ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2008Tabakabhängigkeit: Aufhörraten in Deutschland gering

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Tabakabhängigkeit: Aufhörraten in Deutschland gering

PP 7, Ausgabe Juli 2008, Seite 305

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LNSLNS Nach verschiedenen epidemiologischen Studien raucht etwa jeder dritte Deutsche. Über die Lebensspanne gesehen nimmt der Anteil der Raucher bis Mitte 20 zu, bleibt bis etwa zum vierten Lebensjahrzehnt stabil und nimmt dann ab, sodass im hohen Alter nur noch zehn Prozent der Frauen und 16 Prozent der Männer rauchen.

Jüngere Generationen haben deutlich mehr Konsumerfahrung als ältere. Bis zu 80 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben schon einmal geraucht; zwischen 34 und 47 Prozent rauchen aktuell, darunter ebensoviele Frauen wie Männer. In der letzten Dekade stieg der Anteil der rauchenden Frauen in den neuen Bundesländern; außerdem hat sich das Einstiegsalter für den Zigarettenkonsum vorverlagert.

Tabakkonsum muss nicht, kann aber zu Tabak- beziehungsweise Nikotinabhängigkeit führen, die mit einer Lebenszeitprävalenz zwischen 17 und 21 Prozent eine der häufigsten psychischen Störungen darstellt. Um Nikotinabhängigkeit (DSM-IV) beziehungsweise Tabakabhängigkeit (ICD-10) zu diagnostizieren, müssen drei oder mehr Kriterien über die Dauer von zwölf Monaten aufgetreten sein, unter anderem Entzugssyndrome, Toleranz oder verminderte Kontrollfähigkeit über den Tabakkonsum.
Der Ausstieg aus Konsum und Sucht ist nicht einfach. Zwar bedauern zwei Drittel der Raucher, mit dem Rauchen angefangen zu haben, aber ein Ausstieg gelingt nur selten. Lediglich sechs Prozent der Raucher schaffen es allein mit Willensanstrengung. Der Erfolg beim Rauchstopp lässt sich hingegen entscheidend verbessern, wenn professionelle Therapieverfahren eingesetzt werden. Schon Beratung durch den Hausarzt kann ausreichen, um bis zu 25 Prozent der Raucher zum Aufhören zu bewegen. Telefonische Beratung ist ebenfalls effektiv, wenn vor und nach einem Entwöhnungsversuch mehrere Kontakte proaktiv zu einem Raucher aufgenommen werden. Darüber hinaus können Medikamente nachweislich den Entwöhnungsprozess erleichtern oder die Entzugssymptomatik oder das Verlangen nach Zigaretten mildern. Psychologische Behandlungsprogramme basieren meist auf kognitiv-behavioraler Therapie und gelten ebenfalls als wirksam. Die höchsten Abstinenzraten von bis zu 50 Prozent erzielt die Kombination von mehreren Behandlungsformen.

„Trotzdem sind die Aufhörraten in Deutschland leider immer noch sehr niedrig“, so die Autoren. Ein Grund mag sein, dass nur wenige Raucher von Entwöhnungshilfen Gebrauch machen. Darüber hinaus gibt es zwar ein breites Spektrum an niedrigschwelligen, aber wenig effektiven Hilfen, jedoch nur ein geringes Angebot an professionellen, effektiveren Hilfen. Zu den niedrigschwelligen Angeboten und Kurzinterventionen zählen Aufklärungsbroschüren, Selbsthilfebücher, Rauchertelefone und Produkte zur Nikotinsubstitution. Höherschwellige Interventionen bieten zum Beispiel niedergelassene Psychotherapeuten, Suchtberatungsstellen, universitäre Ambulanzen, Krankenkassen oder Volkshochschulen an. Die Autoren bedauern, dass die klinischen Psychologen in Deutschland ein so geringes Interesse am Thema Tabakentwöhnung zeigten. Die ärztlichen Kollegen hätten hingegen den Handlungsbedarf erkannt und rüsteten sich mit entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen. ms

Hoch E, Mühlig S, Nowak D, Wittchen HU: Rauchen und Nikotinabhängigkeit in Deutschland. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2008, 37(1): 1–14
Dr. Eva Hoch, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, TU Dresden, Chemnitzer Straße 46, 01187 Dresden, E-Mail: hoch@psychologie.tu-dresden.de
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