ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Europäische Union: Direktwerbeverbot wird gelockert
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. . . Wie aus der Zusammenfassung der Ergebnisse des öffentlichen Konsultationsprozesses ersichtlich ist, stießen die Gesetzespläne der EU-Kommission europaweit bei Ärzteverbänden und Organisationen anderer Gesundheitsberufe, Verbraucher- und Patientenorganisationen, Regierungen und Regulierungsbehörden, Organisationen der Forschung und Sozialversicherungsverbänden ganz überwiegend und eindeutig auf Ablehnung . . . Die Überlegungen der zuständigen „EU-Kommission, Direktorat Unternehmen und Industrie“ laufen im Kern darauf hinaus, den Arzneimittelherstellern weitgehende Befugnisse zur bislang verbotenen Information über rezeptpflichtige Arzneimittel am Patienten einzuräumen. Damit wird de facto unter dem Deckmantel der Patienteninformation das Direktwerbeverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel (DTCA) gelockert, an dem formal jedoch festgehalten werden soll . . . Gesundheitsinformationen sind Vertrauensgüter! Die Arzneimittelhersteller können aufgrund ihrer spezifischen Interessenlage nicht neutrale Patienteninformationen liefern, da sie ihre Produkte verkaufen wollen. Eine verlässliche Unterscheidung von Werbung und Information, wie von der Kommission vorgeschlagen, ist daher kaum durchführbar . . . Schon jetzt werden Ergebnisse pharmaindustriefinanzierter wissenschaftlicher Medikamentenstudien selbst gegenüber Regulierungsbehörden und bei der „Information“ von Ärzten auf vielfältige Weise manipuliert, unterdrückt bzw. einseitig interpretiert, wie zahlreiche, auch aktuelle, Beispiele (z. B. Antidepressiva) belegen. Der enorme Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf Medizin, Konsumenten und Patientenorganisationen stößt vor allem in den angelsächsischen Ländern inzwischen auf wachsende Kritik in der seriösen (Fach)Presse und den medical schools gerade der US-Eliteuniversitäten. Auch das britische Parlament hat dazu im Jahre 2005 einen kritischen Bericht vorgelegt. In den USA, in denen Direktwerbung als einzigem Land neben Neuseeland erlaubt ist, zahlen Pharmahersteller Milliarden US-Dollar an Strafen für Falschinformation und weitere Milliarden an Entschädigungen für die Folgen verschwiegener Nebenwirkungen. Die Folgen industriegesteuerter „Information“ und eines aggressiven Marketings gerade hochpreisiger, noch patentgeschützter Medikamente werden eine Explosion der Medikamentenausgaben ohne Nachweis eines zusätzlichen Nutzens, die Erfindung von Krankheiten (disease mongering) sowie ein kontraproduktiver Druck auf das Arzt/ Patientenverhältnis („ask your doctor“) sein. Wer hier auf die Selbstverpflichtung bzw. Selbstregulierung der Industrie setzt – trotz aller gegenläufigen Erfahrungen –, glaubt noch an den Weihnachtsmann oder will Sand in die Augen streuen. Verheugen betreibt knallharte Industriepolitik, das ist sein Job. Mit besserer Patienteninformation bzw. einer Informationsstrategie, so der ursprüngliche Auftrag von Rat und Parlament an die Kommission, hat das wenig zu tun.
Dr. med. Dieter Lehmkuhl
Univ.-Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen
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