ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Gesundheitsfonds: Pharmabranche warnt vor Unterversorgung

POLITIK

Gesundheitsfonds: Pharmabranche warnt vor Unterversorgung

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1589 / B-1370 / C-1338

Rabbata, Samir

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LNSLNS Die Arzneimittelhersteller befürchten, dass die Kassen nach Einführung des Gesundheitsfonds noch stärker auf die Sparbremse drücken.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hat davor gewarnt, dass es nach Einführung des Gesundheitsfonds 2009 zu Einschnitten in der Arzneimittelversorgung kommen könnte. „Zwar sind die Arzneimittelhersteller nur indirekt vom Fonds betroffen, denn in erster Linie bekommen die Krankenkassen die Folgen des neuen Finanzierungsinstruments zu spüren. Dennoch muss die Industrie mit weiteren Eingriffen des Gesetzgebers in den Arzneimittelmarkt rechnen.“ Dies sagte Dr. Katja Gehrke, Geschäftsfeldleiterin Gesundheitspolitik beim BPI, auf einer Euroforum-Konferenz zum Gesundheitsfonds in Berlin.

Grund für die Befürchtungen der Hersteller ist der geplante bundesweit einheitliche Beitragssatz der Krankenkassen. Kommen die Kassen mit ihren Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht aus, müssen sie von ihren Versicherten eine Zusatzprämie verlangen. Nach Meinung Gehrkes werden die Kassen aus Wettbewerbsgründen alles tun, um eine solche Zusatzbelastung zu vermeiden. In der Folge werde kräftig an der Sparschraube gedreht.

Kassen in der Zwickmühle
„Es wird zu einem sehr rigiden Versorgungsmanagement der Kassen kommen“, prognostizierte auch Dr. Ralf Zeiner vom Beratungsunternehmen IMS-Health. Selbst bei einem Einheitsbeitragssatz von mehr als 15 Prozent sei das System unterfinanziert. Die Folgen seien Leistungskürzungen, glaubt Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten. Dabei äußerte er Verständnis für die Kostenträger: „Die Kassen wissen doch gar nicht, mit welchen Einnahmen sie rechnen können – und da soll der Patient die optimale Versorgung bekommen?“ Nach Darstellung von Prof. Dr. Herbert Rebscher, Chef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse, stecken die Kassen in einer Zwickmühle: „Einen Zusatzbeitrag zu erheben, heißt, sich vom Markt zu schießen, ihn nicht zu erheben, heißt, sich zu verschulden.“

Verstärkte Nachfrage nach Rabattverträgen
Spürbar könnte dies insbesondere für Patienten und Ärzte in den sogenannten Geberländern wie Bayern oder Baden-Württemberg werden. Das sind die Bundesländer, aus denen nach Einführung des Fonds aller Voraussicht nach Mittel aus der Gesundheitsversorgung zugunsten ärmerer Länder abfließen werden. Den Kassen dort steht damit künftig weniger Geld zur Verfügung. Nach Meinung von BPI-Expertin Gehrke könnte sich der Kostendruck auf die regionalen Arzneimittelzielvereinbarungen zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen auswirken.

Zu erwarten sei zudem ein verstärktes Interesse der Kassen an Selektivverträgen wie beispielsweise Generikarabattverträgen. Auch der Gesetzgeber sei künftig noch stärker auf Einsparungen bedacht, weil er eine Erhöhung des Einheitsbeitragssatzes vermeiden wolle. Weitere Spargesetze für den ohnehin schon stark reglementierten Arzneimittelmarkt seien denkbar. Medizinisch sinnvolle Innovationen könnten so ausgebremst werden.
Samir Rabbata
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