ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Medizinische Versorgung: Demografisches Dilemma

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Medizinische Versorgung: Demografisches Dilemma

Dtsch Arztebl 2008; 105(31-32): A-1637 / B-1413 / C-1381

Jachertz, Norbert

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Norbert Jachertz freier Journalist
Norbert Jachertz
freier Journalist
Wenn es stimmt, was die Demografen und Epidemiologen aus Rostock und Greifswald ausgerechnet haben, dann wird bis 2020 der Bedarf an medizinischen Leistungen zunehmen, obwohl die Bevölkerungszahl sinkt (vgl. dazu „Paradoxe Entwicklung“, Heft 30/2008). Eine schöne Bescherung, die der demografische Wandel uns da bereitet: Weniger Einwohner bedeuten demnach nicht weniger Betten oder weniger Personal in Klinik und Praxis, sondern eher mehr. Das widerspricht den langjährigen Krankenhaus- und Bedarfsplanungen, die sich relativ statisch an Einwohnerzahlen orientieren. Sie müssten demnach um einen demografischen Faktor korrigiert werden.

Woher aber das Personal nehmen, wenn schon heute vielerorts die Hausärzte, zunehmend aber auch niedergelassene Fachärzte fehlen, wenn Krankenhäuser an der Peripherie schon jetzt endlos lange nach Spezialisten suchen oder leitende Positionen nicht besetzen können? Und wie den wachsenden Bedarf finanzieren, wenn die Steuer- und Beitragszahler weniger werden, wenn sich die Länder aus der Krankenhausfinanzierung verabschieden, Kommunen und Kreise ihre Krankenhäuser verscherbeln, die Krankenkassen die ihnen zugedachten neuen Lasten scheuen und die Politiker bei Beitragserhöhungen zusammenzucken?

Nun mögen die Berechnungen aus dem Nordosten auch ihre politischen Hintergründe haben: Ein wenig Dramatik kann nicht schaden, um auf eklatante Versorgungslücken beizeiten hinzuweisen. Doch die Rostock-Greifswalder Analyse ist insgesamt wohl begründet. Die Methode, alterstypische Erkrankungen ins Verhältnis zur künftigen Altersstruktur zu setzen und so den Versorgungsbedarf zu errechnen, überzeugt. Die Ergebnisse, die zunächst Ostdeutschland betreffen, sind daher auch für andere Regionen relevant.

Knappe Finanzen und Personalressourcen werden deshalb allenthalben zur Sparversorgung verleiten; ansatzweise ist sie bereits erkennbar. Das demografische Dilemma kann aber auch als Herausforderung begriffen werden und zu neuen Organisationsformen führen, um dem drohenden Mangel zu begegnen. Zum Beispiel können

- qualifizierte nicht ärztliche Fachkräfte („Schwester Agnes“) Hausärzte entlasten, zunächst „in der Fläche“, vielleicht aber auch in der durchrationalisierten Praxis oder im Medizinischen Versorgungszentrum
- medizinische Assistenten im Krankenhaus Aufgaben, die nicht unbedingt ärztlich sind, wahrnehmen und damit Ärzte wie auch Budgets entlasten
- Verbünde aus Akutkrankenhäusern, preiswerteren Krankenpflegehäusern und Praxen ein abgestuftes Versorgungskonzept realisieren
- sich so neue Nutzungen für alte Kreiskrankenhäuser und Marienhospitale ergeben
- neue Aufgaben auch für eine ärztliche Selbstverwaltung entstehen, die sich als Management im Gesundheitswesen neu erfindet und das Feld nicht privaten Ketten allein überlässt.

Doch niemand sollte sich etwas vormachen. Steigende medizinische Bedürfnisse bei abnehmender Zahl der Zahlungsfähigen und -willigen können nicht vollständig durch Erfindungsreichtum aufgefangen werden. Ein Rest unbefriedigter Bedürfnisse wird bleiben, jedenfalls bei den weniger Gutgestellten, den weniger Gutinformierten. Die demografische Entwicklung dürfte daher zu einer stetig breiter werdenden sozialen Kluft beitragen. Auch das ist ansatzweise bereits erkennbar.

Bei einem Workshop in Greifswald referierte Prof. Dr. med. Peter Schuff-Werner, der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Rostock, über den demografischen Wandel. Er schloss mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Will you still need me, will you still feed me, when I´m sixty-four, fragten die Beatles. Als Paul McCartney 1966 When I´m sixty-four schrieb, war er 24 und sixty-four noch many years from now, aber er hatte seine Ahnungen. Was wird in 40 Jahren erst mit denen sein, die heute 24 sind?
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