ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Gesundheitsberichterstattung zur Psychotherapeutischen Versorgung: Es bleibt noch viel zu tun

EDITORIAL

Gesundheitsberichterstattung zur Psychotherapeutischen Versorgung: Es bleibt noch viel zu tun

Bühring, Petra

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LNSLNS Es gibt in Deutschland eine „erhebliche“ Versorgungskapazität sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich der Psychotherapie – auch wenn es nicht immer so scheint. In den vergangenen beiden Jahrzehnten wurden die Angebote zudem „erheblich ausgebaut“, eine Trendwende ist nicht abzusehen. Die Angebote sind „vielfältig und differenziert“ und im Vergleich zu vielen anderen Industrienationen finanziert durch die gesetzliche Krankenversicherung. So viel Lob verteilt das Robert-Koch-Institut (RKI) in der neuen Ausgabe der Gesundheitsberichterstattung (Heft 41) „Psychotherapeutische Versorgung“. Auf rund 40 Seiten analysiert das RKI erstmalig die Versorgung psychisch Kranker durch ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten (PP), Ambulanzen, psychosoziale Beratungsstellen und Tageskliniken, in Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen. Positiv bewertet das RKI weiterhin, dass sich die Qualifikation der Versorger verbessert hat durch gestiegene Weiterbildungsanforderungen an Fachärzte und durch das Psychotherapeutengesetz bei PP und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP). Die Wirksamkeit erhöhte sich dadurch, und Therapieschäden wurden reduziert. Bei PP und KJP war auch die (Muster-)Berufsordnung von Bedeutung, weil sie Rechte und Pflichten der Psychotherapeuten zusammenfasst und Patientenrechte definiert.

Das war’s aber auch schon mit dem Lob, die Kritik ist naturgemäß immer umfassender. Mit Ausnahme der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigt sich ein „eklatantes“ West-Ost-Gefälle in der Versorgungsdichte, ebenso ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Weniger bekannt ist vielleicht der Nord-Süd-Unterschied: In Baden-Württemberg, Bayern und Hessen findet man fast doppelt so viele Psychotherapeuten wie in den nördlichen Bundesländern. All das gibt mehr als Anlass, die Bedarfsplanung zu überarbeiten.

Medizinische Versorgungszentren und integrierte Versorgung (IV) spielen bislang keine große Rolle, obwohl psychische Erkrankungen eigentlich für IV prädestiniert sind. 78 IV-Verträge für diese Gruppe von insgesamt 5 000 gibt es derzeit. Die Gruppenpsychotherapie konnte sich trotz nachgewiesener guter Wirksamkeit und Effizienz im ambulanten Bereich kaum etablieren. Der Grund hierfür liegt neben der Honorierung vermutlich in der aufwendigen Organisation von Gruppenangeboten in der Einzelpraxis. Im stationären Bereich ist die Gruppe Standard.

Die Autoren der RKI-Analyse kritisieren zudem, dass keine verfahrensspezifische Gewichtung in der Bedarfsplanung vorgenommen wird. Mithilfe der Verhaltenstherapie könnten nämlich aufgrund der niedrigeren Stundenkontingente wesentlich mehr Patienten behandelt werden als mit den psychodynamischen Richtlinienverfahren. Dies hat Relevanz für die weitere Versorgungsplanung und sollte nicht als Stimmungsmache missverstanden werden.

Defizite gibt es schließlich auch in der Versorgungsforschung. So sind die Steuerungsprozesse der Inanspruchnahme der verschiedenen ambulanten und stationären Angebote völlig intransparent. Die Zuweisungskriterien sollten wissenschaftlich begründet werden. Zu klären ist auch, ob Umfang und Dauer der psychotherapeutischen Angebote angemessen und ob sie qualitativ gut und bedarfsgerecht sind. Es gibt noch viel zu tun – die Gesundheitsberichterstattung des Bundes hat gute Chancen, gehört zu werden.

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