ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Forschung in Zeiten des Web 2.0: Hintergründe, Ressourcen, Herausforderungen

TECHNIK

Forschung in Zeiten des Web 2.0: Hintergründe, Ressourcen, Herausforderungen

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1619 / B-1397 / C-1365

Hilbert, Sebastian

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Foto: vario images
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Softwarewerkzeuge erleichtern die Recherche, Verwaltung und Archivierung von Wissensinhalten aus dem Internet.

ClinicalTrials.gov“ hat aktuell mehr als 53 150 medizinische Studien aus 154 Ländern erfasst. Die etablierte Suchmaschine für medizinische Publikationen „Pubmed“ findet rund 146 750 Artikel auf der Suche nach „myocardial infarction“, und der medizinische Newsticker „medscape.com“ bringt etwa alle zehn Minuten einen neuen Beitrag mit Studienergebnissen. Dieser Informationsflut Herr zu werden ist nur schwer möglich. In Zeiten, in denen evidenzbasierte Medizin einen hohen Stellenwert einnimmt, ist ein Überblick über die aktuelle Literatur unumgänglich. Therapiekonzepte ändern sich rasch nach dem Erscheinen neuer Daten, Leitlinien sind oft nicht schnell genug angepasst.

Die Informationsflut trifft den informationssuchenden Arzt ebenso wie den informationsschaffenden Wissenschaftler. Beide müssen die Information sichten und die Essenz für die eigene Tätigkeit herausfiltern. Das Internet ist zum Werkzeug geworden: Es bietet dem Wissenschaftler die Möglichkeit, Informationen schnell und kostengünstig bereitzustellen, und dem klinisch tätigen Arzt als auch den Patienten die Chance, Informationen abzurufen. Die Wissensquelle Internet ist neben den klassischen Lehrbüchern inzwischen in vielen Arztpraxen ins Sprechzimmer und darüber hinaus in einigen Kliniken bis in die Kitteltasche vorgedrungen.

Moderne Techniken des Web 2.0 ermöglichen mittlerweile auch eine Strukturierung der Datenflut. Die Zeiten statischer Internetauftritte mit schleppender Aktualisierung sind Geschichte. Die Anbieter setzen auf Content-Management-Systeme und stellen Audio- und Video-Podcasts sowie RSS-Feeds zur Verfügung. Podcasts haben mit bekannten Tonträgern wie Audio-CDs kaum mehr etwas gemeinsam. Podcasts und sogenannte Live-Sendungen erreichen uns nicht mehr nur klassisch über den PC, sondern auch auf speziellen Endgeräten wie multimediafähigen Mobiltelefonen, PDAs und Tablet-PCs für die Kitteltasche. Besonders praktisch ist die Möglichkeit, die Inhalte auf dem Endgerät zwischenzuspeichern und auf dem Weg zur Arbeit anzusehen beziehungsweise anzuhören.

Fast jeder PC und viele Mobilgeräte können mit Software ausgestattet werden, die automatisiert Neuigkeiten aus dem Internet in Form von Schlagzeilen herunterlädt. Zu jeder Schlagzeile wird eine kurze Zusammenfassung mitgeliefert. Bei Interesse wird dann der vollständige Beitrag nachgeladen. Die Aktualisierung erfolgt, wenn eine Verbindung ins Internet besteht. Das Angebot reicht von medizinischen Nachrichten (1) über allgemeine Nachrichten (2) bis hin zu Kochrezepten (3).

Nokia N810 Internettablett mit einem Podcast- Beispiel
Nokia N810 Internettablett mit einem Podcast- Beispiel
Intelligente Unterstützung bei Literaturrecherchen

Noch vor wenigen Jahren zählte die Printausgabe eines renommierten medizinischen Journals zur Grundausstattung eines Mediziners. Die Ausgaben wurden ausführlich studiert und lange aufbewahrt. Mit dem Vordringen des Internets hat fast jede medizinische Fachzeitschrift ihre Onlineversion erhalten. Brandaktuelle Inhalte erscheinen häufig zuerst online, bevor wichtige Beiträge auch gedruckt veröffentlicht werden. Zwar werden auch heute noch Artikel lieber gedruckt gelesen, doch die Ordner, in denen umfangreiche Literatursammlungen im Rahmen von Dissertationen oder Publikationen angelegt werden, gehören mehr und mehr der Vergangenheit an.

Willkommen im Web 2.0: Der freie Webbrowser Firefox (4, 5) bietet eine Reihe von Funktionen, die die Arbeit mit dem medizinischen Internet stark vereinfachen. Die integrierte Suche lässt sich so erweitern, dass die Datenbank von Pubmed (6) einfach durchsucht werden kann. Noch komfortabler geht das mit Biobar (7), einem Tool für Biologen und Mediziner, mit dem nicht nur Artikel, sondern auch Gene in Gendatenbanken recherchiert werden können. Ist die Seite oder der Artikel einmal gefunden, stellt sich die Frage nach der Verwaltung. Ein Ausdrucken und Abheften ist nur in den seltensten Fällen sinnvoll. Mit modernen Internetbrowsern lassen sich Lesezeichen anlegen und mittels hierarchischer Gliederung ordnen.

Die Nachteile liegen auf der Hand. Lesezeichen haben keine Kontextinformation, sind daher schlecht zu durchsuchen und für die Nutzung in eigenen Publikationen nicht konzipiert. Zu diesem Zweck wurde die freie Firefox-Erweiterung Zotero (8) entwickelt. Dabei handelt es sich um ein einfach zu verwendendes, aber mächtiges Forschungswerkzeug, das bei der Zusammenstellung, dem Organisieren und Analysieren von Quellen (Literaturstellen, vollständigen Artikeln, Webseiten, Bildern und anderen Objekten) hilft. Das Ergebnis dieser Zusammenstellung kann in vielfältiger Weise weiterverwendet werden. Zotero vereint die besten Funktionen bekannter Literaturverwaltungsprogramme (wie Endnote oder KBibTex) mit den besten Funktionen moderner Webanwendungen (wie iTunes oder del.icio.us). Vereint werden die Möglichkeiten, Autoren, Titel und Zusammenfassungen zu speichern und als formatiertes Literaturverzeichnis zu exportieren sowie diese Einträge zu durchsuchen und mit Schlagwörtern zu versehen.

Das Firefox-Tool ist so eng ins Internet integriert, dass das Programm „erkennt“, wenn ein Nutzer online ein Buch, einen Artikel oder eine andere Quelle liest, und die Literaturstellen einschließlich Autor, Titel, Journal usw. automatisch speichern kann. Da es sich um eine Browsererweiterung auf dem eigenen Computer handelt, kann die Software problemlos Informationen mit anderen Internet- und Computerprogrammen austauschen und so beispielsweise mit den Textverarbeitungsprogrammen MS-Word oder Open Office kommunizieren. Auch offline (zum Beispiel im Flugzeug oder in einem Archiv ohne Internetzugang) kann Zotero eingesetzt werden. Seine Stärke spielt das Programm bei der Erstellung von Artikeln für medizinische Fachzeitschriften aus. Sind die Literaturstellen einmal gesammelt, können diese im Textverarbeitungsprogramm problemlos zitiert werden. Das Literaturverzeichnis wird automatisiert erstellt, und der Zitierstil lässt sich vor dem Erstellen an die Vorgabe der Fachzeitschrift anpassen. Wird ein Artikel von einer Fachzeitschrift dann nicht publiziert und bei einer anderen Zeitschrift eingereicht, kann der Zitierstil durch wenige Handgriffe geändert werden.

Beispiel für einen RSS-Feed
Beispiel für einen RSS-Feed
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Für das Jahr 2008 ist eine Erweiterung dahingehend geplant, dass die Nutzer gemeinsam an Literatursammlungen arbeiten und Literaturstellen austauschen können. Zotero ist eine Produktion des Zentrums für Geschichte und Neue Medien der US-amerikanischen George-Mason-Universität. Unterstützt wird es durch das United States Institute of Museum and Library Services, die Andrew-W.-Mellon-Stiftung und die Alfred-P.-Sloan-Stiftung.

Als großes Problem klinischer Studien gilt die aufwendige und unvollständige Datenerfassung. Software für klinische Studien kann für einzelne Wissenschaftler oder auch Forscherteams in Entwicklungsländern sehr teuer bis unbezahlbar sein. Zwei häufig eingesetzte Pakete (10) sind Oracle Clinical (www.oracle.com/industries/life_sciences/oracle-clinical.html) and Phase Forward Clintrial (www.phaseforward.com/products/clinical/cdm/cis). Beide Systeme wurden für kommerzielle Datenbanksysteme entwickelt, die je nach Studiengröße Kosten in Höhe von mehreren Tausend US-Dollar verursachen können. Open Clinica ist eine freie, quelloffene (4) Softwareplattform zur elektronischen Datenerfassung in der klinischen Forschung. Die Software ist webbasiert und für ein breites Spektrum an Studien und Forschungsumgebungen geeignet. Ihre modulare Architektur, basierend auf erprobten Standards, ermöglicht ein hohes Maß an Interoperabilität und unterstützt eine Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftler. Ausgestattet mit umfangreichen Möglichkeiten der Datenauswertung, bietet sie eine ideale Voraussetzung für eine aussagekräftige Datenanalyse.

Auf dem Weg zum Web 3.0
Die derzeit verfügbaren Online- und Offlinetechnologien ermöglichen sowohl dem einzelnen Forscher als auch Forschergruppen multinationaler Konzerne eine effiziente Literaturrecherche, Studienplanung und -durchführung und nicht zuletzt Publikation der Ergebnisse. Der Weg in die Zukunft wird eine stärkere Kollaboration und Wissensverknüpfung sein.

Das Web 3.0 wird voraussichtlich neben einer Wissensneuschaffung inhaltlich stark auf die Verknüpfung und Aufarbeitung bekannter Inhalte setzen. Mittels Wiki-Technologien können so beispielsweise Einzelforschungsergebnisse zu Genanalysen durch Onlinekollaboration zu neuen Erkenntnissen verknüpft werden (13).
Sebastian Hilbert
2.
BBC
9.
Zelen M (2006): Biostatisticians, biostatistical science and the future. Stat Med 25: 3409–14. MEDLINE
10.
Raife R (2001): Clinical research software: an independent analysis of market share data. Appl Clin Trials, 10: 50–2.
1. medscape
2. BBC
3. www.dl-rezepte.de/feed
4. http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source
5. www.mozilla-europe.org/de/products/firefox
6. www.pubmed.org
7. http://biobar.mozdev.org
8. www.zotero.org
9. Zelen M (2006): Biostatisticians, biostatistical science and the future. Stat Med 25: 3409–14. MEDLINE
10. Raife R (2001): Clinical research software: an independent analysis of market share data. Appl Clin Trials, 10: 50–2.
11. www.openclinica.org
12. www.wikiprofessional.info (Zugriff am 22. 3. 2008)

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