ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Notfall-Kontrazeption: Frauen in Deutschland benachteiligt
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Die sachliche und aktuelle Information zur Notfall-Kontrazeption ist zu begrüßen, denn die Erfahrungen, die Frauen bei ihrem Bemühen um eine zeitnahe Einnahme der „Pille danach“, z. B. nach einer Kondompanne oder vergessener Pille, schildern, weisen auf einen weiterhin großen Informationsbedarf bei den an der Versorgung beteiligten Mediziner(inne)n hin. Eine rezeptfreie Abgabe der „Pille danach“ auf der Basis von Levonorgestrel erfolgt bereits in 17 europäischen und weltweit in mindestens 43 Ländern, dies zum Teil schon seit neun Jahren ohne Zwischenfälle. Mit dieser Praxis wird langjährigen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen Rechnung getragen. Die wichtigsten davon sind: Die Pille danach gilt international als sicher, wirksam und nebenwirkungsarm, sie ist umso wirksamer, je früher sie nach ungeschütztem Verkehr eingenommen wird, sie hat keinen Einfluss auf eine bereits bestehende Schwangerschaft, und eine leichte Verfügbarkeit führt nicht zu erhöhtem sexuellem Risikoverhalten. Während sich unsere Nachbarländer um den Abbau von fachlich nicht zu rechtfertigenden Hindernissen in der Postkoitalversorgung bemüht haben, bleibt die Versorgungslage für Frauen in Deutschland in den letzten Jahren unzureichend. Dies ist umso unverständlicher, als sich auch in Deutschland der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht des BfArM bereits im Jahr 2003 mit der Datenlage befasst und für die Entlassung des Wirkstoffs Levonorgestrel zur Notfallkontrazeption aus der Verschreibungspflicht nach § 48 AMG ausgesprochen hat. Der pro familia-Bundesverband hat Erhebungen in den pro familia-Beratungseinrichtungen zur Versorgungssituation durchgeführt. Als wichtigstes Problem stellt sich dar, dass einige ärztliche Notdienstzentralen und Krankenhausambulanzen mit Angabe unterschiedlichster Gründe die „Pille danach“ prinzipiell gar nicht verordnen . . . Auch führen ärztliche Praxen und Krankenhäuser nicht selten regelhaft gynäkologische Untersuchungen durch und rechnen sie ab, obwohl dies nach evidenzbasierten Empfehlungen und internationalen Richtlinien nicht notwendig ist. Weiterhin gibt es Einrichtungen, die an gesetzlich versicherte Jugendliche keine Kassenrezepte ausstellen. Dies steht im Widerspruch zu den vom Gemeinsamen Bundes­aus­schuss gemäß § 92 Abs.1 Satz 2 des fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) i.V.m. und den §§ 24 a und b SGB V beschlossenen Richtlinien. Durch die beschriebenen Umstände betragen die aufzuwendenden Kosten für Frauen bis zu 90 (!) Euro (inklusive Praxisgebühr und Kosten für das Postkoitalpräparat). Fazit: Mädchen und Frauen, die sich nach einer Verhütungspanne verantwortungsbewusst und kompetent um die „Pille danach“ bemühen, sehen sich in einer kritischen Phase nicht selten einer zeitaufwendigen und nervenaufreibenden Odyssee ausgesetzt, häufig auch einer unangemessen hohen finanziellen Belastung und/oder einer moralischen Bewertung durch das medizinische Personal. Um dies zu ändern, wäre die Umsetzung internationaler, evidenzbasierter Standards dringend geboten und der Zugang zur Methode zu erleichtern . . .
Dr. med. Ines Thonke, Ärztin beim Bundesverband pro familia, Stresemannallee 3, 60596 Frankfurt
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