ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Autobiografie: Selten authentischer Einblick

KULTUR

Autobiografie: Selten authentischer Einblick

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1618 / B-1396 / C-1364

Fischer, Christoph

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Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg. Rowohlt, Reinbek, 2008, 348 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
Frido Mann: Achterbahn. Ein Lebensweg. Rowohlt, Reinbek, 2008, 348 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
Der Vater ein international bekannter Musiker (Bratschist), die Mutter aus bestem Schweizer Fabrikantenhaus und der Großvater (väterlicherseits) deutscher Nobelpreisträger für Literatur – es kann einem Schlechteres in die Wiege gelegt werden. Könnte man meinen. Denn was Frido Mann (68), Lieblingsenkel von Thomas Mann und erstes Kind von dessen Sohn Michael, in seiner soeben erschienenen, spannend zu lesenden Autobiografie schildert, ist ein selten authentischer Einblick in die hochkomplexen und mitunter alles andere als nur paradiesischen Zustände in Deutschlands wohl berühmtester Künstlerfamilie.

1940 als Emigrantenkind in Kalifornien geboren, erfährt er als von den wenig feinfühligen, ja teilweise gefühlskalten Eltern herumgestoßener Dauergast nur in der Villa der Großeltern Thomas und Katia Mann (Pacific Palisades, Kalifornien, und später Kilchberg im Schweizer Kanton Zürich) so etwas wie menschliche Wärme. Gleichwohl wird dieses Idyll dadurch überschattet, dass der Dichter Thomas Mann seinen Lieblingsenkel Frido als dessen fiktionales Alter Ego („Echo“) im Roman „Dr. Faustus“ elendiglich sterben lässt. „Frido fühlte sich literarisch ermordet“, hat ein Rezensent treffend bemerkt. Ein Trauma, dass Frido Mann erst in seinen reifen Jahren vollends überwinden wird.

Überwindung des durch den berühmten Großvater und die wohl nicht weniger begabten Onkel und Tanten als beengend empfundenen Erwartungsdrucks – das scheint ohnehin das Leitmotiv des rastlosen Lebens von Frido Mann zu sein. Ein Lebenslauf, der mit zunächst tschechischem, dann US-amerikanischem und schließlich Schweizer Pass (Emigrantenschicksal) vom ausgebildeten Musiker mit Dirigentendiplom über den – zum katholischen Glauben konvertierten und pikanterweise über Martin Luther promovierten – Theologen bis hin zum habilitierten Psychologen führt. Er hatte es sogar zum vorklinischen Medizinstudenten mit bestandenem Präparierkurs an der Leiche gebracht. Die Autobiografie trägt daher treffend den Titel „Achterbahn“. Der Leser erlebt hautnah und dramaturgisch geschickt durch den im Präsens geschriebenen Text geführt den intellektuellen und persönlichen Werdegang (einschließlich Scheidung und Wiederverheiratung mit derselben Ehefrau) eines bemerkenswerten und bisher leider viel zu wenig zur Kenntnis genommenen Sprosses der Familie Mann. Christoph Fischer
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