ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Interview mit Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Unser Know-how hat kein Klinikkonzern auf dieser Welt“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Unser Know-how hat kein Klinikkonzern auf dieser Welt“

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1584

Rieser, Sabine

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
Manche niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte betrachten argwöhnisch die Kooperationen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit privaten Klinikkonzernen.Vorstandschef Dr. med. Andreas Köhler verteidigt diesen Weg: „Besser mit den Großen als gegen sie.“

Wenn es um die systematische Kooperation von niedergelassenen und Krankenhausärzten geht, ist schnell eine Wunschliste geschrieben: abgestimmte Arzneimittelverordnungen, identische Qualitätsziele, verzahnte Behandlungsangebote, gemeinsamer Zugriff auf Daten. Auch eine gut koordinierte Weiterbildung für künftige Hausärzte sowie gemeinsame Fortbildungen für Krankenhausärzte und Niedergelassene wären sinnvoll.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) setzt seit der ersten Kooperation mit den Sana-Kliniken Ende 2005 auf solche Projekte (siehe Kasten). Doch Kooperationen sind kein Selbstgänger. „Wir haben am Anfang unterschätzt, wie viel Zeit es braucht, bis sich erste Ergebnisse zeigen“, sagt Dorothy Mehnert, KBV-Referentin für diesen Bereich. Denn die Grenzen zwischen Praxen und Kliniken haben sich in langen Jahren verfestigt. Eine Zusammenarbeit lässt sich nicht mal eben diktieren.

Kooperationen seien aber wichtig, betont Mehnert: „Wir brauchen das Krankenhaus für die ambulante Versorgung, auch weil von dort die weitergebildeten Ärzte kommen.“

Zur Position der KBV, zur Kritik daran und zu den Vorteilen von Kooperationen für Ärzte und Psychologen äußert sich im Interview der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler.

Herr Dr. Köhler, vor Kurzem hat die KV Bayerns Ihre Kooperation mit der Rhön- Klinikum AG kritisiert. Im Süden sorgt man sich, dass Klinikketten tief in die ambulante Versorgung vordringen. Können Sie das nachvollziehen?

Köhler: In diesem Fall mag es mit dem Partner zusammenhängen. Ich betone aber: Wir suchen nicht nur Kooperationen mit privaten Klinikträgern, sondern in gleicher Weise mit kirchlichen und kommunalen. Nur sind im Moment vor allem die privaten Träger interessiert. Man kann natürlich darüber reden, ob es richtig ist zu kooperieren oder ob man besser in einer Blockadehaltung verharrt. Ich glaube aber, dass es sowohl für die niedergelassenen Ärzte als auch für die Patienten besser ist, wenn wir die Versorgung in Kooperation mit Kliniken gestalten.

Aber viele Ärzte befürchten, dass sie über den Tisch gezogen werden. Sie meinen, mit ihren Einzelpraxen gegen kapitalstarke private Kliniken keine Chance zu haben, wenn es um neue Formen der Versorgung geht – auch wenn die KV sie angestoßen hat.

Köhler: Es ist doch allemal besser, wenn die KV kooperiert, als wenn der einzelne Arzt es tut. Glauben Sie im Ernst, kleine Arztgruppen haben eine Chance gegen einen hocheffizienten Konzern?

Sie argumentieren sehr rational und heben strategische Gesichtspunkte hervor. An der Basis geht es aber oft sehr emotional zu. Wie wollen Sie da Ihre guten Absichten vermitteln?

Köhler: Ich kann nur hoffen, dass der einzelne Arzt erkennt, dass wir versuchen, ihn zu schützen, und ihn nicht Konzernen zum Fraß vorwerfen wollen. Das würden wir, wenn wir passiv blieben. Die KBV will Strukturen schaffen, in denen niedergelassene Ärzte mit Kliniken auf Augenhöhe arbeiten. Dafür agiere ich lieber mit den Großen als gegen sie.

Womit kann denn eine KV bei Kooperationen mit Klinikkonzernen punkten?
Köhler: Wir wissen, wie ambulante Versorgung funktioniert! Eine KV kennt sich aus mit Versorgungsstrukturen, Qualitätssicherung, Abrechnung. Das ist unsere Stärke. Das Know-how, das die KVen über die ambulante Versorgung besitzen, hat kein Klinikkonzern auf dieser Welt. Und im Übrigen auch kein Fremdkapitalgeber. Das müssen wir doch für eine klassische Win-win-Situation nutzen können. Sonst schafft sich ein Konzern vielleicht doch noch eigenes Know-how an ohne uns.

Das heißt aber auch: Sie müssen schnell sein. Doch das ist schwer, weil Ihrer Basis noch die Überzeugung fehlt.

Köhler: Das Problem sehe ich. Wenn ich mir beispielsweise die Zulassungsanträge für Medinische Versorgungszentren ansehe, weiß ich, dass wir schnell handeln müssen. Wir versuchen es über Kooperationen, wir versuchen es auch über unsere Stiftung Aeskulap außerhalb der KVen. Insgesamt glaube ich: Je spezialisierter Ärzte sind und je krankenhausnäher sie arbeiten, desto mehr sind sie davon überzeugt, dass ein kollektiver Vertragspartner wie die KV sie schützen kann. Je weiter weg vom Krankenhaus ein Arzt arbeitet, umso weniger Verständnis hat er für Kooperationen.

Die KBV ist darauf angewiesen, dass die KVen ihre Strategie mittragen und dass engagierte Ärzte und Psychologen sie vor Ort umsetzen. Wie soll das gehen?

Köhler: Entscheidend ist die Bereitschaft zum Dialog zwischen Krankenhausärzten und niedergelassenen Kollegen. Die müssen sich an einen Tisch setzen und über Behandlungsfragen oder IT-Management reden. Die KV kann so etwas nur anstoßen und begleiten. Wir hoffen aber, dass immer mehr Insellösungen entstehen, die andere übernehmen. Beispiele für gemeinsame EDV-Plattformen oder ein gemeinsames Arzneimittelmanagement gibt es ja. Wir backen kleine Brötchen, okay. Aber wenigstens backen wir welche.

Noch einmal zurück zur jüngsten Kooperation mit dem Rhön-Klinikum. Rhön will die Vollversorgung von Patienten forcieren, flächendeckend Medizinische Versorgungszentren mit bis zu 50 Ärzten aufziehen, ordentlich Geld verdienen. Wo sehen Sie da Einflussmöglichkeiten und Chancen für Niedergelassene?

Köhler: Wir möchten beispielsweise mitbestimmen, wo solche MVZ aufgebaut werden. Die niedergelassenen Ärzte vor Ort sollten gemeinsam mit der KV beraten, welche Fachgruppen dort hineingehen könnten und wie man die Kooperation konkret gestalten sollte. Wir wollen, dass solche Prozesse mit den Ärzten gestaltet werden und nicht ohne sie.

Weshalb glauben Sie, dass Rhön sich darauf einlässt?

Wir haben ja lange verhandelt und können schon einen Sinneswandel erkennen. Früher wollte Rhön in MVZ nur mit angestellten Ärzten arbeiten. Aber man muss doch erkennen, dass hier eine Veränderung stattgefunden hat. Wenn der Rhön-Vorstandsvorsitzende, Wolfgang Pföhler, jetzt von einer Gewinnbeteiligung wirtschaftlich selbstständiger Ärzte im MVZ spricht, dann ist doch etwas in Bewegung geraten.
Die Fragen stellte Sabine Rieser.
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