ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2008Weiterbildung Allgemeinmedizin: Sind Hausärzte wirklich noch erwünscht?

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Weiterbildung Allgemeinmedizin: Sind Hausärzte wirklich noch erwünscht?

Dtsch Arztebl 2008; 105(30): A-1635 / B-1411 / C-1379

Haffner, Christian; Schmidt, Marcus

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Die angehende Hausärztin ist während der Weiterbildung gezwungen, mehrfach die Stelle zu wechseln – und zwar desto häufiger, je mehr Kompetenz sie erwerben will. Foto: Barbara Krobath
Die angehende Hausärztin ist während der Weiterbildung gezwungen, mehrfach die Stelle zu wechseln – und zwar desto häufiger, je mehr Kompetenz sie erwerben will. Foto: Barbara Krobath
Die neuen Weiter­bildungs­ordnungen der Ärztekammern enthalten so viele Tücken, dass kaum noch jemand Hausarzt werden will.

Bei uns angehenden Allgemeinmedizinern herrscht der Eindruck vor, dass die Weiter­bildungs­ordnungen Allgemeinmedizin von Theoretikern und etablierten Ärzten auf dem Reißbrett entworfen wurden, die die Praxis nicht ausreichend kennen oder berücksichtigen. Was ein künftiger Hausarzt wirklich können muss, spielt hierbei keine Rolle.

Da zum Beispiel die Rotationen nicht geregelt sind, befindet sich der Weiterzubildende großenteils auf Stellensuche und in der Probezeit. Die Bezahlung während der Praxiszeit von etwa zwei Jahren ist schlecht und liegt in vielen Bundesländern für den Alleinverdiener einer Familie mit Kind knapp unter der Hartz-IV-Grenze. Die Struktur der derzeitigen Weiter­bildungs­ordnung begünstigt den einfachsten Weg mit nur einem Stellenwechsel und führt langfristig zu beträchtlichem Kompetenzverlust.

Die in den Weiter­bildungs­ordnungen geforderten Untersuchungszahlen sind deutlich überhöht. So werden zum Beispiel für angehende Hausärzte 400 bis 500 Sonografien des Abdomens, 200 bis 300 Duplexsonografien der peripheren Gefäße und bis zu 150 Sonografien der Schilddrüse verlangt. Nicht Qualität mit gutem Unterricht und Anleitung zählt hier, sondern rein die formelle Anzahl der gemachten Untersuchungen. Diese werden dann oft in den Krankenhäusern von den Ärztinnen und Ärzten autodidaktisch mehr schlecht als recht erlernt, teilweise in der Freizeit oder im Urlaub. Gefälligkeitsunterschriften für die Ärztekammer aufgrund der unrealistisch hohen Zahlen sind die Regel und machen die Ärzte in der Weiterbildung gegenüber Ärztekammern und Chefärzten erpressbar.

Um diese Untersuchungen später abrechnen zu können, müssen für jede Ultraschall- und Duplexart Zusatzqualifikationen bei der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin erworben werden, weil die fehlenden Standards während der Facharztweiterbildung bekannt sind. Angehende Hausärzte müssen also die Untersuchungen doppelt machen: für die Weiterbildung und für die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin. Hier muss auch die Frage nach der Praktikabilität gestellt werden: Eine Duplexsonografie beansprucht für einen Hausarzt bei seinen vielfältigen Aufgaben sehr viel Zeit, und nur Duplex der Beingefäße darf überhaupt abgerechnet werden.

Nachforschungen darüber, wo die geforderten Untersuchungszahlen herkommen, ergeben ein Bild, das nachdenklich stimmt. Erst nach langen und zähen Recherchen erhielten wir bei einer Lan­des­ärz­te­kam­mer hinter vorgehaltener Hand eine Auskunft. Demnach seien die Zahlen der Weiterbildungsinhalte mehr oder weniger frei erfundene Zahlen, die von den etablierten Ärzten immer weiter erhöht würden, damit die Konkurrenz durch die nachrückenden Ärzte nicht zu groß werde. Eine Definition, welche genauen Kompetenzen ein künftiger Hausarzt haben solle, um davon eine sinnvolle Weiter­bildungs­ordnung abzuleiten, gebe es so nicht.

Die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von den anderen Facharztweiterbildungen. Der angehende Hausarzt ist während seiner Weiterbildung gezwungen, mehrfach die Stelle zu wechseln – und zwar umso häufiger, je mehr Kompetenz er erwerben und je größer sein Wissensspektrum werden soll. Dabei werden ihm zudem viele Steine in den Weg gelegt. Für jeden Wechsel sind neue Vertragsverhandlungen notwendig, jede neue Stelle beginnt in der Regel mit einem halben Jahr Probezeit mit dem bekannten Rechteverlust. Zudem stellen viele Kliniken nur künftige Fachärzte für ihr eigenes Fach und keine angehenden Allgemeinmediziner ein. Facharztpraxen nehmen nur Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung, die eine Förderung erhalten. Diese ist jedoch in den meisten Bundesländern auf zwei Jahre begrenzt und wird schon für die hausärztliche Tätigkeit benötigt. Denn auch dort gilt: ohne Förderung keine Stellen. Das führt automatisch dazu, dass der einzigen Ausweichmöglichkeit gemäß der Weiter­bildungs­ordnung drei Jahre Innere Medizin stationär und zwei Jahre hausärztliche Tätigkeit in vielen Fällen der Vorzug gegeben wird. Damit werden „Dünnbrettbohrer“-Hausärzte herangezogen, die außer Innerer Medizin und Tätigkeit beim Allgemeinmediziner keine Kompetenzen in weiteren Fächern erworben haben.

Statt sich auf den Erwerb von medizinischen Kenntnissen zu konzentrieren, verbringen wir angehenden Allgemeinmediziner einen Großteil unserer Zeit damit,

- eine neue Stelle für den nächsten Weiterbildungsabschnitt zu suchen
- die praxisfernen und deutlich überhöhten Untersuchungszahlen gemäß der Weiterbildungsrichtlinien zu erreichen
- bei Bundeslandwechseln die bisherige Weiterbildung bei der neuen Lan­des­ärz­te­kam­mer anerkennen zu lassen und
- Stellen zu suchen, die es erlauben, die eigene Familie zu finanzieren, was vor allem in der Praxiszeit ein existenzielles Problem ist.

Um den Beruf des Hausarztes wieder attraktiv zu machen, muss deshalb ein schnelles Umdenken seitens der Politik und der ärztlichen Selbstverwaltung stattfinden. Es gilt eine Weiter­bildungs­ordnung zu schaffen, die sich an realistischen Kompetenzen der künftigen Hausärzte orientiert. Dazu gehört auch eine Senkung der geforderten Untersuchungszahlen bei hochqualitativer Anleitung. Darüber hinaus muss es eine Bringschuld der Weiterbilder gegenüber den angehenden Fachärzten geben, wobei ein strukturiertes Weiterbildungskonzept selbstverständlich sein sollte. Bei Nichterfüllung bestimmter Kriterien der Weiterbildungsstätte muss es möglich sein, die Weiterbildungsermächtigung zu entziehen. Natürlich sollte der Vertrag über die gesamte Weiterbildungszeit laufen; inklusive Probezeit und klar geregelter Rotationen durch die notwendigen Fächer. Die Bezahlung gilt es an die aktuellen Marburger-Bund-Tarife der Krankenhausärzte anzupassen – und zwar über die gesamte Weiterbildungszeit, also auch bei Stationen im niedergelassenen Bereich. Wichtig wäre auch eine größere Transparenz der Arbeit in den Weiterbildungsausschüssen der Ärztekammern unter Beteiligung von betroffenen Ärztinnen und Ärzten.

Schon gibt es Stimmen, das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wolle in Wahrheit den Hausarzt gar nicht stärken, wie vordergründig behauptet werde. Vielmehr solle der ambulante Sektor ausgetrocknet werden zugunsten von Medizinischen Versorgungszentren, die dann den privaten Krankenhauskonzernen angegliedert werden sollen und damit zentral besser steuerbar sind. Wer sich in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner befindet und den Prozess der zunehmenden Privatisierung der Krankenhauslandschaft beobachtet, kann dieses Szenario fast glauben. Hoffen wir, dass es nicht stimmt.
Dr. med. Christian Haffner
Dr. med. Marcus Schmidt
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