ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Stanley Milgram: Gehorsam gegenüber Autorität

THEMEN DER ZEIT

Stanley Milgram: Gehorsam gegenüber Autorität

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 359

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Der Sozialpsychologe Stanley Milgram studierte die Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gruppen sowie die Gruppendynamik. Foto: Archiv
Der Sozialpsychologe Stanley Milgram studierte die Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gruppen sowie die Gruppendynamik. Foto: Archiv
Vor 75 Jahren wurde der amerikanische Psychologe Stanley Milgram geboren.

Der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram wies in seinem berühmt gewordenen Experiment aus dem Jahr 1962 nach, dass drei Viertel der Durchschnittsbevölkerung durch eine pseudowissenschaftliche Autorität dazu gebracht werden können, einen ihnen unbekannten Menschen zu misshandeln. Er tat dies „ausdrücklich mit der Absicht“, das komplexe Problem der Gehorsamsbereitschaft besser zu verstehen, und nicht, um es von einer höheren Warte aus zu verurteilen. Seine Ergebnisse riefen in der Welt ungläubiges Staunen und Betroffenheit, aber auch Kritik und teilweise erbitterte Proteste hervor.

Stanley Milgram wird am 15. August 1933 in New York geboren. Mitte der Fünfziger-jahre schließt er sein Studium am Queen’s College ab und promoviert unter Gordon Allport an der Harvard University. Allport zufolge erforscht die Sozialpsychologie vor allem, wie Denken, Fühlen und Verhalten des Einzelnen durch die Gegenwart anderer beeinflusst werden. Zudem studiert sie die Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gruppen wie auch das Kräftespiel innerhalb von Gruppen, die „Gruppendynamik“. Hier setzt der Sozialpsychologe Milgram mit seiner Arbeit an.

Wann verweigert die Versuchsperson Gehorsam?
Um Gehorsam auf einfache Weise zu untersuchen, schafft er eine Situation, in der eine Person einer anderen eine Handlung befiehlt, und notiert, wann dem Befehl Folge geleistet wird und wann nicht. Um die Gehorsamsstärke und die Bedingungen zu untersuchen, unter denen diese Stärke variiert, stellt er einen Bezug zu einer starken Gegenkraft her, die in Richtung Ungehorsam wirkt: dem moralischen Gebot, dass man einer hilflosen Person, die für einen selbst weder schädlich noch bedrohlich ist, keine Schmerzen zufügen soll. Die Kernfrage des Experiments ist demnach, wie lange die Versuchsperson sich den Anordnungen des Versuchsleiters fügt, bevor sie weiteren Gehorsam verweigert.

Seine Testpersonen rekrutiert Milgram aus der 300 000-Einwohner-Gemeinde New Haven. Am Tag des Experiments betreten zwei Personen ein elegantes Psychologielabor der Yale University. Die eine wird vom Versuchsleiter zum „Lehrer“, die andere zum „Schüler“ bestimmt. Lediglich der Lehrer ist eine uneingeweihte Versuchsperson. Den Versuchsleiter spielt ein Biologielehrer, den Schüler ein Buchhalter, der für diese Rolle ausgebildet worden ist. Der Versuchsleiter erklärt beiden, dass die Untersuchung sich mit der Auswirkung von Strafe auf das Lernen befasse. Der Schüler wird nun in einem Nebenraum an einen Stuhl gebunden. An seinem Handgelenk befestigt man eine Elektrode samt Elektrodensalbe, „um Blasen und Verbrennungen zu vermeiden“. Die Versuchsperson nimmt als Lehrer vor einem Schockgenerator Platz und erhält den Auftrag, mit dem Schüler einen Lerntest durchzuführen. Jedesmal, wenn der Schüler eine falsche Antwort gibt, soll die Versuchsperson ihm einen elektrischen Schock verabreichen, beginnend bei 15 Volt. Bei jeder weiteren falschen Antwort soll sie die Schockstärke um 15 Volt steigern bis zu einer Stärke von 450 Volt. Unter den 30 Schaltern des Schockgenerators befinden sich Aufschriften, die von „leichtem Schock“ bis zu „bedrohlichem Schock“ reichen. Selbstverständlich erhält der „Schüler“ keinen wirklichen Schock. Doch um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, erklärt der Versuchsleiter auf dessen Nachfragen, die Schocks könnten äußerst schmerzhaft sein, hätten jedoch keine bleibende Gewebeschädigung zur Folge.

Auf Zweifel oder Fragen der Versuchsperson während des Experiments reagiert der Versuchsleiter mit einer Reihe standardisierter Bemerkungen: „Bitte, fahren Sie fort! Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen! Sie müssen unbedingt weitermachen!“ In einer Voruntersuchung ohne jede Rückmeldung des Schülers verabreicht nahezu jede Versuchsperson die geforderten Schocks bis zum Ende der Skala. Weitere Varianten des Experiments ordnen einer bestimmten Voltstufe Laute und Worte des Schülers zu. Das reicht von leichtem Knurren bei 75 Volt über Stöhnen bis zu lautstarkem Protest und qualvollem Brüllen. Von 150 Volt an aufwärts besteht der Schüler anhaltend darauf, sofort aus dem Experiment entlassen zu werden. Bei 300 Volt brüllt er verzweifelt, dass er keine Antworten mehr geben werde. Zudem wird die Nähe des Schülers zum Lehrer variiert (Schüler im Nebenraum, mündliche Rückkopplung durch eine Wand, Raumnähe, Berührungsnähe).

Milgrams Ergebnisse weichen deutlich von dem ab, was mehrere Hundert zuvor befragte Personen vorhersagen. Sie erwarten, dass praktisch alle Versuchspersonen dem Versuchsleiter den Gehorsam verweigern würden, die meisten spätestens dann, wenn der Schüler darum bitte, das Experiment abzubrechen. Tatsächlich gehorchen in der ersten Variante 26 von 40 Versuchspersonen (65 Prozent) den Befehlen des Leiters bis zum Schluss. So gut wie niemand weigert sich grundsätzlich, Schocks zu erteilen. Mit zunehmender Nähe zum Opfer nehmen Gehorsamsbereitschaft und durchschnittlich gegebener Maximalschock ab. Doch sind in Experiment vier (Berührungsnähe) immerhin noch 30 Prozent der Versuchspersonen bis zum Schluss gehorsam, und die durchschnittlich verabreichte Voltstärke beträgt 255 Volt. Der Umzug in ein weniger elegantes Labor, die Erwähnung eines Herzfehlers seitens des „Schülers“ und das Auswechseln von Versuchsleiter und Schüler führen nicht zu mehr Gehorsamsverweigerung. Ein mündlicher Vertrag zwischen Versuchsleiter und Schüler zu Beginn des Experiments, der dem Schüler garantiert, dass er nur so lange teilnehmen muss, wie er will, bewirkt lediglich eine leichte Zunahme der Gehorsamsverweigerung. In den meisten Fällen besteht ein deutlicher Unterschied zwischen der Schockhöhe, die die Versuchsperson dem Schüler verabreicht, und der Höhe, die sie selbst als Probeschock zu akzeptieren bereit ist.

Milgram beobachtet eine drastische Abnahme der Gehorsamsbereitschaft, wenn der Versuchsleiter nicht im Labor anwesend ist und seine Anordnungen telefonisch gibt. Hier verweigern 77,5 Prozent der Versuchspersonen den Gehorsam. Dabei geben mehrere von ihnen niedrigere Schocks als ihnen befohlen wird, ohne jedoch einen offenen Bruch mit der Autorität zu riskieren. Gruppendruck wirkt auf die Verweigerungsrate: Arbeitet die Versuchsperson mit zwei Gleichrangigen (in Wirklichkeit Helfer des Versuchsleiters) und weigern diese sich, das Experiment fortzusetzen, verweigern 90 Prozent den Gehorsam. Verabreicht dagegen nur ein Gleichrangiger anstelle der Versuchsperson die Schocks, liegt die Verweigerungsrate unter zehn Prozent. Frauen sind ähnlich gehorsam wie Männer, doch sie sind dabei deutlich angespannter als gehorsame Männer. Wenn den Testpersonen die Wahl der Schockstufe freigestellt ist, verabreichen die meisten nur die niedrigste Stufe – für Milgram ein entscheidender Hinweis darauf, dass die Versuchspersonen ihre Opfer nicht deshalb misshandeln, weil sie besonders aggressiv sind, sondern weil sich ihr Verhalten durch die Situation in spezifischer Weise verändert.

Warum ist Gehorsam eine so starke Anlage im Menschen? Milgram zufolge haben hierarchisch organisierte Gesellschaften innerhalb der Evolution einen klaren Überlebensvorteil. Eine derartige gesellschaftliche Organisation setzt eine gewisse Gehorsamsbereitschaft voraus. Von einem evolutionären Standpunkt aus betrachtet, ist also entscheidend, dass eine Gesellschaft Individuen hervorbringt, die in Hierarchien funktionieren können. Milgram vergleicht die Gehorsamsbegabung mit der Sprachbegabung und postuliert für sie ähnlich spezifische Hirnstrukturen. Diese gestatten dem Einzelnen innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges zwei Handlungsweisen: einen „selbstbestimmten (autonomen) Modus“ zur Befriedigung eigener Bedürfnisse und einen „systemgebundenen Modus“, wenn er in eine größere Organisationsstruktur eingebunden ist. In diesem „Agens-Zustand“ übernimmt der Einzelne nicht mehr die Verantwortung für seine Handlungen, sondern sieht sich als Instrument zur Durchführung der Wünsche anderer. Das Verhalten eines Individuums hängt demnach entscheidend davon ab, in welchem der beiden Zustände es sich befindet. Im Agens-Zustand geht ein normalerweise höflicher und freundlicher Mensch brutal gegen einen anderen vor, weil sein Gewissen beim Eintritt in eine hierarchische Struktur deutlich abnimmt.

Die meisten beurteilen das Experiment positiv
Mit allen Versuchspersonen findet nach Beendigung des Experiments eine Aussprache statt. Jede von ihnen kann sich mit dem „Opfer“ „aussöhnen“. Gehorsamen Versuchspersonen versichert man, dass ihr Verhalten ganz normal gewesen sei und dass andere Teilnehmer die gleichen Konflikt- und Spannungsgefühle gezeigt hätten wie sie. Milgram zufolge beurteilen die meisten Teilnehmer das Experiment positiv. Drei Viertel geben an, sie hätten durch ihre Beteiligung etwas Wichtiges gelernt.

1970 wiederholt David Mantell Milgrams Experiment in München. Die Gehorsamsrate liegt hier höher als bei Milgram, der Unterschied ist statistisch jedoch nicht signifikant. Für Mantell beweisen die Ergebnisse, dass in einer hierarchischen Struktur die „banalste und oberflächlichste Begründung ausreicht, um destruktives Verhalten hervorzubringen“.

In ihrem Bericht über den Prozess gegen Adolf Eichmann vertritt Hannah Arendt die Ansicht, Eichmann sei viel eher ein fantasieloser Bürokrat als ein sadistisches Ungeheuer gewesen („Eichmann in Jerusalem“, 1963). Milgram gelangt zu dem Schluss, dass „Arendts Konzept von der ,Banalität des Bösen‘ der Wahrheit näherkommt, als man sich vorzustellen wagen würde“.

Unter Psychologen findet das Experiment sowohl Befürworter als auch scharfe Kritiker. Dabei wird auch Sorge um das Befinden der Versuchspersonen geäußert. Sicher müssen diese mit dem, was sie über sich erfahren haben, weiterleben.
Christof Goddemeier
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema