ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Klaus Staeck – Wünsche und Illusionen

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Klaus Staeck – Wünsche und Illusionen

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 338

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LNSLNS Neben Arbeiten von Beuys, Vostell und Rot war eine Arbeit des Herausgebers selbst in der ersten Serie von Originalgrafiken im Postkartenformat vertreten, die von Klaus Staeck zum Thema „Köln“ herausgebracht wurde: „kölner dom – für raucher“.

Schauten lediglich die Domspitzen aus einer Packung Zigaretten heraus, hätte ein flüchtiger Betrachter dies vielleicht für einen flotten Werbegag halten können. Mit der Verwendung der ebenso markanten wie allgemein bekannten Halbprofile von Marx, Lenin und Engels kommt aber ein offensichtlich tiefer greifendes Thema zum Tragen, indem christliche Religion, kommunistische Politik und Sucht in einen engen Zusammenhang gestellt werden. Dabei erinnern die wie ein Logo über die Zigarettenpackung gedruckten Protagonisten des Kommunismus zunächst an den bekannten Ausspruch von Karl Marx, Religion sei Opium für das Volk. Gleichzeitig könnte die bildnerische Koppelung von Religion und Kommunismus aber auch als Hinweis verstanden werden, dass beide den Menschen Heilsversprechen unterbreiten – sei es hier auf Erden oder erst im Jenseits. Die Domspitzen anstelle der Zigaretten wären in dieser Sichtweise ein kritischer Kommentar, dass religiöse Versprechungen sich in Rauch/Luft auflösen.

Diese eher vordergründigen Bezüge lassen in einer tiefenpsychologischen Betrachtung weitere Gemeinsamkeiten hervortreten. In seiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) bezeichnete Sigmund Freud religiöse Vorstellungen als „Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche“. In den Wünschen nach Liebe, Schutz und Gerechtigkeit treffen sich christlicher Glaube an die göttliche Liebe und Gerechtigkeit mit kommunistischen Heilsversprechungen hier auf Erden – und mit den Wunscherfüllungen hier und jetzt in den Süchten.
Hartmut Kraft

Biografie Klaus Staeck
Geboren 1938 in Pulsnitz/Kreis Kamenz bei Dresden. Aufgewachsen in Bitterfeld (DDR), 1956 Übersiedlung nach Heidelberg. 1957–1962 Jurastudium. 1960 erste Postkarten und Beginn der Ausstellungstätigkeit. 1965 Gründung Produzentenverlag/galerie „edition tangente" (Heute: Edition Staeck) in Heidelberg. 1969 Zulassung als Rechtsanwalt. 1977 Beteiligung an der Documenta 6, 1982 an der Documenta 7, 1987 an der Documenta 8. Seit 1990 Mitglied der Akademie der Künste Berlin, deren Präsident er 2006 wurde. Lebt in Heidelberg und Berlin.

Literatur
Freud S: Die Zukunft einer Illusion. (1927) GW Band 14: 325–80.
Staeck K: ohne Auftrag. Unterwegs in Sachen Kunst und Politik. Steidl, Göttingen 2001.
Staeck K, Seyfarth L (Hrsg.): Nichts ist erledigt. – Klaus Staeck. Eine
Retrospektive. Sammlung Falckenberg. Steidl, Göttingen 2004.
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