ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Medizintechnik: Schwierige Finanzierung von Innovationen

POLITIK

Medizintechnik: Schwierige Finanzierung von Innovationen

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1592 / B-1373 / C-1341

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: BVMed/Otto Bock Healthcare
Foto: BVMed/Otto Bock Healthcare
Die Medizintechnik bleibt eine Branche auf Wachstumskurs. Dennoch klagen Branchenvertreter über zunehmende Finanzierungsprobleme.

Die Medizintechnik-Branche ist besorgt, und das, obwohl es ihr so gut geht wie lange nicht: Bei einem Gesamtumsatz von 17,3 Milliarden Euro im Jahr 2007 verzeichnete sie nicht nur ein starkes Wachstum im Ausland (6,7 Prozent Umsatzzuwachs), sondern nach schwierigen Jahren auch wieder im Inland (+7,3 Prozent). Die Zahl der Beschäftigten stieg um mehr als fünf Prozent auf rund 94 700. Dieser positive Trend scheint sich 2008 fortzusetzen: „In diesem Jahr wird die deutsche Medizintechnikindustrie ihre Umsätze um sechs Prozent steigern können“, sagte Sven Behrens, Geschäftsführer des Branchenverbands Spectaris, bei der „Wirtschaftswoche“-Tagung Anfang Juli in Berlin. Hinzu kommt: Die Branche ist hochinnovativ. „Die Medizintechnik führt die Top Ten der Innovationstreiber an“, betonte Prof. Dr. Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik, München. Mehr als 15 700 Patente meldete die Branche 2006 an – mehr als die Informationstechnik oder die Automobilindustrie. Durchschnittlich circa neun Prozent ihres Umsatzes investierten die Unternehmen zudem in Forschung und Entwicklung, und rund ein Drittel der Produkte ist nicht älter als drei Jahre.

Kostentreiber oder Wachstumsmotor
Dennoch werde die Medizintechnik häufig nur als Kostentreiber wahrgenommen, kritisierte Behrens. „Die Politik muss die Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik stärker als Innovations-, Wachstums- und Beschäftigungsmotor wahrnehmen“, forderte er. Neue Produkte könnten den Gesundheitshaushalt auch entlasten. So verwies Behrens auf die Ergebnisse zweier Medizintechnik-Studien, an denen unter anderem sein Verband 2006 und 2007 beteiligt war. Darin wurde anhand von jeweils zehn Beispielen ein Einsparpotenzial von insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro beim Einsatz innovativer Medizintechnik errechnet.

Ähnlich argumentierte Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed). Er hob vor allem den volkswirtschaftlichen Nutzen medizintechnischer Innovationen hervor: „Medizintechnologien können die Versorgungsqualität verbessern und die Fallkosten verringern. Denn ihre Einführung führt meist zu einer Reduzierung von Fehltagen, verkürzt die Genesungszeiten der Patienten und ermöglicht es ihnen, schneller wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.“ In einer Studie hat der BVMed den Nutzen ausgewählter Innovationen (drug eluting stents, kardiale Resynchronisationstherapie, Wundversorgung, Adipositas-Chirurgie und Endoprothetik) untersucht. Danach steigen beispielsweise durch innovative Wundversorgung die Heilungsraten der Patienten mit offenen Wunden um 130 Prozent. Weil aufgrund der neuen Materialien weniger Verbandswechsel nötig sind, sinken gleichzeitig die Therapiekosten um 25 Prozent. Beispiel Arthrose: Bei rund 70 Prozent der Patienten lassen sich laut Studie die Schmerzen durch moderne Gelenkersatzprodukte vollständig beheben. Die Haltbarkeit der künstlichen Gelenke hat sich erhöht, und Mehrkosten lassen sich durch deutlich weniger Folgekosten wieder einspielen.

Dennoch dauert es in der Regel mehrere Jahre, bis sich eine medizinische Innovation im ambulanten Bereich durchsetzt und von den Kassen erstattet wird. Kostendruck und mangelnde Planungssicherheit im Gesundheitsmarkt beanstandeten daher die meisten der Industrievertreter. „Die Finanzierung von Innovationen in der Medizintechnik wird immer schwieriger“, meinte Schmitt.

Generell sieht der BVMed Verbesserungsbedarf bei der Einführung neuer Produkte und Verfahren in die Erstattungssysteme und setzt sich daher im laufenden Gesetzgebungsverfahren zur künftigen Krankenhausfinanzierung für eine Verbesserung der Innovationsklausel des DRG(Diagnosis Related Groups)-Systems, der sogenannten NUB-Anträge (NUB = neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden), ein. „Um einen flexibleren und schnelleren Zugang zu medizinischem Fortschritt zu ermöglichen, schlägt der BVMed eine Vereinfachung und Entbürokratisierung bei der Vergütung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden nach dem Krankenhausentgeltgesetz vor“, so Schmitt.

Der ab 2009 geltende Gesundheitsfonds werde die Investitionsfreude der Kassen vernichten, meinte Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). „Haben wir erst den Einheitsbeitragssatz, werden Sie keine Krankenkasse mehr erleben, die bereit ist zu investieren.“ Derzeit habe die DAK in 380 Einzelverträgen Innovationsförderungen für Produkte aus Bereichen wie Wundversorgung oder Kardiologie vereinbart. Solche selektivvertraglichen Regelungen würden weiter zunehmen. Sie seien aber als Suchprozess nach der Wirksamkeit eines Produkts zu sehen und keine verlässliche Finanzierungsquelle, so Rebscher. „Sobald sich zeigt, dass ein Produkt einen hohen therapeutischen Nutzen hat, wird es ohnehin in den Versorgungskatalog aufgenommen.“

Nachweis des Nutzens
Wahltarife sind dagegen seiner Meinung nach keine sinnvollen Finanzierungsinstrumente für innovative Medizintechnik. „Wir kämpfen um die wechselwilligen 20- bis 40-Jährigen. Aber denen brauchen wir mit einer mittelfristigen Innovationsargumentation gar nicht erst zu kommen.“ Die „Fondslogik“ zerstöre das zarte Pflänzchen der mittelfristigen Versorgungsorientierung der Kassen zugunsten eines extrem kurzfristigen Prämiendumpings. Medizintechnische Produkte müssten „nach dem Nachweis ihres therapeutischen Nutzens eingepreist“ werden, erklärte Rebscher. Er sieht in Verträgen zur integrierten Versorgung einen rechtlichen, vertraglichen und organisatorischen Rahmen für die Erprobung und Evaluation von Innovationen.

Innovationen müssen jedoch nicht immer einen Fortschritt für den Patienten bedeuten. Darauf machte Dr. Hans-Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen, aufmerksam: „Viele Innovationen im stationären Sektor haben die Medizin verbessert – keine Frage, aber es gibt auch zahlreiche Beispiele für Fehlentwicklungen.“ Als Beispiele hierfür nannte er unter anderem das robotergestützte Einsetzen von Endoprothesen, die Lobektomie zur Therapie der Epilepsie oder die transmyokardiale Laserrevaskularisation. Deshalb müssten die Krankenkassen künftig mehr denn je darauf achten, dass Innovationen einen wirklichen Zusatznutzen für die Versicherten hätten, so Ahrens. Er räumte ein, dass es oftmals lange dauere, bis der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) eine positive Beurteilung abgebe. „Wenn es jemandem möglich wäre, diesen Prozess zu beschleunigen, wäre ich auf seiner Seite“, so Ahrens. Doch dürfe die Qualität nicht leiden. Er verwies auf das Innovationsmanagement der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV), das die GKV-Spitzenverbände gemeinsam mit dem Medizinischen Dienst anbieten. Dieser Service wendet sich an Ärzte, Entwickler und Hersteller sowie an wissenschaftliche Fachgesellschaften und ärztliche Berufsverbände mit dem Ziel, vielversprechende Innovationen frühzeitig zu identifizieren und ihre Aufnahme in den Beratungsprozess des G-BA zu beschleunigen sowie schädliche Verfahren möglichst zu verhindern.

Sämtliche mit Produktivitätsfortschritten verbundene Innovationen würden ihren Weg ins Krankenhaus finden – trotz Investitions- und Innovationsstau, betonte Dr. med. Bernd Wegener, Vorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie. Dennoch müssten viele Hersteller künftig nicht nur den gesundheitsökonomischen Nutzen ihrer Produkte belegen, sondern auch durch das Angebot spezieller Beratungsleistungen neue Wege der Finanzierung und Optimierung von Leistungsprozessen aufzeigen. Zunehmend interessanter für die Anbieter werden dabei nach Meinung Wegeners die mehr als 1 000 Medizinischen Versorgungszentren, denn interdisziplinäre Strukturen seien Anreize zu höheren Investitionsvolumina (etwa beim Absatz von Großgeräten).
Heike E. Krüger-Brand


Medizintechnik-Studien
Im Internet abrufbare Studien (Auswahl)
- Das Einsparpotenzial innovativer Medizintechnik im Gesundheitswesen (2007): www.zvei.org/index.php?id=557
- Das Einsparpotenzial innovativer Medizintechnik im Gesundheitswesen (2006): www.spectaris.de/downloads/presse/medica_2006/Medica06_StudieMedTech_091106.pdf
- Nutzen durch Innovation: www.cepton.de/studien/nutzen-durch-innovation/nutzen-durch-innovation.pdf
- Zukunftsbranche Medizintechnik – auch im Norden ein Wachstumsmotor: www.hwwi.org/fileadmin/hwwi/Publikationen/Partnerpublikationen/HSH/Medizintechnik-Studie.pdf
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema