ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Arbeitsmedizin: Nachwuchsmangel zu befürchten

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Arbeitsmedizin: Nachwuchsmangel zu befürchten

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1600 / B-1380 / C-1348

Schoeller, Annegret E.

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LNSLNS Ein Blick auf die Altersverteilung zeigt, dass für die betriebsärztliche Versorgung kein ausreichender Nachwuchs mehr zur Verfügung steht.

Derzeit sind in Deutschland mehr als 30 Millionen Vollbeschäftigte in mehr als drei Millionen Betrieben gesetzlich unfallversichert. Nach dem Arbeitssicherheitsgesetz hat der Unternehmer die Aufgabe, Gefahren durch die berufliche Tätigkeit von Beschäftigten abzuwenden. Für diese Aufgabe kann er Experten, wie Betriebsärzte für gesundheitliche Belange oder – bei technischen Fragen – Fachkräfte für Arbeitssicherheit, bestellen.

Freie Stellen können nicht mehr besetzt werden
Aktuell versorgen 12 266 Ärztinnen und Ärzte mit arbeitsmedizinischer Fachkunde die Beschäftigten in den Betrieben. Gegenüber dem Vorjahr ist deren Anzahl mit einer Verringerung von 0,1 Prozent in etwa konstant geblieben (Stand: 31. Dezember 2007). Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte mit der Facharztqualifikation „Arbeitsmedizin“ hat sich dafür um 1,7 Prozent erhöht. Erwartungsgemäß hat sich der Anteil der Betriebsärzte mit der arbeitsmedizinischen Fachkunde nach § 6 Abs. 2 Unfallverhütungsvorschrift (UVV) „Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit“ um 26 Prozent verringert, da die „Learning-by-Doing“-Weiterbildung aus Qualitätssicherungsgründen von allen Lan­des­ärz­te­kam­mern abgeschafft wurde. Diejenigen, die noch aufgeführt sind, begannen ihre Weiterbildung nach der vorherigen (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung von 1992 (Grafik 1).

Seit einiger Zeit muss immer häufiger festgestellt werden, dass freie Betriebsarztstellen nicht mehr besetzt werden können. Deshalb wurde die Statistik „Arbeitsmedizinische Fachkunde“ der Bundes­ärzte­kammer um eine weitere Analyse nach Altersgruppen erweitert (Grafik 2). Diese Analyse nach Altersgruppen führt zu einer besorgniserregenden Bilanz. 4 110 Ärztinnen und Ärzte sind bereits 65 Jahre alt und älter. Weitere 1 729 sind 60 bis 64 Jahre alt. Dies bedeutet, dass 47,2 Prozent aller Betriebsärztinnen und Betriebsärzte 60 Jahre oder älter sind. Von diesen sind sehr viele zwar noch betriebsärztlich tätig, jedoch ist abzusehen, dass sie demnächst dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen werden.

Das Fach Arbeitsmedizin scheint wenig attraktiv für den ärztlichen Nachwuchs zu sein. Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die in einem Alter unter 35 Jahren mit arbeitsmedizinischer Fachkunde betriebsärztlich tätig sind, hat sich gegenüber dem Vorjahr um 34,3 Prozent verringert – es waren bundesweit nur 44. Die Zahl der 35- bis 39-Jährigen beträgt nur 410 mit einer Verringerung gegenüber dem Vorjahr um 19,1 Prozent, die der 40- bis 44-Jährigen 1 109 (genaue Aufschlüsselungen im Internet unter www.bundesärztekammer.de).

Wenig Geld und wenig Anerkennung
Die Zahlen zeigen, dass in den nächsten Jahren deutlich mehr Betriebsärztinnen und Betriebsärzte aus der betriebsärztlichen Tätigkeit ausscheiden als nachwachsen werden. Befragt man betriebsärztlich tätige Ärztinnen und Ärzte zu den Arbeitsbedingungen, werden die geringe Entlohnung und die damit einhergehende geringe Anerkennung ihrer Tätigkeit, insbesondere in überbetrieblichen Diensten, kritisiert. Auch werden die Weiterbildungsbedingungen in überbetrieblichen Diensten sowie erschwerte Möglichkeiten der Fortbildung beklagt.

Es müssen daher intensive Anstrengungen unternommen werden, um dem betriebsärztlichen Nachwuchs faire und interessante Weiterbildungs- und Tätigkeitsmöglichkeiten anzubieten. Nur so kann auch in Zukunft die betriebsärztliche Versorgung der Beschäftigten in den Betrieben sichergestellt werden.
Dr. med. Annegret E. Schoeller
Bundes­ärzte­kammer
E-Mail: annegret.schoeller@baek.de
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