ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Geschlechtsspezifische Aspekte psychischer gesundheit: Die Krise der Jungen

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Geschlechtsspezifische Aspekte psychischer gesundheit: Die Krise der Jungen

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 357

Dammasch, Frank

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LNSLNS Jungen leiden stärker als Mädchen unter den sozialen Veränderungen der Moderne. Psychoanalytische und sozialpsychologische Perspektiven eines Phänomens

Man hat sich daran gewöhnt, dass die kinderpsychotherapeutischen und -psychiatrischen Praxen ebenso wie Erziehungsberatungsstellen stark überproportional von Jungen mit sogenannten externalisierenden Störungen frequentiert werden. Die Gründe für die geschlechtsspezifische Einseitigkeit werden selten untersucht. Auch in der kontrovers geführten Debatte um das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) bringt man die Ursachen für die Symptomatik nur randständig mit geschlechtsspezifischen Faktoren in Zusammenhang. Dies verwundert umso mehr, da doch gerade dieses Syndrom in der Kindheit als extrem männlichkeitslastig imponiert.

Die Bedeutung des Geschlechts geriet erst in den gesellschaftlichen Diskurs, seitdem auch die schulische Bildungskompetenz von Jungen ernsthaft gefährdet scheint. Die internationalen Vergleichsstudien bringen es wiederholt an den Tag: Sowohl zehnjährige (IGLU[Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung]) als auch 15-jährige (PISA) Jungen sind den gleichaltrigen Mädchen in der Lese- und Reflexionskompetenz deutlich unterlegen. Das Statistische Jahrbuch 2007 bestätigt den geschlechtsspezifischen Bildungsabstieg: Waren vor 20 Jahren Abiturienten noch mehrheitlich männlich, so sind es heute bei fallender Tendenz nur noch 43 Prozent. Die Abgänger von Hauptschulen dagegen gehören zu 62 Prozent dem männlichen und zu 38 Prozent dem weiblichen Geschlecht an. Schulabbrecher sind beinahe ausschließlich männlich.

Zudem gibt es bereits erste Indizien dafür, dass die Veränderungsresistenz verhaltensauffälliger Jungen bei präventiv orientierten Hilfsangeboten erheblich ausgeprägter ist als bei verhaltensauffälligen Mädchen. Alle Befunde sprechen dafür, dass es Jungen schlechter als Mädchen gelingt, sich an die sozialen Veränderungen und Bildungserfordernisse der Moderne flexibel anzupassen. Was behindert die emotionale und kognitive Entwicklung und die soziale Anpassungsfähigkeit der heranwachsenden männlichen Generation?

Psychoanalytische Forschungen legen die Annahme nahe, dass Jungen im Rahmen ihrer Kernidentitäts-entwicklung und bei der Entwicklung einer angemessenen Impulskontrolle auf positive Interaktions- und Identifikationserfahrungen mit ihrem Vater angewiesen sind.

Die Erfahrung von Stabilität und Flexibilität in einer triadischen Beziehungskonstellation sind der Grundpfeiler einer gesunden Entwicklung. Eine psychoanalytisch orientierte Langzeitstudie der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Basel (1) konnte zeigen, dass Jungen umso weniger aggressive Konfliktlösungsmodelle im Alter von vier Jahren benutzen, je eingebundener und positiv erfahrbarer der Vater in der familialen Triade ist. Die intrapsychische Fähigkeit von Vater und Mutter, schon vor der Geburt des Kindes sich selbst in einer Familie aus Dreien vorstellen zu können, war der zentrale Faktor bei der späteren Ausbildung der Kompetenz des Säuglings, im Alter von vier Monaten das Spiel mit Vater und Mutter flexibel miteinander kombinieren zu können. Die Qualität der Triangulierung hat sich als Dreh- und Angelpunkt der emotionalen und kognitiven Entwicklung des Kindes gezeigt. Bei der Bildung dieser triangulären Kompetenz, so ein erstaunliches Ergebnis des Basler Forschungsprojekts, sind Jungen stärker als Mädchen abhängig von der Triangulierungskompetenz ihrer Eltern und hierbei insbesondere von der Sicherheit und Flexibilität vermittelnden Präsenz eines Vaters, der mit der Mutter liebevoll verbunden ist.

Daten eines qualitativen Forschungsprojekts an der Universität Frankfurt/M. (2) zum Zusammenhang von emotionaler und kognitiver Entwicklung von Schulkindern in der zweiten Klasse deuten darauf hin, dass auch für das Lernen die Fähigkeit, intrapsychisch triangulierende Verbindungen herzustellen, bedeutungsvoll ist. Vor allem Jungen mit abwesenden Vätern zeigen häufig ein strukturelles Triangulierungsdefizit, das mitverantwortlich für Lern- und Verhaltensstörungen sein kann. So leben zum Beispiel etwa 70 Prozent der männlichen Patienten der kinderpsychiatrischen Universitätsklinik Leipzig (3) nicht mit ihren Vätern zusammen.

Die Befunde decken sich mit der Wahrnehmung vieler Lehrer, dass vor allem Jungen ohne positive männliche Vorbilder, einen liebevoll zugewandten Vater zu Hause, den sozialen Anforderungen der Schule nicht genügen. Psychoanalytische Kindertherapeuten sehen die Psychodynamik ihrer unruhig-aggressiven Patienten im Kern häufig gekennzeichnet durch frühe Regulationsstörungen in der Mutter-Kind-Dyade und durch die fehlende interaktiv wirksame Wertschätzung durch einen männlichen Dritten.

Männliche Bezugspersonen fehlen schon früh
Für die aktuell sich abzeichnende Krise der Jungen sind auch sozial-psychologische Faktoren von Bedeutung. Jungen finden außerhalb der Familie bis zum zehnten Lebensjahr in den pädagogischen Institutionen keine männlichen Bezugspersonen. Sie werden in Krippen, Kindergärten und Grundschulen fast ausschließlich von Frauen erzogen. So fehlt es Jungen an professionellen männlichen Identifikationspersonen, an positiver Spiegelung und sozialer Anerkennung männlicher Interaktionsmuster, was um so gravierender ist, wenn auch innerhalb der Familie keine spielerische Auseinandersetzungs- und Identifikationsmöglichkeit mit einem Vater gegeben ist. Für eine positive Entwicklung scheinen Jungen neben der notwendigen erzieherischen Begrenzung mehr noch die Erfahrung der Formung ihrer Affekte und Triebwünsche in einem motorisch und körperbetonten spielerischen Dialog mit einer bedeutungsvollen Bezugsperson zu brauchen, die das spezifisch Männliche des Jungen wertschätzt und formt. Die innere Einstellung und das Engagement des Vaters, der mit seinem Sohn mehr unternimmt als Fußball zu spielen und vor dem Fernseher oder Computer zu hocken, ist ein Schlüssel zur Entwicklung einer flexiblen männlichen Identität. Wo der Vater zu Hause fehlt, brauchen die Söhne alleinerziehender Mütter engagierte Männer in der Krippe, im Kindergarten und in der Grundschule. Weniger die personelle als vielmehr die inhaltliche Feminisierung der Bildung mag auch ein Grund dafür sein, dass sich viele Jungen mit ihren speziellen Vorlieben und Vorstellungen nicht ausreichend wahrgenommen und anerkannt fühlen. Typische Verhaltensmuster von Jungen, vor einiger Zeit milde positiv anerkannt – „so sind die wilden Kerle halt“ – werden in der weiblich dominierten Pädagogik, die immer stärker unter Druck steht, schon Kleinkinder leistungsmäßig zu fördern, zunehmend zu störendem Verhalten.

Während das Mädchen sich in seiner Weiblichkeit positiv gespiegelt erleben kann, sowohl von der Mutter als auch von den Erzieherinnen im Kindergarten und den Lehrerinnen in der Grundschule, fehlt dem Jungen eine solche Sicherheit und Vielfalt vermittelnde Spiegelung seiner männlichen Identität durch Frauen und Männer. Die mangelnde positive Anerkennung männlicher Interaktionsmuster führt häufig zu einer einseitigen Orientierung an schlichten phallischen Leitbildern. So neigen viele Jungen heutzutage dazu, ihre labile männliche Identität durch virtuelle großartige, kämpferische Männlichkeitsbilder zu stabilisieren. Killerspiele mit phallischen Waffen werden fast ausschließlich von männlichen Jugendlichen konsumiert.

Jungen neigen dazu, frühe Mangelerfahrungen durch den Aufbau der Illusion narzisstischer Unabhängigkeit und phallischer Größe abzuwehren: Das früher stilbildende und positiv anerkannte, klassisch starre Männerbild des unabhängigen „lonesome cowboy“ läuft aber in der flexibilisierten, leistungsorientierten Pädagogik und in der sich rasant wandelnden kommunikativen Dienstleistungsgesellschaft zunehmend ins Leere. Jungen leiden stärker als Mädchen unter den sozialen Veränderungen der Moderne. Diskontinuitätserfahrungen in der Primärfamilie, insbesondere die emotionale oder reale Abwesenheit eines liebevollen, mit Kind und Mutter verbundenen Vaters, können von Jungen schlechter kompensiert werden als von Mädchen. In nicht triangulierten Beziehungsformen groß gewordene Jungen ohne Vater müssen viel psychische Energie für die Abwehr der Angst vor dem Verlust der labilen männlichen Identität aufbringen, die ihnen beim Entwickeln emotionaler und kognitiver Kompetenzen fehlt.

Beim Verstehen der männlichen Entwicklung und ihrer Störungen sind wir allerdings erst am Anfang. Obwohl Sigmund Freud wesentliche Bausteine der menschlichen Psychosexualität, vor allem aus der Analyse von Frauen, gewonnen hat, sah er die Weiblichkeit als unerforschten „dark continent“. Psychoanalytische und feministische Wissenschaftlerinnen haben bei der Erforschung der weiblichen Innenwelt in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Nun müssen wir konstatieren, dass das männliche Geschlecht zum dark continent geworden ist. Denn seit Freud hat man sich mit der Entwicklungstheorie der Männlichkeit nur partiell beschäftigt. Die geschlechtsspezifische Entwicklung des Jungen im Spannungsverhältnis zwischen biologischer Reifung und psychischer Repräsentanzenbildung hat es verdient, künftig stärker in den Fokus klinischer und empirischer Forschung gestellt zu werden.

Literatur
1. v. Klitzing K: Frühe Entwicklung im Längsschnitt: Von der Beziehungswelt der Eltern zur Vorstellungswelt des Kindes. PSYCHE, Zeitschrift für Psychoanalyse 2002; 56: 863–87.
2. Dammasch F, Katzenbach D: Triangulierung – Handeln und Denken im Dreieck. Frankfurt/M.: Brandes und Apsel Verlag 2008 (im Druck).
3. v. Klitzing K.: „Du bist wie dein Vater“ – Die Bedeutung früher Familienbeziehungen für die Identitätsentwicklung des Jungen. In: Damasch F (Hrsg): Jungen in der Krise – Das schwache Geschlecht? Frankfurt/M.: Brandes und Apsel Verlag 2008.
4. Dammasch F (Hrsg): Jungen in der Krise – Das schwache Geschlecht? Frankfurt/M.:
Brandes und Apsel Verlag 2008.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. phil. Frank Dammasch, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut,
Bergerstraße 16, 60316 Frankfurt
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