ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Rauchfreie Krankenhäuser: „Alle Mitarbeiter ins Boot holen“

POLITIK

Rauchfreie Krankenhäuser: „Alle Mitarbeiter ins Boot holen“

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 350

Bühring, Petra

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Das Modellprojekt „Rauchfreies Krankenhaus“ präsentierte zum Abschluss seine Ergebnisse. Viele Kliniken sind noch zurückhaltend, dabei sind die „Best-Practice“-Beispiele durchaus ermutigend – auch in der Psychiatrie.

Das Tuberkulose-Sanatorium Wehrawald nahe Todtmoos im südlichen Schwarzwald hatte bereits 1930 Rauchverbote in der Hausordnung. Bei Verstößen erhielt die reiche internationale Klientel Hausverbot. Von Konsequenz mit Tradition kann man daher beim heutigen Rehazentrum Todtmoos sprechen, das sich als eine der wenigen Kliniken für das Goldzertifikat des Deutschen Netzes Rauchfreier Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen (DNRfK) bewirbt. Voraussetzung dafür ist das Silberzertifikat, das insgesamt nur 17 Kliniken in Deutschland führen.

Die Anforderungen für die Zertifikate nach den Kriterien des European Network for Smoke-free Hospitals (ENSH) sind hoch (siehe DÄ, Heft 23/2007 sowie im Internet: www.dnrfk.de). Es geht dabei nicht nur um Nichtraucherschutz im Gebäude – der ist inzwischen in allen Bundesländern obligatorisch. „Bei uns sind Entwöhnungsprogramme für alle Raucher verpflichtend, auch für das Personal“, berichtete Dr. Hansjörg Schäfer vom silberzertifizierten Rehazentrum in Wehrawald bei der Abschlusstagung des dreijährigen Modellprojekts „Rauchfreies Krankenhaus“ Ende Juni in Berlin. Patienten würden bei der Aufnahme über die Rauchfrei-Politik informiert. „Wer im Haus raucht, muss am nächsten Tag gehen“, betonte Schäfer. Es gebe keine Raucherräume oder -ecken, und auch auf dem Klinikgelände gelte Rauchverbot. Sollte trotzdem jemand rauchen, seien alle Mitarbeiter aufgefordert, denjenigen anzusprechen. Schilder wiesen auch Besucher auf das Rauchverbot hin. Selbstverständlich würden keine Tabakwaren in der Kinik verkauft. Leicht sei es nicht gewesen, all das umzusetzen, sagte Schäfer. Motivation, Kontinuität und Beharrlichkeit seien Voraussetzungen. Die Rauchfrei-Politik müsse von der Klinikleitung ausgehen, und ganz wichtig: „Alle Mitarbeiter müssen ins Boot geholt werden, auch die Köche und Gärtner“, erklärte Schäfer. Sechs Mitarbeiter rauchten trotz allem noch, die müssten das Klinikgelände verlassen, um ihre Sucht zu befriedigen.

Die meisten der 2 170 Krankenhäuser und 1 300 Rehakliniken scheuen offenbar die Anforderungen der Zertifikate. 171 Häuser sind Mitglied im DNRfK, davon haben 76 das Bronzezertifikat und 17 Silber. Die Bundesdrogenbeauftragte, Sabine Bätzing, hielt das Ergebnis des von der Bundesregierung geförderten Modellprojekts dennoch für „erfolgreich“ und erweiterte den Auftrag des Netzes auf Gesundheitseinrichtungen: Mit „rauchfrei plus“ soll das DNRfK auch Medizinische Versorgungszentren, Ärztehäuser oder Geburtshäuser bei der Umsetzung von Beratungs- und Tabakentwöhnungskonzepten unterstützen. Auch Christa Rustler vom DNRfK war zufrieden mit den Ergebnissen seit 2005, fühlte sich allerdings „noch mitten im Prozess“. Sie stellte eine Zunahme der Anfragen von Krankenhäusern seit Anfang 2008 fest. Die Nichtraucherschutzgesetze, die zum 1. Juli die letzten beiden Bundesländer, Nordrhein-Westfalen und Thüringen, verabschiedet haben, scheinen Wirkung zu zeigen.

In Kliniken sind indes – unterschiedlich je nach Bundesland – zahlreiche Ausnahmen möglich. Diese kann die Klinikleitung in ausgewiesenen Räumen von Abteilungen der Psychiatrie, Suchttherapie und Palliativversorgung sowie im Maßregelvollzug und in Heimen erlauben. Begründet werden die Ausnahmen mit einer möglichen Gefährdung des Therapieziels durch das Rauchverbot.

Das sah Prof. Dr. med. Anil Batra, der für die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Tübingen, das Silberzertifikat des DNRfK erhalten hatte, anders. Mit Verweis auf internationale Metaanalysen betonte er: „Rauchverbote in der Psychiatrie haben einen positiven Einfluss auf die Psychopathologie der Patienten und auch die befürchtete Aggressivität blieb aus.“ Seiner Erfahrung nach wollen viele Patienten abstinent werden; ohne Rauchverbot würden neue Patienten vielfach sogar erst zu Rauchern. Die vielfach befürchteten Widerstände des Personals könnten bei entsprechenden Schulungsangeboten überwunden werden. Wichtig zur Realisierung der rauchfreien Psychiatrie seien zudem Aufklärung über die Gefahren, Transparenz und Mitbestimmung sowie Entwöhnungsangebote. „Dadurch, dass das Nichtrauchen bei uns ständig Thema ist, wird es auch in der Therapie relevant“, sagte Batra. Für viele psychisch Kranke der erste Schritt in die Rauchfreiheit.
Petra Bühring
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