ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1997Gespenst des Biologismus: Lehren aus der Vergangenheit

POLITIK: Kommentar

Gespenst des Biologismus: Lehren aus der Vergangenheit

Linden, David

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LNSLNS Die Vielzahl der Jahrestage, die Ereignissen der näheren und ferneren Vergangenheit eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit bescheren, stellt eine große Chance, aber auch eine große Verpflichtung dar. Eine Chance nämlich, Ergebnisse der (historischen) Quellenforschung und Interpretation einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und gleichzeitig die Verpflichtung, nicht mit allzu einfachen Nutzanwendungen ("Lehren aus der Geschichte") eben diese historische Forschung zu desavouieren. Im Falle des fünfzigsten Jahrestages des Nürnberger Ärzteprozesses wurde die Chance ergriffen, der Verpflichtung aber nicht immer ausreichende Beachtung geschenkt.


Beginnend mit dem internationalen Kongreß "Medizin und Gewissen" in Nürnberg wurde der Jahrestag des Nürnberger Prozesses zum Anlaß für eine Rückschau nicht nur auf die Taten der Angeklagten, sondern auch auf die ideologische Vorgeschichte ihrer Verbrechen, die Rolle der deutschen Ärzteschaft im Dritten Reich und das unrühmliche Verhalten mancher ihrer Vertreter in der Nachkriegszeit, Themen also, die gleichermaßen einer sorgfältigen historischen Analyse und einer engagierten öffentlichen Diskussion bedürfen. Darüber hinaus meinte man aber, in den Augen der Öffentlichkeit nur bestehen zu können, wenn man auch eine Botschaft für die heutige Zeit verkündete. Und diese war nun, wie schon vor fünfzig Jahren, die Warnung vor der dominierenden Position des naturwissenschaftlichen Geistes in der modernen Medizin.
Einer der Mahner ist der emeritierte Münsteraner Medizinhistoriker Richard Toellner. Als dieser in seinem Nürnberger Eröffnungsvortrag (auszugsweise veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18. Januar 1997) die Reduktion des Menschen "auf seine Biologie" als das peccatum originale der modernen Medizin anprangerte, folgte er dem Vorbild von Alexander Mitscherlich, dem verdienten Dokumentator des Nürnberger Prozesses, und dessen Lehrer Viktor von Weizsäcker. Hatte doch dieser im Jahr 1947 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Psyche" geschrieben, in Nürnberg werde "ein Urteil über eine bestimmte Art von Medizin, nämlich die nur naturwissenschaftlich-biologische Pathologie, mitgefällt".


Mitscherlich und der Geist der Versachlichung
Für Weizsäcker erwies sich der Ausgang des Prozesses als Enttäuschung. Zwar wurden nationalsozialistische "Euthanasie" und Menschenversuche von den amerikanischen Richtern scharf verurteilt, doch zu der von ihm verlangten geistigen Erneuerung der Medizin kam es nicht. Man meinte, mit ethischen Codes und Selbstverpflichtungen der herkömmlichen Medizin die nötigen Grenzen gesetzt zu haben, und interessierte sich nicht sonderlich für Weizsäckers "anthropologische Medizin". Die von seiner Schule gepflegten Vorbehalte gegenüber der naturwissenschaftlichen Medizin aber blieben und nährten sich an den technischen Fortschritten der sogenannten Apparatemedizin. Mitscherlich etwa ging so weit, in einem im Jahr 1978 im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erschienenen Essay der Medizin im "technisierten Großkrankenhaus" denjenigen Geist der "Versachlichung" zu unterstellen, der in den in Nürnberg verhandelten Verbrechen in einem "frühen Exzeß" aufgetreten sei.
Die Vorwürfe gegen die naturwissenschaftliche Richtung, welche die Medizin genommen hat, sind also nicht neu. Doch bevor man ihre Relevanz für die heutige Medizin erwägt, dürfte es sich lohnen, ihre historische Berechtigung zu überprüfen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die programmatische Aussage, die Joachim Mrugowsky, während des Krieges als Leiter des Hygiene-Instituts der Waffen-SS an den Menschenversuchen im Konzentrationslager Buchenwald beteiligt und in Nürnberg zum Tode verurteilt, im Jahr 1939 einer Auswahl aus den Schriften Hufelands voranstellte: "So sehr wir uns also den vergangenen Jahren des wissenschaftlichen Erkennens verpflichtet fühlen, so wenig hindert uns, die so erkannten Tatsachen entsprechend unserer Weltanschauung neu zu ordnen." Der Nationalsozialismus duldete eben keine Götter neben sich, weder das von der experimentellen Naturforschung aufgestellte Ideal wertfreier Erkenntnis noch dessen illegitimen Sprößling, den von Toellner als "Ersatzreligion der kritischen Intelligenz" ausgemachten Biologismus. Alles wurde der totalitären Ideologie untergeordnet. Die so motivierten Taten hatten mit naturwissenschaftlicher Medizin ebensowenig gemein wie mit dem ärztlichen Ethos eines Hufeland.


UnzulässigeVermischung
Differenzierter als Mitscherlichs Unterstellung einer Kontinuität vom Menschenversuch zum Großkrankenhaus ist die Position derjenigen Kritiker der naturwissenschaftlichen Medizin, welche dieser einen indirekten Einfluß auf die nationalsozialistischen Ärzteverbrechen bescheinigen, und zwar über den Weg von der Individualtherapie zur Sozialhygiene. So schreibt Toellner: "Um die Gefährdungen zu verstehen, in denen die Medizin auch heute steht, wenn sie ein biologistisches Menschenbild hat und ihre Aufgabe als primär sozialpolitische mißversteht, muß ich an einen Teil des Weges erinnern, der zum Genozid in Auschwitz führte." Doch auch hier findet eine unzulässige Vermischung statt.
Aus der Reduktion des Menschen "auf seine Biologie" folgt keineswegs eine bestimmte sozialpolitische Einstellung der entsprechenden Medizin. Vielmehr ist gerade die gescholtene Reduktion des Menschen auf physiologische Mechanismen ein Ansatz, der wie vermutlich kein anderer mit einer Medizin harmoniert, welche sich als Individualtherapie versteht. Eine solche Verbindung von physiologischem Reduktionismus und Konzentration auf die Therapie des individuellen Patienten stellt im übrigen keineswegs ein Phänomen der Moderne dar. Vielmehr bestimmte es das Verhalten der maßgeblichen Ärztepersönlichkeiten der vormodernen Medizin von Galen bis Hufeland. Erst wenn der Mensch in seinen sozialen Bezügen gesehen wird, ergibt sich die Notwendigkeit einer "Sozialhygiene", welche zum Segen, wie im Falle der Soziotherapie chronisch psychisch Kranker, aber auch, wie etwa in der alten und neuen Eugenik, zum Fluch werden kann.
Ein Arzt mag die Auffassung vertreten, daß "der Mensch mehr ist als seine Biologie" (Toellner). Diese Aussage ist aber leer, solange sie ohne eine - soziale, religiöse oder anthropologische - Bestimmung dieses "mehr" bleibt. Der bloße Anspruch einer Transzendenz physiologischer Mechanismen macht ihn jedenfalls weder zu einem besseren Arzt noch zu einem besseren Menschen. Und wenn Lehren aus den Verbrechen deutscher Ärzte im Dritten Reich zu ziehen sind, so sollte folgende darunter sein: alles, was unter dem Vorzeichen einer Überwindung der biologischen Medizin daherkommt, nicht weniger streng zu prüfen als die Ergebnisse der Naturwissenschaft selbst und bei jedem Anzeichen einer Ideologisierung von Medizin und medizinischer Forschung den Anfängen zu wehren. Dieses, und nicht die einseitige Inkriminierung der naturwissenschaftlichen Medizin, dürfte am ehesten hoffen lassen, daß wir Ärzte in Zukunft davor bewahrt werden, Teil dessen zu werden, was der Psychiater und Gutachter im Nürnberger Prozeß, Werner Leibbrand, als "demoniac order" der Menschenverachtung bezeichnet hat.


Dr. phil. David Linden
Max-Planck-Institut
für Hirnforschung
Neurophysiologische Abteilung
Deutschordenstraße 46
60528 Frankfurt

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