ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Patientenbrief: Nachhaltige Information für Patienten

THEMEN DER ZEIT

Patientenbrief: Nachhaltige Information für Patienten

Dtsch Arztebl 2008; 105(31-32): A-1666 / B-1438 / C-1404

Vitt, Karl D.; Erben, Christoph M.; Dreimann, Marc; Rüther, Wolfgang

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LNSLNS Der über die Abfassung eines Arztbriefs hinausgehende Aufwand erscheint vor dem Hintergrund der durch Non-Compliance entstehenden Kosten gerechtfertigt.

Foto: Eberhard Hahne
Foto: Eberhard Hahne
Die Sicherung des Therapieziels hat in allen Bereichen der medizinischen Versorgung zentrale Bedeutung. Für den Patienten ist in diesem Zusammenhang die Annahme therapeutischer Empfehlungen gerade dann wichtig, wenn diese der bisher geübten Lebensweise zuwiderlaufen. Dabei ist es oft unumgänglich, dass ein Patient sein Verhalten an die neue Situation anpasst und selbst Anstrengungen unternimmt, den Heilungsprozess zu fördern. Voraussetzung dafür ist die Einsicht in die Notwendigkeit veränderter Lebensführung.

Die Tatsache, dass Behandlungsempfehlungen und Arzneimittelverordnungen nicht immer befolgt werden, hat nach gängiger Meinung ihre Ursache unter anderem in einem unzureichenden Informationsstand. Eine These lautet: Mehr Information ist die Voraussetzung für mehr Beteiligung des Patienten an seinem Gesundungsprozess.

Dennoch sind Therapiemodifikationen bis hin zur Therapieverweigerung trotz größerer Anstrengungen des therapeutischen Teams um eine bessere Informationsvermittlung eher die Regel als die Ausnahme. Auch ein immer breiter werdendes Spektrum von zusätzlichen Informationsmöglichkeiten (Internet, Selbsthilfegruppen, Gesundheitsratgeber in unterschiedlichen Medien) scheint nicht geeignet, die Situation grundlegend zu verbessern. In der Kommunikation mit Patienten muss angestrebt werden, die Umsetzung der Handlungsempfehlungen im Alltag sicherzustellen.

Die Vermittlung von Information kann zunächst nur gelingen, wenn Anleitungen zu Verhaltensänderungen der besonderen Situation des einzelnen Patienten angepasst sind und von ihm in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden. Dabei sind jedoch weder Informationsfülle noch notwendiger individueller Zuschnitt allein ausreichend, langfristig zu wirken.

Patient muss zu eigenen Schritten befähigt werden
Der Patient muss das therapeutische Anliegen als sein eigenes akzeptieren und es zu seinem Handlungsmaßstab machen. Dazu ist zunächst eine Hilfestellung notwendig, die den Patienten befähigt, eigene Schritte für seine weitere Gesundung zu unternehmen. Die dabei erzielten Erfolge wird er im Idealfall als seine eigenen wahrnehmen und sich so allmählich vom therapeutischen Team lösen können, ohne bisher Erreichtes aufs Spiel zu setzen. Der Weg zu mehr Eigenständigkeit des Patienten ist durch seine kontinuierliche Einbindung in den Gesundungsprozess geebnet. Voraussetzung dafür ist die Nachhaltigkeit der Primärinformation.

Ausgehend von diesen Überlegungen haben die Autoren im Jahr 2005 eine Initiative vorgestellt, deren Ziel es war, dem Patienten mit einem ausschließlich auf ihn ausgerichteten Brief am Ende eines stationären Aufenthalts nach orthopädischen Operationen ein umfassendes Informationspaket an die Hand zu geben (1). Dieses Paket beinhaltete ein systematisiertes Entlassungsgespräch sowie individuell angepasste schriftliche Empfehlungen der beteiligten Fachdisziplinen in einer für den Patienten verständlichen Diktion. Zusätzlich wurden die Empfehlungen durch Blätter für tägliche Übungen visualisiert.

Ein Teil der Patienten wurde gebeten, diese neben der krankengymnastischen Rehabilitation vorgeschlagenen ergänzenden häuslichen Übungen auf einem Dokumentationsbogen über einen Zeitraum von vier Wochen täglich festzuhalten.

In Zusammenarbeit mit der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und der Rheumaklinik Bad Bramstedt wurden die Akzeptanz und Wirksamkeit des Verfahrens im Hinblick auf Patientenzufriedenheit und Compliance in einer von der Ethikkommission der Ärztekammer Schleswig-Holstein freigegebenen wissenschaftlichen Studie evaluiert.* Aufgelegt wurde eine prospektive quasiexperimentelle monozentrische Untersuchung mit Interventions- und Kontrollgruppe und schriftlicher Befragung von 125 Patienten vor Verlegung von der Akut- in die Rehabilitationsabteilung sowie poststationärer, postalischer Befragung in den Monaten drei und sechs nach Entlassung.

Von zentraler Bedeutung ist die positive Beeinflussung der von den Patienten berichteten Compliance. Dies gilt vor allem für Patienten, die ihre häuslichen Übungen in einem Zeitraum von vier Wochen täglich protokolliert haben.

Die notwendigen anleitenden Informationen haben zusammen mit einem zusätzlichen Protokollierungsaufwand diese Patientengruppe in den ersten drei Monaten zu mehr Therapietreue bewogen. Dass dieser Effekt nachhaltig ist, wird durch die Verhältnisse zum späteren Untersuchungszeitpunkt bestätigt. Auch nach einem halben Jahr verhält sich diese Untergruppe der Studienpopulation deutlich therapietreuer als das Vergleichskollektiv.

Studiengruppe zeigt eine größere Therapietreue
Offenbar hat das besondere Entlassungsprozedere – bestehend aus Information, Übungsanleitungen und vierwöchiger Protokollierungsnotwendigkeit – diese Patienten in die Lage versetzt, auch nach einem Zeitraum von einem halben Jahr Empfehlungen der weiterbehandelnden Therapeuten vermehrt anzunehmen und aktiv umzusetzen. Das Ziel, mit dem Verfahren die Grundlage für mehr Eigenständigkeit im Genesungsprozess geschaffen zu haben, kann somit als erreicht angesehen werden.

Damit ist ein wichtiger Schritt zum „mündigen Patienten“ getan, der auch weiterhin vertrauensvoll mit seinem Arzt zusammenarbeitet und der mit Unterstützung eines nach stationärer Behandlung erstellten Patientenbriefs einen fundierten Dialog führen kann. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden und ein optimales Behandlungsergebnis zu erzielen.

Der über die Abfassung eines Arztbriefs hinausgehende Aufwand erscheint auch vor dem Hintergrund der durch Non-Compliance entstehenden Kosten für das Gesundheitssystem gerechtfertigt. Darüber hinaus sind alle Bemühungen zur Stärkung der Eigenständigkeit von Patienten im Ablauf einer Behandlung wünschenswert und zunehmend politisch gewollt. Mit der jüngsten Gesundheitsreform wurde unter anderem durch die Neufassung des § 11 SGB V die Grundlage zu einer weiter verbesserten Patientenorientierung geschaffen. Danach müssen die Leistungserbringer auch unmittelbar den Versicherten die notwendige Unterstützung gewähren und Hilfen vermitteln, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus geboten sein können. So ist grundsätzlich die Voraussetzung dafür geschaffen, die Erstellung des Patientenbriefs allen Krankenhäusern zu ermöglichen oder gar verpflichtend abzuverlangen. Dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss obliegt es, unter Einbindung und Anhörung von Patientenvertretern gesetzlichen Vorgaben verbindliche Handlungsanweisungen folgen zu lassen.

Die vorliegenden Ergebnisse ermutigen, das Konzept einer zunächst ausschließlich auf den Patienten zugeschnittenen Informationsübermittlung im Sinne eines Patientenbriefs weiterzuverfolgen und auszubauen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2008; 105(3132): A 1666–7


Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Karl D. Vitt
Annenstraße 11, 24939 Flensburg
E-Mail: karlvitt@t-online.de

* Gefördert von der Wiebke-und-Wolfgang- Boden-Stiftung, Hamburg
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1.
Vitt KD, Erben CM, Kupsch S, Rüther W: Patientenbrief: Mittel zur Sicherung des Heilerfolgs. Dtsch Arztebl 2005; 102(44): A 3002. VOLLTEXT
1. Vitt KD, Erben CM, Kupsch S, Rüther W: Patientenbrief: Mittel zur Sicherung des Heilerfolgs. Dtsch Arztebl 2005; 102(44): A 3002. VOLLTEXT

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