ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2008Chinesische „Stigmata“: Das Kaputte hat seinen Reiz

KULTUR

Chinesische „Stigmata“: Das Kaputte hat seinen Reiz

Dtsch Arztebl 2008; 105(31-32): A-1675

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Schuldt liebt Schaufensterpuppen. Chinesische. Als in China nämlich die Mao-Zeit und mit ihr der blaue Einheitslook vorbei und Mode wieder möglich war, entstanden dort Schaufensterpuppen als menschliche Idealbilder. Schuldt hat sie fotografiert. Eine Serie von Porträts entstand. Und nun Hände, verletzte Hände. Das Medizinhistorische Museum der Charite´ in Berlin zeigte die großformatigen Fotos für kurze Zeit, vorbereitet wird ein Katalog mit Farbtafeln und Aufsätzen, in denen „Hände“ wissenschaftlich – kunsthistorisch, ästhetisch, medizinisch – untersucht werden.

Herbert Schuldt aus Hamburg, der als Künstler kurz und bündig als Schuldt auftritt, ist Lyriker, Autor, Aktionskünstler und eben auch Fotograf. Er stammt aus Hamburg, lebt zeitweilig in Peking und bereist die chinesische Provinz. Auf den Dorfstraßen des ländlichen China fand er seine Motive, zum Beispiel bemalte Wände (deren Abbilder derzeit in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe sowie in der Galerie Brockstedt zu sehen sind) mit abblätternden Farben oder die ausrangierten Puppen mit lädierten Händen.

Das Kaputte hat seinen eigentümlichen Reiz. Die verletzten Puppenhände wecken vielfache Assoziationen, ja tiefere Gefühle. Schuldt: „Es ist erschreckend zu empfinden, dass ein Klumpen Plastik einem so nahegehen kann.“ Hände spielen in der bildenden Kunst eine große Rolle. Eugen Blume vom Berliner Museum „Hamburger Bahnhof“ erinnert an Dürer: Die Hände erzählten bei ihm oft mehr als die Gesichter.

Auch die beschädigten, zartgliedrigen Plastikhände aus China erzählen. Begriffe wie segnend, beschützend, sich ergebend, bittend, tastend, gewährend stellen sich ein. Schuldt hat seine eigenen Assoziationen wie die nebenstehendenTitel nahelegen. Mit den abgeplatzten Farben lassen die Hände an Verletzungen – „Stigmata“ – und Krankheit denken und daran, dass sich unter der Haut noch etwas tut. Der Medizinhistoriker Thomas Schnalke erinnert in „seinem“ Charite´-Museum in Virchows altem Hörsaal an Rudolf Virchow, der unter erkrankten Hautpartien stets nach den tiefen Ursachen gesucht hat.
Norbert Jachertz


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Club Hand
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Claw and Moon
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„Stigmata – The Hand Is More Intimate Than the Face“,
Katalog mit 42 Farbtafeln und Beiträgen von Eugen Blume, Christoph Markschies, Li Xianting, Wolfram Sterry, Georg K. Glaser, Michael Mohr und Schuldt, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, circa 108 Seiten, 22 Euro, noch nicht erschienen

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