Unbedingt. Viele Leute glauben, dass Psychotherapeuten weniger Probleme hätten als andere Menschen, dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Aber darüber sprechen Psychotherapeuten so gut wie gar nicht. Das Thema ist tabu. Stattdessen vermitteln sie den Eindruck, dass sie ihre Probleme stets im Griff hätten und kultivieren das Bild von ihrer Unverwundbarkeit. Dabei sind gerade sie aufgrund der Bedingungen ihrer eigenen Entwicklung meist besonders vulnerabel, was nicht zuletzt mit ihrer Berufswahl zu tun haben könnte. Das Bild stimmt also oft nicht mit der Realität überein, aber es führt zu hohen Selbstansprüchen.
Die Fragen stellte Dr. phil. Marion Sonnenmoser.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Götz Mundle, Oberbergklinik Schwarzwald, Oberberg 1, 78132 Hornberg, Telefon: 0 78 33/ 7 92-2 33, E-Mail: goetz.mundle@oberbergklini ken.de, Internet: www.oberbergkliniken.de
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* Die Oberbergkliniken im Schwarzwald, Weserbergland und Berlin/Brandenburg sind spezialisiert auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen, Depressionen, Angsterkrankungen, Panikstörungen und das Burn-out-Syndrom.

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