ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2008Psychoanalyse: Keine elitäre Selbstgenügsamkeit

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Psychoanalyse: Keine elitäre Selbstgenügsamkeit

PP 7, Ausgabe Juli 2008, Seite 321

Stirn, Aglaja

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Der Buchtitel ist insofern etwas missverständlich, als der Leserschaft nicht nur eine Einstimmung auf das Thema, sondern auch ein systematisches Lehrbuch und Nachschlagewerk geboten wird. Das Buch dokumentiert en detail den „State of the Art“ der Psychoanalyse, eine Gesamtschau der aktuellen Debatten, die innerhalb des Fachs geführt werden über die Konzeption der seelischen Entwicklung, die Struktur und Dynamik der Krankheitsbilder und deren technisch-therapeutischer Behandlung. Berücksichtigung finden auch die aktuellen deutschsprachigen, angloamerikanischen und teilweise auch französischsprachigen Beiträge zum Thema.
In den Anfangskapiteln wird eine Herleitung der historischen sowie der konzeptuellen Entwicklung gegeben, wissenschaftstheoretisch-epistemologische und methodologische Überlegungen finden genauso ihren Platz wie die fundierte Darstellung der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie einschließlich der Ergebnisse der Säuglingsforschung, der Symbolisierungstheorie und der Traumlehre. Im Kapitel „Krankheitstheorie“ werden die einzelnen Störungsbilder ebenso fokussiert wie die differenziellen therapeutischen Methoden. Eingehend werden die Ergebnisse der empirischen Psychotherapieforschung rezipiert.
Ins Zentrum gerückt haben die Autoren „die Psychologie unbewusster Prozesse“, systematisch dargestellt an der Entwicklungstherapie, der Persönlichkeitstheorie, der Krankheitslehre und der Behandlungstechnik. Die Untersuchung unbewusster Prozesse ist eine der eigentlichen Domänen der Psychoanalyse, in jüngster Zeit auch durch Neurobiologie und Kognitionsforschung besetzt. Folgerichtig zeigen die Autoren vielfältige Konvergenzen zwischen den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und ihren Ergebnissen, etwa der Traumforschung, diskutieren aber auch methodologische Divergenzen. Dabei wird evident, dass sich die Psychoanalyse innerhalb eines weltweit umspannenden Netzwerks in einem fruchtbaren Dialog mit den Nachbarwissenschaften befindet. Insofern wird, wie bei der Darstellung der Effektivität der psychoanalytischen Behandlungen, auch mit jenem Vorurteil aufgeräumt, die Psychoanalyse habe sich in einer Art elitären Selbstgenügsamkeit in den Elfenbeinturm zurückgezogen. Ausführlich werden abschließend die unterschiedlichen Behandlungsverfahren diskutiert.
Die Monografie ist gut verständlich geschrieben, mit vielen klinischen Vignetten angereichert. Mannigfache Querverweise und vor allem die konzisen, zuweilen etwas dicht geratenen, thematisch aber kohärent in sich geschlossenen Kapitel ermöglichen auch einen Seiteneinstieg und machen das Buch als Lehrtext und Nachschlagewerk für den Anfänger wie auch für den Spezialisten interessant. Aglaja Stirn

Peter Kutter, Thomas Müller: Psychoanalyse.
Eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse. Klett-Cotta, Stuttgart, 2008, 410 Seiten, gebunden, 34 Euro
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