ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Von schräg unten: Detritus

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Detritus

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Jahrelanges Arbeiten im Dienst der gesetzlichen Krankenversorgung lässt einen reifen wie einen alten Abszess. Und gelegentlich kommt es zu Situationen, in denen man quasi punktiert wird, und es quillt aus einem heraus wie aus besagter Bakterienhöhle. Zutage tritt aber nicht, wie man vermuten mag, zellulärer Detritus als Endprodukt eines infektiösen Kampfes, sondern ein ehrlicher Kommentar als Endprodukt einer langen Berufserfahrung.
Ich sitze in der Sprechstunde, und ein sichtlich erboster Patient bearbeitet mich mit spitzen Worten: „Herr Doktor Böhmeke, ich will von Ihnen dieses neue Medikament verschrieben haben, von dem ich in der Werbung so viel Gutes gehört habe! Schreiben Sie mir das gefälligst auf, und kommen Sie mir nicht mit Ihrem Budget! Ihr niedergelassenen Ärzte verschreibt nur diesen billigen Kram; ihr weigert euch, neue Medikamente zu verordnen, auch wenn diese viel besser sind. Sie denken nur noch ans Geldverdienen und bilden sich nicht mehr fort, sonst hätten Sie wenigstens ein schlechtes Gewissen! Eine Schande ist das!“ Nun, das kann ich so nicht unwidersprochen stehen lassen. In der Tat verfolge ich mit höchstem Interesse die Evolution neuer pharmakologischer Substanzen. In den meisten Fällen zeigen diese folgende Karriere: Zunächst erfolgen brandheiße Meldungen aus der klinischen Forschung, epochale Durchbrüche werden signalisiert, neue Kapitel in der Behandlung würden aufgeschlagen werden und so weiter und so weiter; dann erfolgt die Zulassung. Die ersten Studien zeigen erwartungsgemäß dramatischste Überlegenheiten, sagen wir mal eine relative Risikoreduktion von 7,6 Prozent. Das klingt viel, heißt aber übersetzt, dass man 1 000 Patienten ein Jahr behandeln muss, um fünf Ereignisse zu verhindern. Trotzdem entfalten diese Substanzen eine hohe Affinität zu Hochglanzbroschüren und Symposien, auf den sie professoral gepriesen werden. Auffallend ist auch, dass die neuen Substanzen anfangs niemals Nebenwirkungen zu entfalten scheinen. Daher ist es auch kein Wunder, dass Patienten wie entfesselt sich nach diesen Rezepturen drängeln. Nach einiger Zeit, wenn genügend Patienten diese neuen Mittel eingenommen haben, flattern dann auch Rote-Hand-Briefe in meinen Briefkasten, tauchen die ersten Pressemeldungen über übelste Nebenwirkungen auf, und die armen Patienten stehen Schlange in der Praxis, um sich darüber zu beklagen, warum man ihnen so ein Giftzeug verschrieben habe und wieso man sie nicht gewarnt habe und wie das passieren konnte und warum ihr Arzt sich nicht kritisch genug damit auseinandersetze und warum man denn nicht bei den guten alten Medikamenten geblieben sei. Also denkt man sich als verantwortungsvoller Doktor seinen Teil und sagt seinen Patienten: Lasst doch bitte die anderen erst mal die Nebenwirkungen ausprobieren. Und bitte: Die Indikation sollte immer noch der Doktor stellen und nicht die Werbung.

„Herr Doktor Böhmeke, Sie wollen sich nur herausreden! Sie sind auch nur einer von diesen ekelhaften Fortschrittsverweigerern!“

Da muss ich durch. Ich kann ja auch verstehen, dass er mich beschimpft. Niemand hat es gern, ein Fass aufzumachen und es kommt nur Detritus heraus.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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