ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Alfred Adler: Wissenschaft und Kunst

BÜCHER

Alfred Adler: Wissenschaft und Kunst

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 373

Goddemeier, Christoph

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
„Denn mit unserer Menschenkenntnis ist es nicht weit her. Wir leben in komplizierten kulturellen Verhältnissen, die eine richtige Schulung für das Leben sehr erschweren“, schreibt Alfred Adler in seinem wohl verbreitesten Werk. Die Hauptaufgabe des Buchs sieht er selbst darin, „die Mängel unseres Wirkens und Schaffens in der Gesellschaft aus dem fehlerhaften Verhalten des Einzelnen zu verstehen, seine Irrtümer zu erkennen und eine bessere Einfügung in den gesellschaftlichen Zusammenhang zu bewerkstelligen“. Im Alltag sprechen wir häufig von „Menschenkenntnis“ – ein wissenschaftlicher Fachbegriff ist sie nicht. Für Adler ist klar, dass man diese Wissenschaft nicht nur theoretisch betreiben kann. Im Sinn einer „Psychologie im Dienst des Lebens“ will er einen Beitrag leisten, dass Menschen besser leben, weil sie sich und andere besser verstehen. Menschenkenntnis ist für Adler beides: Wissenschaft und Kunst. So knüpft er an die dichterische intuitive Erfassung des Menschen an und bezieht sich etwa auf Dostojewski und La Rochefoucault. Gleichzeitig will er eine wissenschaftliche Grundlage schaffen, da die Menschenkenntnis sich noch in demselben Zustand befinde „wie etwa die Chemie, als sie noch Alchemie war“.

Der Text besteht aus einem „allgemeinen Teil“ und einer „Lehre vom Charakter“. Im ersten Teil klärt Adler die anthropologischen Voraussetzungen der Individualpsychologie, der zweite bildet seinen Beitrag zur Persönlichkeitspsychologie. Wie bereits in seinem theoretischen Hauptwerk „Über den nervösen Charakter“ (1912) erörtert Adler auch in „Menschenkenntnis“ die Entstehung des Charakters psychodynamisch. Vererbung spielt ihm zufolge dabei keine Rolle. Einer „Dispositionspsychologie“ stellt er seine „Positionspsychologie“ gegenüber und betont damit, dass es ihm nicht auf angeborene Anlagen ankommt, sondern auf die Position, die jemand in einem sozialen Bezugssystem einnimmt. Deutlich weist er auf die „soziale Beschaffenheit des Seelenlebens“ und den „Zwang zur Gemeinschaft“ hin und nimmt damit die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelnen in den Blick. Dabei steht für Adler „am Beginn jedes seelischen Lebens ein mehr oder weniger tiefes Minderwertigkeitsgefühl“, dieses Gefühl induziert überhaupt erst den Prozess des Seelenlebens. „Charakter“ ist die persönliche Antwort, die ein Individuum auf die Anforderungen seiner Umwelt gibt. Mit den Begriffen „Leitlinie“, „Weltbild“ und ab 1929 „Lebensstil“ bezeichnet Adler das Ergebnis dieser Wechselwirkungen.

„Menschenkenntnis“ setzt sich zusammen aus Vorlesungen, die Adler im Volksheim Ottakring hielt. Ohne die Hilfe eines mitstenografierenden Juristen wäre das Werk nicht entstanden. Bei der Lektüre spürt man die Kraft des gesprochenen Wortes. Zahlreiche Fallbeispiele tragen zur Anschaulichkeit bei. Christoph Goddemeier

Jürg Rüedi (Hrsg.): Alfred Adler. Menschenkenntnis (1927). Studienausgabe, Band 5. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 235 Seiten, gebunden, 37,90 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema