ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Wissensmanagement im Krankenhaus: Zweitmeinung per Mausklick

THEMEN DER ZEIT

Wissensmanagement im Krankenhaus: Zweitmeinung per Mausklick

Dtsch Arztebl 2008; 105(31-32): A-1660 / B-1432 / C-1399

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Der Asklepios-Konzern hat ein Kompetenz- und Wissensmanagementsystem implementiert, mit dem sich klinikübergreifend Diagnose- und Therapieprozesse optimieren lassen.

Foto: Fotolia
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Bei Heinz Muschko wurde ein Frühkarzinom im Ösophagus diagnostiziert. Dr. med. Norbert Hesselbarth, Gastroenterologe im Asklepios-Klinikum Schwalmstadt, bespricht mit dem Patienten die Therapieoptionen: endoskopische Abtragung oder radikalchirurgischer Eingriff. Im Verlauf des Arzt-Patient-Gesprächs entschließt sich Hesselbarth, zur Absicherung der Entscheidung für den endoskopischen Eingriff eine Zweitmeinung einzuholen. Doch wie findet er zeitnah und unaufwendig den ausgewiesenen Experten mit dem erforderlichen Fach- und Erfahrungswissen für seinen Behandlungsfall?

Für die Ärzte des privaten Klinikkonzerns Asklepios soll das künftig kein Problem mehr sein: Innerhalb weniger Minuten können sie per Mausklick und Webcam über eine Livevideoverbindung auf das Wissen ihrer Fachkollegen innerhalb der Klinikgruppe zugreifen. Gemeinsam können sie sich, sofern der Patient dem zugestimmt hat, die Patientendaten sowie Röntgen- und Ultraschallbilder am Bildschirm ansehen und über das weitere Vorgehen beraten.

Im Hinblick auf datenschutzrechtliche Aspekte ist bemerkenswert, dass dabei keine Patientendaten physikalisch versandt werden, sondern die Daten als Stream innerhalb eines geschützten Netzes genutzt werden. Es entsteht ein „virtueller Behandlungsraum“, in dem der zweite Arzt nicht direkt auf die Daten zugreift, sondern nur eine virtuelle Ansicht darauf erhält. Nach dem Ende des Konsils wird die Datenverbindung wieder gekappt, ohne dass bei dem Zweitarzt Daten verbleiben.

Grundlage hierfür ist die standardisierte IT-Plattform „OneIT+“, die der Klinikbetreiber zusammen mit den Industriepartnern Microsoft und Syynx Solutions im Rahmen des „Asklepios-Future-Hospital“-Programms (AFH) entwickelt hat (siehe auch DÄ, Heft 31–32/2007; Kasten). „Derzeit haben wir bereits rund 8 000 PC-Arbeitsplätze in unseren Kliniken mit dieser innovativen Technologie ausgestattet; bis Ende 2008 werden sämtliche 13 000 Bildschirmarbeitsplätze umgestellt sein“, berichtet Robert Lacroix, Geschäftsbereichsleiter IT-Architektur/IT-Sicherheit.

Schlagworte und Personen verknüpfen
Von ihren standardisierten Arbeitsplätzen aus können alle Ärzte des Krankenhauskonzerns dann standortunabhängig über ein intranetbasiertes Portal („myasklepios.com“) auf eine Wissensdatenbank zugreifen und schnell und unkompliziert den medizinischen Experten, etwa für einen unklaren Behandlungsfall oder zur Bestätigung einer Diagnose, recherchieren. Dazu gibt der Arzt eine Verdachtsdiagnose oder einen Fachbegriff in das System ein und erhält unmittelbar eine Liste der Fachärzte innerhalb der Klinikkette, in deren Gebiet die zu erörternde Frage fällt. In der Datenbank ist jeweils eine Art „Steckbrief“, ein individuelles ärztliches Kompetenzprofil hinterlegt.

„Weil das System, ähnlich wie bei einem Social Network, Schlagworte und Personen verknüpft, kann ich nach Schlagworten oder Krankheitsbezeichnungen suchen, mir vom System Experten und deren Profil ausgeben lassen und die Kollegen dann aus demselben Menüfenster heraus per SMS, Telefon oder über die Funktionen des Office Communicators kontaktieren“, erläutert Dr. med. Siegbert Faiss, Asklepios-Klinik Barmbek. Dadurch entfällt nicht nur die zeitraubende Suche nach der (E-Mail-)Adresse oder Telefonnummer des Spezialisten, sondern der Arzt kann je nach Bedarf und Neigung zwischen unterschiedlichen technischen Optionen wählen, um einen Kollegen zu kontaktieren oder zu einer Videokonferenz einzuladen – in der IT-Terminologie läuft das unter dem Oberbegriff „Unified Communications“. „Entscheidend dabei ist der unaufwendige, nahtlose Zugang aus der jeweiligen Arbeitsumgebung heraus“, betont Jens Dommel, Microsoft Deutschland.

Weil diese Anwendung zudem mit der Terminkalenderfunktion in Outlook verknüpft ist, kann der anfragende Arzt zusätzlich in Form eines Ampelsignals („Bubble“) sehen, ob und wann sein Kollege verfügbar ist (rot: keine Zeit, gelb: zurzeit beschäftigt, aber in Kürze frei, grün: verfügbar). „Wir Ärzte werden zunehmend Teamplayer“, sagt Faiss. „Wir brauchen andere Kollegen, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Wir können jetzt fallbezogen Experten zurate ziehen und ihnen für die Dauer des Gesprächs die Patientendaten verfügbar machen. Das spart Zeit und Nerven und optimiert den Behandlungsablauf. Außerdem müssen keine Patientendaten mehr per Post an den Zweitarzt gesendet werden, die Diagnose wird abgesichert, und die Therapie kann früher beginnen. Davon profitiert nicht zuletzt auch der Patient.“

Im Beisein seines Patienten kann Norbert Hesselbarth einen Kollegen kontaktieren, um eine Zweitmeinung einzuholen. Foto: Asklepios
Im Beisein seines Patienten kann Norbert Hesselbarth einen Kollegen kontaktieren, um eine Zweitmeinung einzuholen. Foto: Asklepios
Wissen ist personenbezogen
Grundlage dieses Wissens- und Kompetenzmanagementsystems ist eine Lösung zur automatisierten softwaregestützten Analyse medizinisch-wissenschaftlicher Textdokumente. Dabei werden anhand der semantischen Analyse von Dokumenten und auf der Basis von Fachthesauri sogenannte Fingerprints von Dokumenten generiert, um beispielsweise die Veröffentlichungen eines Autors zu einem Kompetenzprofil zu verdichten (www.syynx.de/technologie1.asp).

„Wissen ist fast immer personengebunden. Um es für unterschiedliche medizinische Anforderungen an verschiedenen Orten verfügbar zu machen, braucht man eine IT-gestützte Wissensbasis“, erläutert Christian Herzog von der Firma Syynx Solutions, die diese Lösung entwickelt hat. Die Expertenprofile werden, einmal angelegt, ohne Zutun der wissenschaftlichen Autoren automatisiert aktualisiert und stehen als „Landkarte“ des verfügbaren medizinischen Wissens über das Intranet für verschiedene Zwecke zur Verfügung.

So können die Ärzte beispielsweise die Kompetenzprofile ganzer Abteilungen oder Standorte abrufen. Für die Konzernleitung sind die Profile eine wichtige Information, um etwa Schwerpunkte einzelner Einrichtungen zu definieren, die Kompetenzen nach außen darzustellen oder Forschung und Fortbildung gezielt zu steuern. „Die Technik unterstützt dabei verschiedene strategische Ziele des Unternehmens“, meint Dr. Tobias Kaltenbach, Vorsitzender der Asklepios-Konzerngeschäftsführung. „Sie bedeutet eine Stärkung der medizinischen Kompetenz vor Ort: Der Spezialist kommt zum Patienten und nicht umgekehrt. Gleichzeitig lässt sich die Präsenz in der Fläche mit Spitzenmedizin zu einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung verbinden.“

Drittes Element ist die medizinische Onlinebibliothek, die auf Kooperationen mit großen Fachverlagen wie Thieme und Springer beruht. Sie umfasst tagesaktuell mehr als eine Million Fachartikel im Volltextformat und macht den Ärzten bei Bedarf Fachzeitschriften, E-Books und Nachrichten zugänglich.

Auch die Onlinebibliothek ist mit den internen Wissensressourcen verknüpft: Ruft ein Asklepios-Mitarbeiter einen Fachbeitrag auf, werden ihm automatisch die Kollegen innerhalb des Konzerns mit ihren Kontaktdaten angezeigt, die im Hinblick auf das Thema über die entsprechende Kompetenz verfügen. Darüber hinaus lassen sich beispielsweise ICD-Codes nutzen, um klinisch relevante Publikationen wie Cochrane Reviews, Leitlinien und Fallbeispiele abzurufen. Über das Intranet können Ärzte außerdem Weiter- und Fortbildungsqualifikationen einschließlich der für das Fortbildungszertifikat erforderlichen cme-Punkte erwerben. Entsprechende Angebote gibt es für die pflegerischen Berufsgruppen.

Denkbar ist künftig auch, externen niedergelassenen Ärzten Teile dieser Anwendungen zur Verfügung zu stellen und die sektorübergreifende Zusammenarbeit bei der Versorgung zu intensivieren. So können zuweisende Ärzte heute schon durch einen Zugriff auf die Onlinebibliothek von relevanten Leitlinien und Fachartikeln profitieren oder die Publikationen im Volltext nutzen.
Heike E. Krüger-Brand


Asklepios Future Hospital (AFH)
Ziel des 2005 von Asklepios gemeinsam mit Microsoft und Intel gestarteten AFH ist es, auf der Grundlage neuer Technologien eine medienbruchfreie interoperable Kommunikation zwischen den mehr als 90 Einrichtungen des Klinikkonzerns und seinen 34 000 Mitarbeitern sowie darüber hinaus zwischen weiteren Leistungsteilnehmern im Gesundheitssystem zu erproben und umzusetzen. Als Referenzzentrum fungiert die Asklepios-Klinik Barmbek in Hamburg. Inzwischen beteiligen sich mehr als 20 Unternehmen aus verschiedenen Bereichen an dem Programm, darunter Bosch, T-Systems, Lufthansa, SAP, Compugroup, Docexpert, MCS, B. Braun, Dräger Medical und die DAK.

Grundlage für die Wissensmanagementplattform ist das IT-Migrationsprojekt „OneIT“, bei dem drei zentrale Komponenten umgesetzt wurden.

- Ein einrichtungsübergreifendes Identitätsmanagement stellt sicher, dass jeder Arzt nur einmal im System mit einer eindeutigen Kennung hinterlegt ist (zentraler Verzeichnisdienst).
- Die Standardisierung der 12 000 PC-Arbeitsplätze erleichtert die Administration und Pflege der Arbeitsumgebungen mit rund 600 Anwendungsprogrammen und gewährleistet den Zugriff der Mitarbeiter von jedem Arbeitsplatz aus.
- Ein durchgängiges Sicherheitskonzept gilt für jeden Arbeitsplatz, etwa hinsichtlich Verwaltung von Passwörtern oder Sperrung von Bildschirmen nach inaktiven Zeiten.
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