ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Irak: Widerstandskämpfer sind keine Terroristen

KULTUR

Irak: Widerstandskämpfer sind keine Terroristen

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1618 / B-1396 / C-1364

Jachertz, Norbert

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Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid? Bertelsmann Verlag, München, 2008, 336 Seiten, gebunden, 19,95 Euro
Jürgen Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid? Bertelsmann Verlag, München, 2008, 336 Seiten, gebunden, 19,95 Euro
Die Titelfrage ist schnell beantwortet. Zaid schloss sich den irakischen Widerstandskämpfern an, nachdem seine beiden jüngeren Brüder von den Besatzern auf offener Straße erschossen worden waren, der eine durch Kopfschuss aus dem Hinterhalt, der andere durchsiebt von einer Maschinengewehrgarbe.

Todenhöfer erzählt von Zivilisten, jugendlichen wie älteren, die unter der Besatzung leiden. Ein Großteil sieht keinen anderen Ausweg, als partisanenartig US-Amerikaner, deren Söldner oder auch die (für sie unglaubwürdige) Regierung zu bekämpfen. Es scheinen sehr viele zu sein, die da mitmachen. Angeblich führt der irakische Widerstand pro Woche mehr als Tausend militärische Aktionen durch. Diese Widerständler sehen sich nicht als Terroristen. Der feine Unterschied: Terroristen nähmen, so die Argumentation, rücksichtslos auch zivile Opfer in Kauf, Widerständler nicht. Al-Qaida lehnen Todenhöfers Gewährsleute strikt ab. Die Terrororganisation sei von außen gesteuert, sobald die US-Amerikaner abgezogen seien, würde sie verschwinden.

Todenhöfer – Manager bei Burda, zuvor ein bekannter Entwicklungspolitiker der CDU – hielt sich fünf Tage unter dem Vorwand, Arzt zu sein, in Ramadi auf. Glücklicherweise wurde seine ärztliche Kunst, er ist Jurist, nicht herausgefordert. Er reiste auf eigene Faust, nicht als eingebetteter Journalist, und beschreibt vertrauensvoll die Lage aus Sicht der Basis. Die kommt selten zu Wort, stärker – und wirksam bis in unsere Medien hinein – ist die offizielle Propaganda. Der Autor leistet somit einen kleinen Beitrag, den irakischen Krieg zutreffender zu bewerten.

Neben der Reportage aus Ramadi enthält das Buch zwei weitere Teile: zehn Thesen zur Überwindung des Terrorismus und ausgewählte Zitate aus Bibel und Koran. Die heiligen Bücher, in denen mancherlei über Gewalt und Liebe zu finden ist, stehen sich in nichts nach, im Positiven wie im Negativen.

Todenhöfers Thesen kreisen um den Hochmut des Westens gegenüber der islamischen Welt und deren Bedürfnis nach Anerkennung und nach Gerechtigkeit. „Die Hauptursache des Terrorismus“, erklärt der Autor, „ist nicht Not oder Armut, sondern die totale Aussichtslosigkeit, einen als zutiefst ungerecht empfundenen Zustand mit legalen Mitteln beseitigen zu können.“ Norbert Jachertz
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