ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Reihe Internationale Psychotherapie: Australien – Silberstreif am Horizont

THEMEN DER ZEIT

Reihe Internationale Psychotherapie: Australien – Silberstreif am Horizont

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Hilfe bei psychischen Erkrankungen zu bekommen und zu finanzieren, ist in Australien nicht einfach. Mit „Medicare“ legte die Regierung 2006 ein finanzielles Förderprogramm auf, doch um teilzuhaben, müssen die Symptome sehr ausgeprägt sein.

Rund 92 Prozent der Australier sind europäischer, davon die meisten britischer oder irischer Abstammung. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch in der Psychotherapie auf dem Kontinent wider, die hauptsächlich britisch, aber auch deutsch und US-amerikanisch geprägt ist. Ende des 19. Jahrhunderts brachten australische Lehrer, die in Europa oder den USA studiert hatten, Philosophie und Psychologie nach Australien. Sie unterrichteten diese Fächer vorwiegend in Lehrerkollegien und widmeten sich den praktischen Anwendungen; heute hingegen hat die Psychologie in Wissenschaft und Praxis denselben Stellenwert wie in anderen westlichen Ländern auch.

Ausbildungswege
In Australien gibt es (noch) zwei Ausbildungswege für Psychologen und Psychotherapeuten: erstens eine staatlich anerkannte, vierjährige, psychologische Ausbildung mit anschließend zwei Praxisjahren unter Supervision; sie erlaubt eine Tätigkeit in einem klinischen Umfeld, berechtigt aber nicht zur Vollmitgliedschaft in der Australischen Psychologischen Gesellschaft (Australian Psychological Society, APS), der mit mehr als 15 000 Mitgliedern größten Psychologenvereinigung Australiens. Dieser Ausbildungsweg wird wahrscheinlich bald aufgegeben.

Zweitens eine mindestens zweijährige Zusatzausbildung in klinischer Psychologie, aufbauend auf einem Psychologiestudium, die mit einem Master- oder Doktortitel abgeschlossen wird. Es gibt mittlerweile mindestens 37 Institute und Universitäten, die eine Zusatzausbildung anbieten. Nach Angaben der Anbieter werden hauptsächlich kognitive und behaviorale Verfahren, mitunter auch interpersonelle Psychotherapie, vermittelt. Am Ende steht die staatliche Zulassung als klinischer Psychologe oder Psychotherapeut.

Psychologische Beratung und Psychotherapie werden auch von Psychiatern angeboten, deren Verbände entsprechende Fortbildungen und Prüfungen organisieren. Früher lag der Schwerpunkt der Zusatzausbildung auf psychodynamischer Therapie, in den letzten Jahren werden jedoch verstärkt kognitive und behaviorale Therapien einbezogen.

Seit 2001 dürfen zudem Hausärzte eine Zusatzqualifikation erwerben und können dann auf wenige Sitzungen beschränkte, psychologische oder psychotherapeutische Behandlungen von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen abrechnen. Die Zusatzqualifikation ist relativ einfach zu erwerben, denn sie umfasst nur wenige Stunden Unterricht in Diagnostik, Behandlungsplanung und psychotherapeutischen Methoden. „Trotz Zusatzausbildung fühlen sich aber viele Hausärzte nach wie vor nicht vertraut im Umgang mit psychischen Erkrankungen und behandeln lieber körperliche Beschwerden“, berichten David Kavanagh und Roger Dooley von der University of Queensland und seine Kollegen Analise O’Donovan (Griffith University) und Lyn Littlefield (APS).

Erster Ansprechpartner: der Hausarzt
In Australien lebt der größte Teil der Bevölkerung in Städten. Angenommen, Frau A. (Fallbeispiel) ist Städterin und von europäischer Abstammung, dann würde sie wegen ihrer Depressionen und Ängste zunächst einen Hausarzt aufsuchen, da Hausärzte für die meisten Australier die ersten und oft auch einzigen Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen aller Art sind. Nach der Untersuchung und einem kurzen Beratungsgespräch verschreibt ihr der Hausarzt Antidepressiva. Falls die Behandlung nicht anschlägt, wird er sie jedoch nicht überweisen oder eine andere Behandlung beginnen, da die Depressionen und Ängs-te bei Frau A. nicht besonders stark ausgeprägt sind. Nur bei starker Symptombelastung würde er sie an einen Psychiater überweisen, nicht aber an einen Psychologen oder Psychotherapeuten. Damit wären die Behandlungsmöglichkeiten für Frau A. fast schon ausgeschöpft.

Frau A. kann nun versuchen, sich nicht ärztliche beziehungsweise nicht psychotherapeutische Hilfe zu suchen, beispielsweise bei einem Berater einer kommunalen Einrichtung oder Klinik, deren Träger oft staatlich geförderte, religiöse Gemeinschaften sind; an solchen Einrichtungen sind auch Psychologen und Sozialarbeiter tätig. Ein Schulberater spricht sie vielleicht auf die schulischen Probleme ihrer Kinder an und rät ihr, die Kinder zu einem kommunalen Gesundheitszentrum zu bringen, wo eventuell auch Erziehungskurse für Eltern angeboten werden. Im Hinblick auf ihre Eheprobleme findet sie möglicherweise Hilfe in kommunalen Kliniken, die auf häusliche Gewalt spezialisiert sind. Darüber hinaus gibt es in Australien Beratungsstellen von Nichtregierungsorganisationen und vom staatlichen Gesundheitsdienst, Telefon-Hotlines, psychoedukative Internetseiten und Internetsupport durch Selbsthilfegruppen.

Diese Angebote sind dürftig und reichen bei Weitem nicht aus, die psychologisch-psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Denn in Australien leiden rund 20 Prozent der Erwachsenen unter einer diagnostizierbaren, psychischen Erkrankung, aber nur etwa ein Drittel der Betroffenen sucht einen Gesundheitsdienst auf, und nur sechs Prozent der Depressiven und vier Prozent der Patienten mit Angststörungen erhalten eine psychologische oder psychotherapeutische Behandlung. Viele psychisch Erkrankte bleiben sogar gänzlich unbehandelt.

Die Missstände erkannte auch die australische Regierung und rief 2006 ein Förderprogramm namens „Medicare“ ins Leben, mit dem vor allem die Behandlung psychischer Erkrankungen finanziell unterstützt werden soll. Bisher mussten die Patienten für ambulante oder stationäre Psychotherapie hohe Zuzahlungen leisten. Da aber mehr als die Hälfte aller Australier keine private Krankenversicherung abgeschlossen beziehungsweise psychotherapeutische Leistungen nicht mitversichert haben, war Psychotherapie für viele Betroffene unerschwinglich. Medicare finanziert nun bis zu zwölf Einzel- oder Gruppentherapiesitzungen pro Patient und Jahr, die von einem Psychotherapeuten oder Psychologen durchgeführt werden. Die Behandlung schwerwiegender psychischer Erkrankungen ist ausschließlich klinischen Psychologen und Psychotherapeuten vorbehalten, wohingegen leichtere Fälle von jedem zugelassenen Arzt oder Psychologen behandelt werden dürfen. Neu ist zudem, dass der behandelnde Hausarzt einen Psychologen hinzuziehen kann, um einen Behandlungsplan zu entwerfen, und die Patienten im Bedarfsfall an einen Psychologen oder Psychotherapeuten überweist. „Medicare ermöglicht erstmals eine psychologische Betreuung und Behandlung von Personen, die sich Psychotherapie bisher nicht leisten konnten“, heißt es in einer Pressemeldung der APS. Aber nicht nur die australischen Psychologen und Psychotherapeuten begrüßen Medicare als „Silberstreif am Horizont“, sondern auch die Bevölkerung, die das neue Angebot sehr gut aufnahm und gleich in den ersten Monaten stark beanspruchte.

Trotz Medicare erhält Frau A. aber wahrscheinlich keine psychotherapeutische Behandlung, da ihre Depressionen und Ängste nur mäßig ausgeprägt sind. Medicare ist jedoch ausschließlich für Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen gedacht und kommt nur zum Einsatz, wenn die Gefahr besteht, dass ein Patient sich oder anderen etwas antut.

Psychodynamische Therapie eher selten
Frau A. kann zwar einen Gesundheitsdienst oder Arzt aufsuchen, wird aber kaum intensiv behandelt, bevor ihre Symptome nicht stärker werden. Falls sie trotzdem eine Psychotherapie in Anspruch nehmen möchte, muss sie die Behandlung selbst bezahlen. Dafür benötigt sie eine Überweisung durch einen Arzt, mit der sie dann eine Privatpraxis eines Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiaters, eine Ambulanz oder eine Klinik aufsuchen kann. Dort wird sie wahrscheinlich in Einzelsitzungen mit kognitiv-behavioraler Therapie oder interpersoneller Psychotherapie behandelt; bei Bedarf wird die Behandlung durch Paar- oder Familientherapie ergänzt, aber nur in seltenen Fällen kommt psychodynamische Therapie zum Einsatz. Seit Medicare umfasst die Behandlung auch Psychoedukation und Patientenschulungen, beispielsweise Entspannungs- und Kommunikationstraining, Problemlösen oder Stressmanagement. Weitere Ergänzungen sind unter anderem die emotionsfokussierte Therapie, die achtsamkeitsbasierte-kognitive Therapie sowie die Acceptance-Commitment-Therapie. Zudem wird auf eine kurze Dauer von Psychotherapien Wert gelegt.

Da sich Frau A. jedoch aufgrund ihrer finanziellen Schwierigkeiten eine Psychotherapie nicht leisten kann und auch keine Unterstützung durch Medicare erhält, werden ihre Depressionen und Ängste ziemlich sicher unbehandelt bleiben.

Besondere Schwierigkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung bestehen auf dem Land. Australier, die beispielsweise im Outback auf Farmen leben, müssen oft 50 km bis zur nächsten Ortschaft, 250 km bis zu einer Kreisstadt und mehr als 100 km bis zum nächsten Hausarzt zurücklegen. Zudem sind Ärzte, Psychiater und Psychologen auf dem Land weit verstreut, und es gibt insgesamt nur wenige. Während zum Beispiel in großen Städten auf 100 000 Einwohner durchschnittlich 18 Psychiater kommen, sind es in entlegenen Gebieten nur zwei bis drei Psychiater. Professionelle Hilfe bieten fast ausschließlich die mobilen Hilfsdienste, die etwa einmal im Monat die entlegenen Gebiete aufsuchen und vom staatlichen Gesundheitsdienst oder vom Royal Flying Doctor Service organisiert werden. Ansonsten können sich Landbewohner im Internet behelfen, computergestützte Selbsthilfeangebote nutzen, sich in sozialen, ländlichen Netzwerken Hilfe suchen oder Farmberater konsultieren, die einen Erste-Mentale-Hilfe-Kurs absolviert haben. Auf dem Land gibt es also kaum Unterstützung für psychisch Erkrankte.

Versorgungsprobleme gibt es darüber hinaus bei den australischen Ureinwohnern, den Aborigines. Sie leben meistens in entlegenen, geradezu isolierten Gegenden, sind weit über den Kontinent verstreut und haben daher kaum Zugang zu ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung. Gerade die Aborigines benötigen jedoch dringend eine bessere Versorgung, denn sie haben eine deutlich höhere Mortalität und eine weitaus geringere Lebenserwartung als die Bevölkerung europäischer Abstammung. Außerdem sind sie überdurchschnittlich stark von sozialer Deprivation, Drogenmissbrauch, Selbstverletzung und Stress betroffen und werden fast zweimal häufiger wegen schwerer psychischer und mentaler Erkrankungen hospitalisiert als Nichtaborigines. Bisher bestand die einzige Hilfe für Aborigines mit leichten bis mittelschweren psychischen Erkrankungen in traditionellen Heilmethoden. Es sollen jetzt aber auch spezielle Angebote für Aborigines entwickelt werden, bei denen moderne Psychotherapie mit traditioneller Heilkunst kombiniert wird.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Abeles N: Psychotherapy around the world: A sampler. Psychotherapy Bulletin 2006; 41(2): 4–10.
2. Henderson S, Andrews G, Hall W: Australia’s mental health: An overview of the general population survey. Australian and New Zealand Journal of Psychiatry 2000; 34: 197–205.
3. Kavanagh D, Littlefield L, Dooley R, O’Donovan A: Psychotherapy in Australia: Clinical psychology and its approach to depression. Journal of Clinical Psychology 2007; 63(8): 725–33.
4. Taft R, Day R: Psychology in Australia. Annual Review of Psychology 1988; 39: 375–400.
5. Turtle A: Psychology in Australia. International Journal of Psychology 1985; 20: 111–28.

Kontakt:
David Kavanagh, School of Medicine, University of Queensland, Mental Health Centre, Royal Brisbane and Womens Hospital, Herston Qld, 4029 Australia, E-Mail: d.kavanah@uq.edu.au


Fallbeispiel
Frau A. (30), verheiratet, leidet unter Depressionen und Ängsten. Sorgen bereiten ihr außerdem gewaltsame Ehestreitigkeiten, finanzielle Probleme, Auseinandersetzung mit den Eltern und der Schwiegermutter sowie Verhaltensauffälligkeiten ihrer beiden Kinder. Der zehnjährige Sohn spricht kaum, erbringt ungenügende Schulleistungen und lehnt Hilfe bei den Hausaufgaben ab. Die achtjährige Tochter ist kontaktscheu, wird von anderen zurückgewiesen und möchte nicht mehr zur Schule gehen.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote