ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Hausarztzentrierte Versorgung: Das verlagerte Monopol

POLITIK

Hausarztzentrierte Versorgung: Das verlagerte Monopol

Dtsch Arztebl 2008; 105(31-32): A-1648 / B-1422 / C-1390

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Lotsen durch das Gesundheitssystem: die neue Rolle der Hausärzte. Foto: Eberhard Hahne
Lotsen durch das Gesundheitssystem: die neue Rolle der Hausärzte. Foto: Eberhard Hahne
Die Politik will die Krankenkassen zum Abschluss von Hausarztverträgen zwingen und die Position der Hausärzte in den Verhandlungen stärken.

Was jetzt läuft, ist nicht mehr rückgängig zu machen“, sagt Dr. med. Werner Baumgärtner. Der Vorsitzende des Medi-Verbunds Baden-Württemberg zählt bereits mehr als 1 000 Hausärztinnen und Hausärzte, die sich an dem Vertrag zur hausarztzentrierten Versorgung (§ 73 b SGB V) beteiligen wollen. Medi, der Hausärzteverband und die AOK haben ihn ausgehandelt. Die Einschreibefrist läuft seit dem 1. Juli.

Erstmals hat eine Krankenkasse an der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) vorbei über die flächendeckende hausärztliche Versorgung ihrer Versicherten und damit über den Ausstieg der beteiligten Hausärzte aus dem Kollektivvertragssystem verhandelt. Gegenfinanziert wird der Vertrag aus der bereinigten Gesamtvergütung, das heißt durch Abzüge aus dem „KV-Honorartopf“ aller Hausärzte. Das sorgt nach wie vor für hitzige Debatten und Anfeindungen zwischen KVen und freien Ärzteverbänden. Denn während Letztere Morgenluft wittern, fürchten Erstere, zu Resteverwaltern degradiert zu werden.

Auch über Vor- und Nachteile des AOK-Vertrags für Ärzte und Patienten gehen die Meinungen auseinander. Höhere Honorare, bessere Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie – so fasst Medi-Vorstand Baumgärtner die Vorteile für die Ärzte zusammen. Mit konkreten Auswertungen müsse man aber sicherlich bis Anfang nächsten Jahres warten. „Dieser Vertrag wird von manchen als Meilenstein angesehen. Noch kann aber niemand seine Auswirkungen abschließend beurteilen“, meint dagegen Baden-Württembergs KV-Vorsitzender Dr. med. Achim Hoffmann-Goldmayer. Er kritisiert insbesondere die Vergütungsregelung, die überwiegend Pauschalen vorsieht. Diese würden völlig unabhängig davon gezahlt, welche Leistungen ein Arzt tatsächlich für den Patienten erbringe.

Während also in Baden-Württemberg der Hausarzt als Lotse an den Start geht, hat sich in Bayern an dieser Frage neuer Streit entzündet. Denn dort hat sich der Hausärzteverband mit seiner Forderung durchgesetzt, das Verhandlungsmandat der Hausärzte bei Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung zu stärken. Die CSU, die mitten im Wahlkampf steckt, gab den massiven Protesten der Hausärzte nach und formulierte einen Änderungsantrag zu § 73. Stimmt der Bundestag diesem zu, müssen die Krankenkassen bis spätestens 30. Juni 2009 Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung vereinbaren – und zwar in erster Linie mit solchen Gemeinschaften, die die Hälfte der an der hausärztlichen Versorgung teilnehmenden Allgemeinärzte vertreten. In Bayern ist das der Hausärzteverband.

Das SPD-geführte Bundesministerium für Gesundheit bestätigte, dass Änderungen an § 73 geplant sind und die Position der Hausärzte gestärkt werden soll. „Das Paket ist aber noch nicht abschließend fertig“, sagte eine Sprecherin. Bei Ressortchefin Ulla Schmidt dürfte die CSU mit ihrem Vorschlag ein offenes Ohr finden. Sie wollte die KVen von Anfang an von den Hausarztverträgen ausschließen.

Andernorts hat das Wahlgeschenk an den Hausärzteverband heftige Proteste ausgelöst. Durch die geplante Gesetzesänderung gehe das Verhandlungsmandat von den KVen auf die Hausärzteverbände über, kritisierten die Ersatzkassenverbände. Damit würde de facto ein neues Monopol geschaffen und die Idee der freien Vertragsgestaltung ad absurdum geführt. Die Ersatzkassen lehnen auch die Frist zum Abschluss solcher Verträge ab. Wissenschaftliche Untersuchungen hätten keinen signifikanten Nutzen der meisten bisher abgeschlossenen Hausarztverträge feststellen können, hieß es.

Auch innerhalb der Ärzteschaft gärt es. „Hier wird das ,Monopol‘ der Kassenärztlichen Vereinigung, die immerhin alle Arztgruppen vertritt, abgeschafft und durch das Monopol eines Vereins ersetzt, der weder die Interessen der Kinder- und Jugendärzte noch die der hausärztlich tätigen Internisten vertritt“, teilte der Berufsverband Deutscher Internisten mit. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat sich ebenfalls vom Alleinvertretungsanspruch des Hausärzteverbands distanziert. Die ambulante kinder- und jugendärztliche Versorgungsqualität dürfe nicht dem Machthunger von Verbandsfunktionären und Wahlkampfgeschenken an Allgemeinmediziner geopfert werden, betonte deren Sprecher, Dr. med. Uli Fegeler.

Kritik kam auch vonseiten der KV Bayerns. Erstmals sei es einem Berufsverband gelungen, seine Interessen bei der Politik vollständig durchzusetzen, obwohl damit der Gesamtheit der Ärzte Schaden zugefügt werden könne, schrieb deren Vorsitzender, Dr. med. Axel Munte, an die niedergelassenen Fachärzte. Mit dem neuen § 73 b werde der Ausstieg aus dem KV-System für Hausärzte zur greifbaren Wirklichkeit.
Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema