ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2008Wahn: Mehrdimensionalität und Komplexität

BÜCHER

Wahn: Mehrdimensionalität und Komplexität

PP 7, Ausgabe August 2008, Seite 374

Michael, Nikolaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Mit dem Buch „Wahn“ legt der renommierte Psychiater Rainer Tölle eine Monografie vor, die sich einem zentralen, wenngleich schwer definierbaren Phänomen der klinischen Psychiatrie widmet.

Zentrale Perspektive ist das Erleben des Kranken, es geht zuerst darum, Wahn zu verstehen. Dieses Verständnis kann sowohl das Unheimliche für die Umwelt mindern als auch die Trennung des Kranken von seiner Umgebung überwinden helfen. Denn Wahnerleben wird üblicherweise mit dem menschlichen Umfeld nicht geteilt und deshalb meist auch nicht mitgeteilt.

Das Buch beginnt mit zwei anschaulichen Beispielen und untersucht daraufhin den Wahn in Zusammenhang mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, körperlichen Erkrankungen. Besondere Formen von Wahnerkrankungen werden auch besprochen wie der Dermatozoenwahn und die Folie à deux (induzierter Wahn). Um das Phänomen des Wahns tiefer zu ergründen, beschäftigt sich der Autor auch mit Grenzbereichen wie Traum, Fantasie oder emotional überbewerteten Überzeugungen („überwertige Ideen“). Darüber hinaus werden Dimensionen der Literatur, Religion, Geschichte und Philosophie mitberücksichtigt. Dieser umfassende Ansatz erweist sich für den Leser als besonders fruchtbar, um die menschlichen Wurzeln des Wahns zu begreifen.

In klinischer Hinsicht werden Entstehung, Diagnose und Behandlung berücksichtigt, und es werden äußerst bedeutende Beispiele aus der Psychiatriegeschichte wie der „Hauptlehrer Wagner“ oder der „Fall Schreber“ besprochen, wobei auch psychoanalytische Erkenntnisse zum Tragen kommen. Das Buch ist reich an Beispielen, klar geschrieben und zeigt, dass auch anspruchsvolle Fachliteratur mühelos lesbar sein kann.

Diese Monografie scheint nicht unbedingt dem Zeitgeist zu entsprechen. Dennoch gehört sie – gerade aus einem Geist, der Psychiatrie in ihrer Mehrdimensionalität und Komplexität begreift – in eine Zeit, in der strukturierte Interviews, operationalisierte Diagnostik und Klassifikationssysteme die unvoreingenommene Beobachtung und das tiefe Verständnis von psychisch Kranken erschweren.

Das Buch kann uneingeschränkt neben Ärzten und Psychologen auch allen anderen mit Psychiatrie beschäftigten Personen sowie dem interessierten Laien empfohlen werden. Nikolaus Michael

Rainer Tölle: Wahn. Krankheit – Geschichte – Literatur. Schattauer, Stuttgart, New York, 2008, 252 Seiten, kartoniert, 29,95 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema