ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Psychotherapeutische Honorare: Kaum Zuwächse je Zeiteinheit

POLITIK

Psychotherapeutische Honorare: Kaum Zuwächse je Zeiteinheit

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 343

Best, Dieter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dieter Best, Dipl.-Psychologe, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Mitglied der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV, Gebührenordnungsbeauftragter der BPtK, niedergelassen in eigener Praxis. Foto: Deutsche Psychotherapeutenvereinigung
Dieter Best, Dipl.-Psychologe, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Mitglied der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV, Gebührenordnungsbeauftragter der BPtK, niedergelassen in eigener Praxis. Foto: Deutsche Psychotherapeutenvereinigung
Der Umsatz der Psychotherapeuten habe um 68 Prozent zugenommen, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Dies erzeugt ein falsches Bild von der tatsächlichen Einkommenssituation der Psychotherapeuten.

Die Fraktion der Grünen hat am 9. Mai dieses Jahres eine Kleine Anfrage zu den Psychotherapeutenhonoraren an die Bundesregierung gerichtet (Drucksache 16/9170). Anlass für die Anfrage waren die seit Jahren fast unveränderten Honorare der Psychotherapeuten und die Befürchtung, dass die Vergütungsreform 2009 zu sinkenden Honoraren führen könnte. Die Grünen wollten unter anderem Antworten zur Entwicklung der Umsätze und Überschüsse in psychotherapeutischen Praxen, zur Umsetzung der Bundessozialgerichtsurteile und zur Vergütung der Psychotherapie ab dem Jahr 2009.

Die Grünen beziehen sich auf Angaben der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), wonach der Bewertungsausschuss das vom Bundessozialgericht (BSG) festgesetzte Mindesthonorar stets nur so umgesetzt habe, dass Psychotherapeuten diese Mindesthonorare unter keinen Umständen überschreiten können. Psychotherapie würde nicht annähend so vergütet wie somatische Medizin. Weil psychotherapeutische Leistungen nach dem Stundenlohnprinzip vergütet werden, sei es Psychotherapeuten verwehrt, ihr Einkommen dadurch zu erhöhen, dass sie – wie im somatischen Bereich möglich – mehr Leistungen je Zeiteinheit erbringen.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), Marion Caspers-Merk, hat am 23. Mai für die Bundesregierung geantwortet (siehe auch Meldung in PP, Heft 7/2008). Sie schreibt unter anderem, dass sich die Gesamtausgaben für Psychotherapeuten seit 1999 mehr als verdoppelt hätten und der Umsatz des einzelnen Psychotherapeuten um 68 Prozent zugenommen habe.

Die Antwort der Regierung ergibt ein stark verzerrtes Bild der Vergütung der Psychotherapie und der Einkommen der Psychotherapeuten. Tatsächlich hat sich die Vergütung je Zeiteinheit trotz BSG-Rechtsprechung nicht nennenswert verbessert; sie hat nur zu einer Stabilisierung der Honorare auf unterem Niveau geführt. Die vom Bewertungsausschuss dem BMG zur Verfügung gestellten Daten zeigen, dass die dargestellten Honorarzuwächse fast ausschließlich auf statistische Fehlinterpretationen, auf eine Zunahme der Behandlerzahlen und auf eine Steigerung der Arbeitszeiten zurückgehen.

Falsche Schlussfolgerungen
Weiterhin ist prinzipiell kein Einkommen möglich, das über dem Durchschnittseinkommen vergleichbarer Arztgruppen liegt, auch nicht bei maximalem Arbeitseinsatz. In den Statistiken der Bundesregierung wird 1999 als Bezugsjahr für die Zuwächse herangezogen. Dies führt sowohl bei der Betrachtung der Entwicklung der Gesamthonorarsumme als auch bei der des Honorars je Psychotherapeut zu falschen Schlussfolgerungen. Für die Vergütung 1999, dem ersten Jahr nach dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes, galten folgende Besonderheiten:

- Durch Übergangsregelungen und zum Teil durch Sozialgerichtsklagen erhielten mehr als 2 000 Psychotherapeuten die Zulassung erst im Laufe des Jahres 1999.

- 1999 galt ein enges, gesetzlich vorgeschriebenes Budget (Artikel 11 PsychThG), das heißt, die Psychotherapeuten „bezahlten“ die Integration in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) mit starken Honorareinbußen.

- Große Summen der in der Kostenerstattung gezahlten Beträge waren wegen lückenhafter Angaben der Krankenkassen nicht in das KV-System übertragen worden.

Diese Besonderheiten bewirkten einen Sprung der Ausgaben von 1999 auf 2000 um 50,8 Prozent. In der weiteren Entwicklung flachten die Zuwächse ab, sodass insgesamt von 2000 bis 2006 der Zuwachs noch 49,5 Prozent, pro Jahr im Durchschnitt 8,3 Prozent betrug. Erfreulich ist zunächst, dass in diesem Zeitraum deutlich mehr Geld für die Behandlung psychischer Krankheiten investiert worden ist. Mit Zuwächsen stehen die Psychotherapeuten übrigens nicht alleine da, auch andere Bereiche haben im selben Zeitraum hohe Zuwächse zu verzeichnen, zum Beispiel die Kinder- und Jugendpsychiatrie mit 65 Prozent, die Strahlentherapeuten mit 317 Prozent und die Pathologen mit 78 Prozent.

Die Mehrausgaben für die Psychotherapie flossen allerdings nur zum geringsten Teil in eine Erhöhung der Honorare. Ein Teil erklärt sich aus der Zunahme der Anzahl der Psychotherapeuten um 12,4 Prozent von 12 111 im Jahr 2000 auf 13 617 im Jahr 2006. Ein größerer Teil kommt von der kontinuierlichen Zunahme der Arbeitszeiten der Psychotherapeuten. Dies ist auch der Grund für die Zunahme der Umsätze der Praxen. Lässt man aus den oben angeführten Gründen das Jahr 1999 außer Acht, ist der Umsatz je Psychotherapeut und Jahr aus GKV-Behandlungen von 46 892 Euro im Jahr 2000 auf 62 370 Euro im Jahr 2006 gestiegen (33 Prozent).

Die Steigerung der Arbeitszeiten der Psychotherapeuten lässt sich dadurch erklären, dass sich erst mit der Integration der Psychotherapeuten in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) allmählich professionellere Praxisstrukturen entwickeln konnten. Zu Zeiten des Delegations- oder Kostenerstattungsverfahrens war eine psychotherapeutische Praxis kein sicheres Standbein für eine wirtschaftliche Existenz.

Wie können nun die Arbeitszeiten erfasst werden? Bei Psychologischen Psychotherapeuten und überwiegend psychotherapeutisch tätigen Ärzten ist dies relativ einfach. Wegen der strikten Zeitgebundenheit der Leistungen und der Unmöglichkeit, Leistung pro Zeiteinheit zu verdichten, korreliert der Leistungsbedarf in EBM-Punkten fast vollständig mit der aufgewendeten Arbeitszeit. Der Leistungsbedarf ist deshalb ein gutes Maß für die Arbeitszeit. Er steigerte sich von 1 153 700 Punkten im Jahr 2000 bis auf 1 400 584 Punkte pro Psychotherapeut 2006. Dies ist eine Zunahme um 21,4 Prozent. Bereinigt man die Honorarsteigerung von 33 Prozent um diesen Prozentsatz, bleiben für die Erhöhung des Honorars je Zeiteinheit lediglich 11,6 Prozent übrig, pro Jahr durchschnittlich 1,9 Prozent – trotz der BSG-Urteile.

Nur durchschnittliches Facharzteinkommen
In der Antwort der Bundesregierung wird darauf hingewiesen, dass die Auslastung der psychotherapeutischen Praxen unter dem Durchschnitt der anderen Gruppen liege. Dies ist zwar richtig, jedoch kann ein Psychotherapeut auch mit maximaler Auslastung kein Einkommen erzielen, das dem eines somatisch tätigen Facharztes entspricht. Nach den Vorgaben des BSG gelten als maximale Auslastung jährlich 1 548 Sitzungen genehmigte Psychotherapie (43 Wochen × 36 Sitzungen je Woche bei einer Plausibilitätszeit von 70 Minuten). Dies entspricht einem Leistungsbedarf von 2 716 740 Punkten im Jahr beziehungsweise einer Bruttoarbeitszeit von circa 51 Stunden wöchentlich.

Der tatsächliche durchschnittliche Leistungsbedarf, gewichtet mit der Anzahl der Psychotherapeuten/Ärzte in jeder Untergruppe, betrug im Jahr 2006 circa 1,4 Millionen Punkte je Psychotherapeut. Gemessen an dem, was das BSG unter Maximalauslastung versteht, entspricht das einer Auslastung von 51 Prozent. Wenn der durchschnittliche jährliche Praxisüberschuss laut Antwort der Bundesregierung 38 673 Euro beträgt, ergibt die Hochrechnung auf die maximale Auslastung einen Überschuss von 75 829 Euro. Das ist weniger als die meisten durchschnittlichen Überschüsse anderer Facharztgruppen.

Dieser empirische Befund entspricht genau der normativen Vorgabe, wonach ein Psychotherapeut bei maximaler Auslastung keinen höheren Überschuss erzielen kann als ein Facharzt im Durchschnitt. Statistiken der KVen zeigen, dass nur etwa fünf Prozent aller Psychotherapeuten die Maximalauslastung von 36 genehmigungspflichtigen Psychotherapiesitzungen überhaupt erreichen. Dass weder Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten noch psychotherapeutisch tätige Ärzte nennenswert mehr als circa 1,4 Millionen Punkte im Jahr erreichen, dürfte ebenso ein Hinweis darauf sein, dass die BSG-Definition von 36 Psychotherapiesitzungen in der Woche als Vollauslastung ein kaum zu erreichendes Höchstmaß darstellt.

Fazit
Allein die Vergütung je Arbeitszeiteinheit erlaubt einen fairen Vergleich der Einkommen der Psychotherapeuten mit denen anderer Fachgruppen. Lässt man die Sondersituation des Jahres 1999 außer Betracht und bereinigt man die Zahlen um die Zunahme der Behandler und die Zunahme der Arbeitszeit je Psychotherapeut, ist kein nennenswerter Zuwachs der Vergütung je Zeiteinheit von 2000 bis 2006 zu verzeichnen. Die BSG-Rechtsprechung hat nur zu einer Stabilisierung der Honorare auf unterem Niveau geführt. Weiterhin ist prinzipiell kein Einkommen möglich, das über dem Durchschnittseinkommen vergleichbarer Facharztgruppen liegt, auch nicht bei maximalem Arbeitseinsatz. Ob sich an dieser Situation ab 2009 etwas ändert („Gleiches Geld für gleiche Leistung“), hängt von den weiteren Beschlüssen des Bewertungsausschusses ab.
Dieter Best
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema