ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Ärzteschach: Schach trotz Beinbruch

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Schach trotz Beinbruch

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): [152]

Pfleger, Helmut

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Von der Spielbesessenheit der Inder berichtet der arabische Historiker Al-Mas’udi um das Jahr 1000 in einer Reisebeschreibung. Danach wurde um Geld und mit großer Leidenschaft gespielt. Habe ein Spieler alles verloren, könne es vorkommen, dass er seine Glieder aufs Spiel setze. In diesem Fall werde in einem kleinen Gefäß eine Salbe gekocht, welche die Wunden heilen und das Blut stillen soll. „Wenn nun ein Mann in einer Wette einen Finger verliert, schneidet er ihn mit einem Dolch ab, taucht die Hand in die Salbe und brennt so die Wunde aus. Dann spielt er weiter.“

Nun, so war es bei Dr. med. Matthias Birke beim letzten Ärzteschachturnier gewiss nicht. In die Mentalität des Mittelalters, als man Schach vorwiegend um Geld und Liebe spielte, scheint er mir nicht zu passen. Unbesonnenheit überhaupt ist wohl seine Sache nicht. Und doch saß er mit geschientem, hochgelagertem Bein nur wenige Wochen nach einem schweren Unfall, bei dem ihm ein 20-jähriger entgegenkommender Raser ins Auto schleuderte, mit Trümmerfrakturen von Mittelfuß, Tibia und Fibula, aber auch Handgelenk, Sternum und Nasenbein, wieder am Schachbrett. Es hätte wahrlich (noch) schlimmer ausgehen können. Natürlich hatte er noch gewisse Beschwerden, aber die Lust, die Freude am aus Indien stammenden Schachspiel war stärker. Am Schluss war er trotz seiner Beeinträchtigung geteilter Sechster unter 145 Teilnehmern.

Allerdings machte es ein anderer „Behinderter“ noch besser. Bei einem Turnier in Tilburg (Niederlande) spielte der englische Großmeister Tony Miles wegen Rückenbeschwerden, angeblich auf ärztlichen Rat, das ganze Turnier bäuchlings auf einer erhöhten Liege und wurde so Sieger vor Koryphäen wie Kortschnoi, Hübner etc. Kortschnoi (der übrigens selbst einmal nach einem Skiunfall mit geschientem Bein einen Wettkampf spielte) schimpfte über diese „Extrawurst“, deren Berechtigung nicht alle einsahen; der georgisch-amerikanische Großmeister Dschindschidaschwili spielte deshalb gegen ihn sogar im Stehen, es sollte „Dschindschi“ nichts helfen.

Dr. med. Birke jedenfalls wünschten fast alle Kollegen nur das Beste, allerdings hätte der ohnehin nicht schachspezifische Glückwunsch „Hals- und Beinbruch“ etwas seltsam geklungen.

Dr. med. Tomas Kunz, der trotz seines Patzers hier noch im Vorderfeld landete, hatte mit 12. h3? zwar „natürlich“, aber doch vorschnell den Läufer g4 angegriffen, wonach Birke als Schwarzer schnell gewinnen konnte. Wie kam’s?

Lösung:
Nach dem Abtausch 1. . . . Lxf3 2. Lxf3 zeigte der Bauernvormarsch 2. . . . f4! dem Läufer e3 an, dass auf dem ganzen Schachbrett kein Plätzchen mehr für ihn ist und er deshalb verloren ginge, weshalb Weiß gleich aufgab.
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